Die Initiative Neue Soziale Journalistenwirtschaft

Es kommt in diesen Tagen nicht oft vor, dass man als freier Journalist einen Anruf bekommt und jemand sagt: „Haben Sie Interesse, für uns einen Monat lang durch Deutschland zu reisen und sich mit den Leuten über unsere Marktwirtschaft zu unterhalten? Ein Fernsehteam wird Sie begleiten, Sie berichten über Ihre Interviews auf einer eigenen Internet-Seite, Ihre Stücke werden in renommierten Blättern abgedruckt, und vielleicht kommen Sie auch ins Fernsehen.“ Wow, denkt man sich, hat da etwa ein großes Medienhaus beschlossen, mit einem schönen Projekt zu zeigen, dass Journalismus gerade in Zeiten der Krise so etwas wie Orientierung bieten kann? Nö, leider nicht. Hinter dem Projekt steckt die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierte Lobbyorganisation. Mit einem Jahresetat von etwa zehn Millionen Euro versucht sie, ein neoliberales Wirtschaftsklima zu schaffen: flexibler Arbeitsmarkt, weniger Staat, mehr Eigenverantwortung. Das Projekt „Deutschland 24/30“, für das insgesamt drei Journalisten gesucht wurden, ist eine Art Roadshow des Wirtschaftswandels (Lobbycontrol hat dazu gestern eine Pressemitteilung verschickt). Als Interviewpartner stehen nicht nur der Mann und die Frau von der Straße zur Verfügung, sondern auch die Frau aus dem Kanzleramt, der Mann aus dem Chefbüro der Deutschen Bank und der Mann aus der Bild-Chefredaktion. Das Honorar für jeden der drei Journalisten soll zwischen 6000 und 7000 Euro liegen. Damit kommt jeder der drei, wenn wir eine Fünf-Tage-Woche zugrunde legen, auf ein Honorar von mindestens 300 Euro am Tag. Damit liegen sie im Durchschnitt, es gibt auch jetzt noch freie Journalisten, die zu Produktionsschichten in Redaktionen geholt werden, deren Tagessätze deutlich darüber liegen. Es gibt aber auch genug Redaktionen, die einen Tagessatz von 150 Euro für vollkommen okay halten. Auch in renommierten Verlagen. Im Arbeitgeberverband Gesamtmetall genießen freie Journalisten offenbar ein höheres Ansehen als bei Holtzbrinck, Springer oder Gruner und Jahr. Man könnte aber auch sagen: Die freie Wirtschaft macht sich das miserable Honorarniveau in deutschen Medienunternehmen zunutze und spannt freie Journalisten vor ihren Karren. Und so wie es aussieht, wird sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern. Gespräche mit Verantwortlichen aus Redaktionen und Verlagen über die Situation freier Journalisten führen immer zum selben Ergebnis. Die Argumentationslinie lautet: Freie Journalisten befinden sich auf einem Markt, in dem sich der Preis aus Angebot und Nachfrage ergibt. Wer nicht in der Lage ist, mit seiner Arbeit höhere Preise zu erzielen, hat offenbar auch nicht die entsprechenden Fähigkeiten. Dass es zwischen Verlagen und freien Journalisten längst ein strukturelles Ungleichgewicht gibt, dass dieser Markt deshalb längst nicht mehr funktioniert und mit der finanziellen Ausstattung der freien Journalisten der Journalismus insgesamt in Gefahr gerät, weil seine Unabhängigkeit auf dem Spiel steht – solche Argumente perlen an den Verantwortlichen ab wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Nein, nein, jeder freie Journalist muss selbst zusehen, dass er mit seiner Arbeit genug erwirtschaftet. Es tut uns leid, wir können nichts für Sie tun. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch wir freie Journalisten verstehen uns als Unternehmer, die sich auf einem Markt bewegen. Auch wir wissen, dass gute Arbeit die Voraussetzung für gute Honorare ist. Diese Herausforderung nehmen wir an, deshalb haben wir uns ja entschieden, frei zu arbeiten. Doch wer argumentiert, dass freie Journalisten eben genau so viel verdienen, wie sie verdienen, verkennt die Realität: Freie Journalisten haben im Moment nicht damit zu kämpfen, dass ihre Arbeit nicht gut genug wäre, sondern damit, dass der Markt versagt. Und das bedroht nicht nur das Geschäftsmodell von freien Journalisten, sondern auch das Gesellschaftsmodell, das unter anderem auf einer unabhängigen Presse basiert: Immer mehr Freie übernehmen immer mehr Arbeit, weil die Redaktionen in den letzten Jahren immer weiter ausgedünnt wurden. Die Verantwortlichen nehmen stillschweigend in Kauf, dass die Freien wegen der miserablen Honorare ihr Geld andernorts verdienen, zum Beispiel in der PR, deren Inhalte in den medialen Markt zurückfließen. Irgendwann wird sich so kein Leser mehr darauf verlassen können, dass das, was in der Zeitung steht, das ist, was ein Journalist wirklich denkt – und nicht das, was ihm der eingeflüstert hat, der dafür viel Geld bezahlt hat. Vielleicht sollte ich einen Monat lang durch Deutschland reisen, um mich mit den Leuten über die Situation des Journalismus in Deutschland zu unterhalten. Dabei würden mit Sicherheit spannende Gespräche entstehen – es wird nur keiner das Honorar dafür bezahlen wollen.