Das leere Blatt – Wege aus der Schreibblockade

Jeder Text beginnt mit einem leeren Blatt. Das kann zur Qual werden, den Autor an sich, seinem Thema, seinem Beruf und der ganzen Welt zweifeln lassen. Schreibblockaden treffen die größten Literaten und die preiswürdigsten Reporter, aber das beruhigt im konkreten Falle nur bedingt. Was also tun, wenn der Abgabetermin für einen Text drängt, der Text aber noch längst nicht existiert? Wenn selbst die erprobten Vermeidungshandlungen ausgereizt, also sämtliche Fenster geputzt sind, eine Linsensuppe gekocht ist und auch der letzte alte Schulfreund gegoogelt wurde?

Vorarbeiten

Es gibt eine Vielfalt an Schreibblockadeüberwindungsstrategien, weshalb die folgende Liste nur unvollständig sein kann. Wahrscheinlich könnte man sie alle umgehen, wenn man lange vor dem Schreiben daran denken würde, dass man irgendwann einsam vor dem Computer sitzen wird, um Buchstaben zu einer Geschichte aneinander zu reihen. Schreiben ist ja nur ein Teil unserer Arbeit, einer der letzten Arbeitsschritte bei der Produktion von Texten.

Deshalb der erste Tipp: Bereits vor der Recherche muss klar sein, welche Geschichte erzählt werden soll. Wenn man sie genau in den Fokus nimmt und Interviews, Orte, Beobachtungen um dieses eng gefasste Thema gruppiert, dann ist das einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einem Text, der sich ohne große Blockaden schreiben lassen müsste. Man gerät dann weder beim Recherchieren noch später beim Schreiben ins Schwimmen.

Der zweite Tipp: Nach der Recherche ist das Notizbuch voll geschrieben. Man könnte ein ganzes Buch zum Thema schreiben. Dieses Material muss sorgfältig gesichtet werden. Was waren die starken Szenen? Wer hat wirklich gute Zitate gebracht? Was ist verzichtbar? Einen farbigen Stift nehmen und die Passagen anstreichen. Hilfreich in diesem Stadium ist es oft auch, das Erlebte jemandem zu erzählen. Reine Kopfarbeit, die zeigen wird, was hängen geblieben ist. Es entsteht eine allererste Rohfassung, ein Destillat mit den wichtigsten Elementen der Geschichte. Der letzte Schritt vor dem Schreiben ist die Gliederung. Sicher, es gibt diejenigen, die ganz ohne auskommen. Aber einer – zumal langen – Reportage tut die gründliche Planung, eine ausgefeilte Dramaturgie immer gut. Schließlich dient sie auch der Vergewisserung des Autors, dass er nichts vergisst, was unbedingt in die Geschichte gehört.

An den Schreibtisch – oder gerade nicht

Dann ruft der Schreibtisch. Was, wenn es dort aber nicht flutscht, trotz der gründlichen Vorarbeit? Es klingt banal, aber ein Ortswechsel kann der Schreibblockade abhelfen. Warum nicht mal auf dem Balkon schreiben? Unter dem Apfelbaum, am Esstisch? Es muss ja nicht gleich das Klo sein. Dorthin flüchtete sich der Schriftsteller Bech – geschildert von John Updike –, allerdings nicht um zu schreiben, sondern weil er hoffte, durch stundenlanges Blättern in der Zeitschrift „Encounter“ die Spur des Schreibens zu finden.

Sakrale Handlungen

Der schweizerische Literaturwissenschaftler Peter von Matt sieht im Verfassen von Texten einen sakralen Vorgang, passend dazu macht er ritualisierte, kultische Handlungen aus, die dem Schreiben vorausgehen oder es begleiten. Elias Canetti etwa hatte immer mehrere gespitzte Bleistifte neben dem Papier auf seinem ansonsten leeren Schreibtisch liegen. John Steinbeck soll, während er an „East of Eden“ arbeitete, jeden Tag mit einem Brief an seinen Verleger begonnen haben. Der Versuch, den letztlich unberechenbaren Vorgang des Erschaffens eines Textes in solche Rituale zu fassen, der ganzen Sache also eine feste Form zu geben, kann hilfreich sein. Nach seinem persönlichen Ritual muss allerdings jeder selbst forschen.

In den Fluss springen

Als Autoren noch mit Schreibmaschine schrieben, gehörte es bei der Bewältigung der Schreibblockade dazu, immer wieder ein Blatt Papier einzuspannen und loszulegen, den Versuch nach einigen Buchstaben, Wörtern, Sätzen oder gar Absätzen abzubrechen und das Papier entschlossen aus der Maschine zu reißen. Auch das dürfte Elemente einer kultischen Handlung in sich tragen, hatte zusätzlich den Vorteil des körperlichen Sich-Abreagierens, verursachte aber jede Menge Müll. Das entfällt heutzutage und ist auch gut so, denn es geht auch anders.

Die Schreibtrainerin Judith Wolfsberger empfiehlt die Methode des sogenannten Freewritings als „einfachste Methode, um in Schreibfluss zu kommen“. Einfach drauf los schreiben, ohne auf Formulierungen zu achten. Allein auf die Gedanken soll man sich konzentrieren und nicht stoppen, einfach schreiben, schreiben, schreiben, es fließen lassen, auch wenn es einem wie ein einziger Buchstabensalat erscheint. Wolfsberger verspricht, dass in dem Geschriebenen viele Ideen und Ansätze stecken werden, die man Schritt für Schritt überarbeiten kann. Ebenfalls empfehlenswert und dem Freewriting verwandt: die bereits erwähnte Erzählmethode. Man erzählt die Geschichte einem nahen Menschen (dem man es zumuten kann, unvermittelt eine Geschichte erzählt zu bekommen), dabei werden sich die Gedanken ordnen und sich Zugänge zum Text herauskristallisieren.

Der schwere erste Satz – oder: Mitten rein!

Manchmal hängt es nur am ersten Satz. Dem Einstieg, der so wichtig ist, weil er die Leser in den Text ziehen soll. Wer keine Idee hat, kann auch später im Text anfangen, weiter unten, irgendwo in der Mitte, vielleicht sogar mit dem letzten Satz. Oder mit der kurzen Passage, die den Lesern nach dem Einstieg die Geschichte in geraffter Form serviert. Am Einstieg kann man später immer noch feilen.

Was sonst?

Wenn es gar nicht geht: Weg vom Computer! Sport machen oder ins Lieblingscafé gehen, vielleicht in eins, das einen mit einer literarischen Aura umweht. Nicht jeder wohnt in Wien, wo es diese Cafés gibt, nicht jeder in Berlin, Hamburg und München, wo es schöne und vielleicht inspirierende Literaturhäuser gibt. Trotzdem: Ein schöner Ort, an dem man gerne ist, an dem der Schreibtisch weit genug weg ist, kann gut tun. Vom Café ist der Weg dann auch nicht weit zur letzten Methode: Andere Getränke müssen her, härtere – oder gleich ganz andere Substanzen. Viele große Schreiber schrieben im Suff. Wobei es schwerfallen dürfte, eine Kausalität zwischen dem Suff und einem gelungenen Text herzustellen. Der lässt sich nie allein dadurch schreiben, weil man vorher ordentlich getrunken hat.

Der Glücksfall

Schließlich die allerletzte Strategie, zu oft sollte man sie allerdings nicht anwenden, denn nur in Einzelfällen dürfte sie erfolgreich sein – und nie wieder so erfolgreich wie beim allerersten Mal: Als Hunter S. Thompson 1970 vom Kentucky Derby berichten sollte, hatte er ein Notizbuch voller Beobachtungen, litt aber unter einem heftigen Schreibblockade. Aus lauter Verzweiflung und weil der Abgabetermin nahte, riss Thompson einige Seiten seines Notizbuches heraus, nummerierte sie und schickte sie ein. Daraus wurde nicht nur dieser grandiose Text – sondern es war auch der Beginn des gonzo journalism. Eine Schreibblockade leitete eine neue Stilepoche ein.

Felix Zimmermann