Wulff, die Bahncard und wir Journalisten

Nichts ist so kläglich, dass es nicht wenigstens als schlechtes Beispiel dienen könnte. Und so scheint, als bliebe uns von der kurzen Amtszeit des Christian Wulff immerhin eine große gesellschaftliche Debatte: Die über das “Wulffen”: mitnehmen was geht, Vergünstigungen annehmen, die man nur wegen seiner gesellschaftlichen Stellung erhält, für größere Geschenke unter Geschäftsfreunden empfänglich zu sein, Sie wissen schon… Am Wochenende benachrichtigte die Deutsche Bahn die Journalisten unter ihren Kunden, dass sie ab Mitte April die Bahncard für Besitzer des Presseausweises nicht mehr zum halben Preis abgeben wird. Der Rabatt passe nicht mehr in die Zeit, findet das Staatsunternehmen. Die “gesellschaftliche Sicht auf die Dinge” habe sich gewandelt schreibt der Konzern erstaunlich offen. Aber in diesem Fall trafen wohl die gesellschaftliche Ethikdebatte und der Sparwille des Konzerns auf’s Trefflichste zusammen. Freischreiber bietet keinen Presseausweis an und wir bedauern auch, dass er in den letzten Jahren zum Rabattheftchen verkommen ist. Allerdings muss die Diskussion um Presserabatte – zumindest was freie Journalisten betrifft – vor dem Hintergrund seit Jahren sinkender Honorare und immer knapperer Spesenbudget gesehen werden. Wir wissen auch, dass manche Auftraggeber überhaupt keine Reisekosten mehr übernehmen. Diese strukturellen Probleme können und dürfen Presserabatte jedoch nicht lösen. Freischreiber setzt sich deshalb nicht für das Alimentieren von freien Journalisten ein, sondern für eine angemessene Bezahlung ihrer Arbeit. Dann sind “finanzielle Erleichterungen” durch Journalisten-Rabatte, mit denen Konzerne wie die Bahn ja durchaus eine Absicht verfolgen, nicht mehr notwendig. Die Bahncard ist für Rabatte sogar eher untypisch. Längst gewähren Produzenten von Unterhaltungselektronik und auch Reiseveranstalter Rabatte, die nichts mit der Arbeit von Journalisten zu tun haben. Der Bahncard-Rabatt aber kam bisher weniger dem Journalisten selbst zugute (natürlich auch, denn wahrscheinlich wurde jede rabattierte Bahncard auch privat genutzt), sondern war in erster Linie eine Subvention für Verlage. Mit einer Bahncard halbieren sich die Fahrtkosten, für die der Auftraggeber aufkommen muss und nach unserer Erfahrung erwarten Redaktionen längst ganz selbstverständlich, dass jeder Freie sie für seine Recherchereisen benutzt. Angesichts der schlechten Honorarlage wäre es also der richtige Weg, die Auftraggeber an dieser Investition von 240 Euro auch zu beteiligen. Etwa durch eine zusätzliche Spesenpauschale, die freie Journalisten ihren Auftragebern bei jeder Reise, die sie mit der Bahncard oder anderen Vergünstigungskarten dieser Art antreten, neben den Reisekosten in Rechnung stellen. Für die Verlage wäre eine solche Bahncard-Pauschale allemal günstiger als künftig den vollen Bahnpreis zu bezahlen.