Ausschnitt aus Augustin Théodule Ribot: Der Koch und die Katze

Das ist schon wieder nicht der Untergang

In diesen Tagen wird mal wieder der Niedergang des Qualitätsjournalismus beschwören. Warum? Ausgerechnet weil Springer seine Regionalzeitung Hamburger Abendblatt und die Hörzu sowie ein Bündel weiterer Blätter an die Funke-Gruppe verkauft hat? Ein Deal von insgesamt nahezu einer Milliarde Euro, den die Börse mit einem Kurssprung belohnt. Was bedeutet das aber für freie Journalisten? Für die betroffenen Kollegen vom Hamburger Abendblatt wohl nichts Gutes. In der Funke- ehemals WAZ-Gruppe, herrscht ein rücksichtsloses Sparregime.

Und für leidenschaftlichen Journalismus stand dieses Verlagshaus und ihre Zeitungen auch vor der Krise noch nie. Aber ist nun schon deshalb der Untergang des Journalismus zu erwarten, weil Springer als Konzern nicht mehren an ihn glaubt und sich auf mutmaßlich lukrativere Felder konzentriert? Ein Verlag der mal ein guter Arbeitgeber für Festangestellte war, aber schon lange kein guter Auftraggeber mehr ist für Freie. Ein Verlag, der erst die Vergütungsregeln unterzeichnete dann aber freien Schreibern die eh schon knausrigen Sätze in vollem Umfang verweigerte. Dann bei der Zusammenlegung der Redaktionen von Welt Hamburg und Hamburger Abendblatt bekamen dann viele Freie, die zum Teil seit Jahrzehnten für Springer gearbeitet hatten, von einem Tag auf den anderen keine Aufträge mehr. Eine Erklärung, ein Wort des Dankes gab es nicht. Schlechter kann der Stil bei der Funke-Mediengruppe auch nicht sein.

Als 1789 in Frankreich die Revolution tobte, bedeutete das für die meisten Hofköche der königlichen Familie und des Landadels, dass sie sich neue Abnehmer für ihre Terrinen und Soufflés suchen mussten. Die adligen Arbeitgeber waren auf der Flucht, oder hatten bereits ihren Kopf verloren. Die Köche verliessen also die Grossküchen der Schlösser. Viele machten ein eigenes Lokal auf. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Gasthäuser im Land sprunghaft an und die französische Restaurantlandschaft und ihre Haute Cousine trat in den folgenden Jahrhunderten einen Siegeszug um die Welt an. Die Köche hatten sich aus feudalen und monopolisierten Strukturen befreit und dabei das Schlemmen demokratisiert.

Vielleicht erleben wir als freie Journalisten gerade das, was für die französischen Köche der Sturm auf die Bastille war. Vielleicht bedeutet die jüngste Entwicklung, dass der Journalismus nicht mehr zu Konzernstrukturen passt. Gruner hat bereits vor Monaten das Herzstück seiner Wirtschaftsmedien geschlossen. Aus Impulse ist plötzlich das geworden, worüber das Blatt sonst berichtet: ein mittelständisches Unternehmen. Neuer Besitzer und Geschäftsführer ist ein Journalist.

Es gibt einige Magazine, die seit Jahrzehnten mit einer Auflage von einem Bruchteil der Hörzu existieren, und trotzdem bereit sind, halbwegs ordentliche Autorenhonorare bezahlen. Es gibt sogar regionale Tageszeitungen wie etwa die Badische Zeitung, die immerhin einen Freienbeirat unterhält und wenigstens die Vergütungsregeln bezahlt. Spätestens seit dem Springer-Deal sei es dringend an der Zeit, sich als Journalist eine Exitstrategie aus unserem Job zu überlegen, schreibt der Journalist und Medienberater Karsten Lohmeyer auf seinem Blog “Lousy Pennies”. Oder eben eine Strategie, die ihn aus der Abhängigkeit des einen großen Auftraggebers befreit. Klar sind auch wir Freie darauf angewiesen, dass mit Journalismus gedruckt oder digital weiterhin Geld zu verdienen ist. Millionenauflagen sind dafür aber nicht notwendig. Konzernstrukturen schon gar nicht. Dass die Zeiten, in denen viel Geld im Journalismus war, nicht unbedingt auch die goldenen waren, daran hat Michael Jürgs erst vor ein paar Tagen in der SZ erinnert.

Es gibt viele Ideen, woher das Geld in unserem Beruf künftig kommen könnte. Zugegeben, keine ist für sich genommen derzeit überzeugend. Es ist offen, wie die Medienrevolution ausgeht. Aber vielleicht sind die Chancen gerade jetzt gar nicht so schlecht, dass es die Journalisten sind, die sich den Journalismus wieder von den Verlagsmanagern zurückerobern. Weil sie an Inhalte glauben, nicht nur an Rendite.