Auf Freie angewiesen
Am gestrigen Dienstag hat der Chefredakteur des "Zeit-Magazins", Christoph Amend, bei uns gesagt, dass Freie das Spektrum seines Magazins erweiterten. Merkt das auch der Leser?
Diese Frage haben wir Stephan Weichert gestellt. Er ist Professor für Journalistik an der Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg und aufmerksamer Leser des "Zeit-Magazins".
Was wäre das "Zeit Magazin" ohne Freie, Stephan Weichert?
"Ich lese hin und wieder das "Zeit Magazin" und genieße es. Es ist fast so gut gemacht wie das Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Ich verehre Harald Martenstein, den König unter den Kolumnisten, ich verschlinge die Kochrezepte von Wolfram Siebeck, erfreue mich jedes Mal an den fantasievollen „Deutschlandkarten“ und war der größte Fan der Interview-Serie „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ von Giovanni di Lorenzo, die vielleicht fortgesetzt wird.
Was mich inzwischen nervt, sind die doppelten Titelseiten, die einzig dem Zweck dienen, eine weitere Premium-Anzeige zu verkaufen. Mit dem Format „Ich habe einen Traum“ konnte ich noch nie viel anfangen, die „Gesellschaftskritik“ finde ich in den meisten Fällen nur leidlich originell, den Auto-Test vollkommen überflüssig – und die Rätsel, na ja, geschenkt!
Soviel zu meiner Meinung über das "Zeit Magazin" – oder sagen wir besser: über die Texte und Rubriken, die vor allem von der Redaktion des "Zeit Magazins" erstellt werden. Was aber wäre das "Zeit Magazin" ohne die freien Mitarbeiter und Zulieferer von Recherchen und kompletten Geschichten? Der "Zeit" geht es wirtschaftlich gesehen gut, also geht es auch dem "Zeit Magazin" gut – soviel darf unterstellt werden: Elf Redaktionsmitglieder, ein fester Autorenpool sowie etliche Freischreiber sind ein ganz ordentliches Personaltableau für ein Magazin, das einmal pro Woche mit rund 35 redaktionellen Seiten (also ohne Werbung) erscheint. Das Berliner Wochenblatt „Freitag“ und das Magazin „Cicero“ müssen mit erheblich weniger auskommen.
Trotzdem erkennt der aufmerksame Leser, dass viele Reportagen, Interviews oder Features im Heft häufig von freien Kollegen stammen oder mit ihrer Unterstützung zustande kommen. Auch in der vorliegenden Ausgabe sind knapp zwei Drittel aller Beiträge von externen Autoren und Fotografen. Das zeigt, wie sehr die Redaktion offenbar auf Freie angewiesen ist. Allem Anschein nach ist das Magazin auch bereit, freien Mitarbeitern angemessene Honorare zu zahlen – dafür spricht die Qualität der Geschichten, Recherchen, Fotos und Zeichnungen, die in diesem Heft vorkommen. Platzhalter kann ich – außer den genannten Rubrizierungen, von denen sich einige totgelaufen haben – in dieser Ausgabe keine erkennen. Neugierig bin ich allerdings schon, ob die Redaktion ihr Magazin ohne Freie überhaupt stemmen könnte."
Könnte sie kaum, wir haben es vergangenen Montag zum Start unserer Freiflächen-Kampagne gezeigt. Ohne Freie wäre das "Zeit-Magazin" öd' und leer gewesen, 60 Prozent des redaktionellen Teils werden von Freien geliefert.
Hätten Sie, als Leserinnen und Leser des Magazins, das gedacht?
Oder Sie da, der Sie für's "Zeit Magazin" schreiben: Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Magazin? Sind die Honorare, wie Stephan Weichert vermutet, für freie Mitarbeiter angemessen? Haben Sie, wie es Christoph Amend schrieb, "so schnell wie möglich" eine Antwort auf Ihre Themenvorschläge bekommen? Gerade das ist ja für Freie mitunter ein Problem.
Wenn Sie Lust haben, teilen Sie uns Ihre Ansichten, Eindrücke, Meinungen mit. Platz dafür ist unten in den Kommentaren.
Kommentare
Tun wir mal Erfahrungsbutter bei die Fische: Ein Text für die – inzwischen eingestellte – Rubrik »Atelierbesuch« im »Zeit-Magazin« umfasste zirka 6 000 Anschläge. Dafür musste ich als Autor das Thema durchbringen (Archivrecherche, verschiedene Kurzexposés schreiben, mehrmals nachhaken), alle Termine klären (auch mit dem Fotografen), Interview vorbereiten, das Atelier aufsuchen, den Künstler interviewen, ggf. noch visuelle Details dem Fotografen vorschlagen, das Interview abhören, ach ja, und noch den Text schreiben. Und, bitte (in solchen Fällen erfolgen Rückrufe durchaus prompt) noch schnell einen kleinen Bio-Kasten, ja? Gegenlesen des redigierten Textes ist eigentlich nicht vorgesehen.
Das Honorar? 400 Euro brutto. Welches etwa vier bis sechs Wochen nach dem Termin überwiesen wird, an dem der Text erschienen ist – und das kann dauern.
Das alles ist normal, andere zahlen schlechter. Vielleicht verhandle ich auch nur schlecht. Ob es angemessen ist, muss jeder für sich selbst beurteilen.
Allerdings: Noch heute erreichen mich Einladungen von Galerien mit dem Zusatz »Red. Zeit-Magazin«. Das Magazin wird also geschätzt und auch gelesen. Dass man bei der »Zeit« wiederum um dieses Renommée weiß und es gern vom Honorar abzieht, nun … gängige Praxis, wie auch andere Freischreiber wissen.
Ich habe einmal für die Redaktion des Zeit-Magazins gearbeitet. Der Text war fertig Ende Oktober vor zwei Jahren, wurde für gut befunden und für die Ausgabe vor Weihnachten eingeplant. Aus für mich nachvollziehbaren Gründen wurde der Text dann geschoben auf einen Zeitpunkt im Frühsommer.
Nicht nachvollziehen wollte ich, dass auch das Honorar bis zu diesem Zeitpunkt geschoben werden sollte. Ich bat höflich und immer nachdrücklicher um die Überweisung. Ende Januar bekam ich eine Email, in der stand, dass 1000 Euro für 10 000 Zeichen überwiesen würden.
Nach weiteren vier Wochen rief ich in der Redaktion an. Dort sagte man mir, dass man mir zwar geschrieben habe, dass das Honorar überwiesen würde, aber nicht, wann das passieren würde. Kurz darauf bekam ich einen Anruf des Inhalts, dass da ein Fehler passiert sein müsse, das Honorar werde sofort überwiesen. Vier Tage später war es auf dem Konto.
Aus tiefem Respekt vor einer so kunstvollen Buchführung habe ich fortan davon abgesehen, das Spektrum des Zeit-Magazins zu erweitern.
Wenn ich die Summe des Honorars lese und dazu, was der Autor drumherum noch alles leisten muss - dann kriege ich einen hysterischen Lachanfall! Das ist kein für das Renommée der ZEIT angemessenes Honorar! Das ist degoutant und arrogant!
Aber leider üblich - auch andere große Verlage agieren und zahlen auf diesem Niveau! Bei manchen Magazinen arbeitet man vor allem für "Ruhm & Ehre".
Hinzu kommt: Die FREIEN sollen die tollen News und Kontakte haben ....(sehen wir leider kaum Chancen, es sei denn, Ihnen gelingt ein Interview mit Sharon Stone etc. !), alle Trends möglichst in der ganzen Welt kennen! Dürfen aber nirgends hin - es sei denn sie finanzieren es selbst! Denn die Redaktion muss ja sparen! So kommt es, daß man als Journalist z. B. über Häuser, Gärten, Wohnungen schreibt, die man selbst nie im Original gesehen hat. Und wozu gibt es schließlich Google?!
Geschichten selbst anschauen, vor Ort recherchieren, das ist verbunden mit Reisen - das kostet Geld, das die Verlage nicht gewillt sind zu investieren. Die Krise ist da gerne ein vorgeschobenes Argument, um Honorare zu drücken. Aber nach außen wird heuchlerisch immer noch auf QUALITÄT gepocht.
Es ist eine absurde Quadratur des Kreises. Einerseits kommen die zusammengeschnurten Redaktionen ohne Freie gar nicht aus, sind aber nicht bereit, für Kompetenz zu zahlen. Dabei sind die Freien doch eh viel preiswerter: keine Sozialabgaben, keine Bürokosten etc.
Die Frage ist: wie tief soll das Niveau noch sinken, für wie dumm hält man die Leser?
@ Kai: mutiger Kommentar, Kompliment!
Ich habe einen ganz einfachen Lösungsvorschlag:
Mindestlohn für Journalisten !
In allen möglichen Branchen wird der Mindestlohn eingeführt oder zumindest diskutiert, nur für den Journalismus ist offensichtlich noch keiner darauf gekommen.
Existenzbedrohende Zeilenhonorare bzw. Pauschalpreise könnten so der Vergangenheit angehören, da ein Mindesthonorar zu zahlen wäre.
Hinzu kommen sollten Regelungen für Wiederverwertungen, die ebenso ein Mindestlevel garantieren sollten.
Dass so manches Medium auf die Mitarbeit von Freien angewiesen ist, sollte Mut machen, besonders in einer Zeit, in der Redaktionen weniger Aufträge vergeben, weil es oft einfach die leichteste Möglichkeit ist, Kosten zu sparen, sollen doch die Redakteure mehr schreiben. Es sollte auch Mut machen, nicht alles und vor allem nicht für jedes Geld mit sich machen zu lassen. Womit ich beim Thema wäre: Geld ist immer noch eine Form von Wertschätzung. Auch wenn einige bei der "Zeit" immer noch glauben, Ehre und Reputation anführen zu müssen, um die niedrigen Honorare zu rechtfertigen. Letztlich aber geht es auch um die Honorare, weil selbst freie Journalisten existenzielle Grundbedürfnisse haben, manchmal sogar Familien, und es die Verkäuferin an der Kasse nicht sonderlich beeindruckt, wenn man ihr sagt, man schreibe aber für die "Zeit". Womit ich beim Punkt wäre: Die "Zeit" ist unbestritten eine großartige Zeitung, wenn man sie als Leser genießen darf, vielleicht auch als Festangestellter für sie arbeiten darf, als Freier macht es nicht so wirklich Spaß, was vor allem an den Honoraren liegt: sie sind bescheiden. Manchmal wartet man auch noch Monate lang auf das Geld. Natürlich denkt man dann, es liege an einem selbst, weil man offenbar der Redaktion nicht mehr Geld wert ist und dann erfährt man glücklicherweise, dass es anderen auch so geht. Und wir offenbar alle der Redaktion nicht so viel Geld wert sind. Man fragt sich dann weiter, ob das vielleicht auch einer der Gründe ist, warum die "Zeit" wirtschaftlich offenbar so erfolgreich ist. Vielleicht sollte man eine weitere Frage in den Katalog an die verantwortlichen Medienmacher einbauen: »Stellen Sie sich vor, Sie recherchieren eine Geschichte, fahren nach Köln, München und Stuttgart, treffen dort Leute, um sie zu interviewen, Sie führen etliche Telefonate und lesen Archivmaterial, Sie mühen sich und schreiben darüber eine 15.000 Zeichen-Reportage, Sie überarbeiten diese Geschichte, weil der Redakteur noch Fragen und Anregungen hat, am Ende haben Sie zwei, drei Wochen mit der Geschichte verbracht, die dann doch nicht gedruckt wird, weil sie nicht der Vorstellung der Redaktion entspricht – fänden Sie 400 Euro für diesen Aufwand angemessen?«
@ Mindestlohn:
Bei Selbständigen geht es nicht um Mindestlöhne, sondern ggf. um Mindesthonorare.
Der aktuelle Stand im Bereich Zeitung:
http://mediafon.net/meldung_volltext.php3?id=4b28fa432e9bd&akt=news_allgemein&view=&si=4b2cef8ac88ac&lang=1
Klick: mediafon.net/meldung_volltext.php3
Spitzfindigkeiten ändern an der Sache nichts ...
Aber danke für die Meldung, das ist doch schonmal was.
Zitat aus einem vorherigen Kommentar: "Dabei sind die Freien doch eh viel preiswerter: keine Sozialabgaben, keine Bürokosten etc."
Witzig? Zynismus? Schräger Humor? Gar: Ernst gemeint? Falls letzteres der Fall sein sollte: Böser Denkfehler. Oder Schlimmeres. Freie Arbeit KANN - unter betriebswirtschaftlichen Faktoren wie soziale Absicherung, Kosten für Infrastruktur (Büro, Ausrüstung usw.) - bei realistischer Betrachtung nicht "viel preiswerter" als die Arbeit festangestellter Redakteure sein. Keine Sozialabgaben für Freie? Für den Verlag nicht. Für den Freien schon, der "darf" über das KSK-Modell hinausreichende soziale Absicherung in voller Höhe selbst finanzieren - aus seinen Honoraren. Keine Bürokosten? Für den Verlag nicht. Für den Freien schon, der seine Arbeitsmittel von Arbeitszimmer bis Zeitungsabo in voller Höhe selbst finanzieren muss. Aus seinen Honoraren. Spätestens seit der leidigen Debatte um "Scheinselbständigkeit" ist es mit der Nutzung redaktionseigener Infrastruktur sowieso vorbei. Freie Arbeit "viel preiswerter"? Um annähernd auf das Einkommen eines Redakteurs zu kommen, müssten Freie rund 30 bis 50% mehr Umsatz als dessen Bruttohonorar erzielen: Eine hübsche Theorie, die von der gängigen Praxis von lausigen Honoraren über Buy-Out-Verträge bis hin zu "Schreiben für Ruhm und Ehre" leider komplett ad absurdum geführt wird. (Was übrigens auch den Redakteuren ein Problem beschert hat: Der Denkfehler preiswerterer freier Arbeit war und ist mit ein Grund für Outsourcing in Redaktionen, ups, pardon, neudeutsch "Freisetzung" oder schlicht "Feuern".
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