Die drei Jenseitsreiche des freien Journalismus

Bevor wir unten die Kandidaten für den Hölle-Preis der Freischreiber für die fieseste Redaktion nennen, bieten wir Ihnen eine exklusive Fortsetzung der "Divina Commedia". Bitte folgen Sie unserem Jenseitsführer:

»Ich hatte einen Traum. Ich war in der Hölle. Das Neonlicht flackerte. Eine Horde Redakteure kam auf mich zugerannt. "Gib uns deine Themen", riefen sie. Ihre Gesichter kamen mir bekannt vor. Sie entrissen mir meine Papiere und brachten sie dem Chefredakteur, der mit einem Dreizack an einer langen Tafel thronte. Er liess sich meine Themen vorlesen und schrie seinen Redakteuren zu: Diese Geschichte machst Du. Diese Du. Für mich war keins meiner Themen übriggeblieben.
Ich rannte in den nächsten Raum. Der Raum war fast leer. Nur an den Wänden Regale, auf denen Diät Bücher standen. An den Wänden hingen Bilder der Jahreszeiten. Auf dem Bildschirm sah ich einen Text. Darüber mein Name. Das Thema kam mir bekannt vor. Der Text nicht. War wirklich Claudia Schiffer die neue Königin von Sansibar? »Hier werde ich bis zu meinem Lebensende wohnen«, sagte sie. Ich hatte nie mit ihr gesprochen.
Entsetzt wandte ich mich ab. Im nächsten Raum ging es hektisch zu. Redakteure saßen an ihren Rechnern und spitzten Themen zu. Niemand beachtete mich. Ich rief: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die fieseste im ganzen Land?« An den Wänden hingen die armen Seelen von Online-Kollegen und bettelten um Honorare. Ich wachte auf."

Drei Kandidaten für den Hölle-Preis der Freischreiber
Nominiert für den Hölle-Preis der freien Journalisten für die fieseste Redaktion sind die Redaktionen:
»Neon«,
»Für Sie« und »Spiegel Online«.

Ausführliches demnächst an dieser Stelle.

Die Freischreiber-Mitglieder haben die Wahl! Am 19. Oktober 2011 ist bundesweiter Wahltag der Freischreiber. Stimmen Sie mit Ihrer Wahlkarte ab!

Sie finden die Idee gut? Hier können Sie Freischreiberin oder Freischreiber werden.
 

Kommentare

Hallo,

wie werden die Nominierten eigentlich ausgewählt? Zählt ihr die Schwere der Beschwerden oder schlicht die Anzahl? Und: wie wird dann eigentlich gewählt? Gibt es da nicht die Gefahr, dass Kollegen gegen eine Publikation stimmen, nur weil sie ihm/ihr einfach nicht gefällt? Muss man schon mal Auftragnehmer gewesen sein?

Viele Grüße,

KW

Informationen gibt es hier, auf den Regionaltreffen, im internen Forum und im persönlichen Gespräch.. Ich denke die Abstimmung läuft wie bei jeder Wahl. Oder muss man alle Parteiprogramme kennen, um an einer Bundestagswahl teilzunehmen?

Nein, aber man sollte ungefähr das Wahlrecht kennen. Es geht nicht um Parteiprogramme, es geht um die sehr simple Frage: Muss man als Freier schon mal für eine der Publikationen gearbeitet haben, um abzustimmen? Ich vermute: Nein. Das ist aber problematisch, denn woher weiß ein Freier, warum er Publikation XY in den Himmel oder in die Hölle schicken sollte. Zumal bei den Hölle-Nominierungen keine Gründe angegeben sind. Also: Die Abstimmung basiert doch dann tatsächlich vor allem auf Sympathie und Antipathie. Seriös ist sie eher nicht.

Und auch hier weise ich nochmal auf die Verhältnismäßigkeit hin: Wieviel Antipathien wird wohl eine kleine Redaktion wie ENORM auslösen? also wieviel freie Journalisten haben mit ENORM überhaupt schon mal Kontakt gehabt? UNd wie ist das dann bei Spiegel online? Ist es nicht total logisch, dass man immer jemanden findet, der sich beschwert, wenn die Redaktion mitsamt ihrer Außenkontakte nur groß genug ist? Wurde das berücksichtigt? Zumal es zum Beispiel bei neon, wie ich der Recherche hier auf der Seite entnehme, ja sogar auch welche gab, die die als Himmel vorgeschlagen haben? kommt irgendwann eine liste mit den konkreteren Gründen, für Himmel wie für Hölle?

@Jan: Ich verstehe das Argument mit der Redaktionsgröße nicht. Nach dem Argument müssten wir ja waschkörbeweise Lob über große Redaktionen gehört haben. Haben wir nicht. Ich persönlich glaube nicht, dass die Redaktionsgröße ein Fairness-Kriterium ist, sondern die Kultur mit Freien auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Und ja: es wird eine Form der Begründung geben. Hier im Blog und vor allem für die wahlberechtigten Mitglieder.

Ich finde die Idee ja grundsätzlich nicht schlecht, aber mir fehlen die ausführlichen Begründungen für die Hölle-Nominierungen. Ein ironischer Text ersetzt ja nicht die Argumentation für die Auswahl, die ihr bei den Himmel-Anwärtern aber liefert. Oder kommt das noch?

Das Schlimmste an euerem fragwürdigen Vorgehen bei den Höllen-Nominierungen: Ihr beschädigt den Preis an sich, der einer guten Sache dienen sollte. Die Aufmerksamkeit gilt ja nun nicht mehr dem Umgang von Redaktionen mit Autoren. Sondern dem Umgang von offenbar überforderten, intransparent und fahrlässig arbeitenden freischreiber-Juroren.

 

Diese Empörung kann man da nur verstehen:

 

http://meedia.de/print/hoelle-preis-unserioes-und-bald-rufmord/2011/10/05.html

Idee eines Preises: grundsätzlich gut. Aber mir fehlt eindeutig die Transparenz!, die ja auch freie Journalisten an allen Ecken und Enden und überall fordern...
Um Missstände jedweder Art wirklich nachhaltig zu "beackern" bedarf es meiner Ansicht nach auch der ehrlichen und offenen Diskussion dazu. Auch auf die Gefahr hin, dass das ein oder andere schwarze Schaf unter den Auftraggebern bockt. Wer offen lobt muss auch offen kritisieren können, vor allem dann, wenn der Preis ernst genommen werden soll.

 

@ Gastilein Bei Ihrem Eintrag fehlt mir ebenfalls die Transparenz. Warum schreiben Sie nicht unter Ihrem Namen? Weil sie offenbar Nachteile befürchten (was Freischreiber angeht, kann ich Sie da aber beruhigen).  So ist es auch bei unserem Preis. Da das Verhältnis zwischen Freien und vielen Ihrer Auftraggebern so ist, haben wir allen Einsendern Anonymität zugesichert. Das bedeutet auch, dass wir die Vorwürfe nur begrenzt kokretisieren können, weil sonst Klagen drohen. Dann müssten wir Ross und Reiter nennen. Für Verbandsarbeit gibt es eben keinen Quellenschutz. Deshalb führt es in die Irre, wenn Chefredakteure uns mangelnde  journalistischer Sorgfalt vorwerfen. Deshalb zunächst der satirische Text.

@nt, @ Gastilein: Ich diskutiere als Mitglied der Vorjury gerne über notwendige und mögliche Transparenz, ziehe es aber vor, dass unter richtigen Namen zu tun.
@nt, @ Gastilein: Ich diskutiere als Mitglied der Vorjury gerne über notwendige und mögliche Transparenz, ziehe es aber vor, das unter richtigen Namen zu tun.

@Benno - ich weiß ja nicht, wer Gastilein ist, aber der Hinweis auf ausbleibende Nachteile bei den Freischreibern, zieht bei Kommentaren auf einer für jeden zugänglichen Internetseite wie diesem Blog hier nicht.

Mit Verlaub: Trotzdem kann man ja diskutieren.

Ich sehe das Problem mit der Transparenz und womöglich drohenden Klagen ein. Klar, hier hat die Transparenz nach außen seine Grenze.

Trotzdem ist die Frage nach den Kriterien für die Nominierungen nicht unberechtigt. Womöglich haben wir es hier eben nicht nur mit dem "Bocken des ein oder anderen schwarzen Schafs zu tun, was hier vom Neon-Chefredakteur, aber auch diversen freien Mitarbeitern so auf die Nominierung erwidert wird.

Wir müssen uns schon fragen: Hält das Fundament für die Entscheidung? Immerhin geht es ja hier eben doch auch um so etwas wie eine Anschuldigung. Und das ja auch ganz bewusst, oder? Also: So absurd ist die Frage nach Zahlen und Redaktionsgrößen wohl nicht. Wie ist es denn? Zählt die Zahl der ähnlichen Berichte? Oder wurde sowas wie eine Quote (Negativmeldung zur Gesamtzahl der Berichte oder Freien z.B.) gebildet, womöglich noch für jedes der Negativmerkmale? Oder nichts dergleichen? Und wenn nichts dergleiche, wie sorgen wir schon bei der Nominierung denn eigentlich für das, was Wissenschaftler Validität nennen? Mal ganz abgesehen davon, dass dann immer noch die Frage berechtigt ist, auf welcher Grundlage die Mitglieder am Ende über ihnen vielleicht unbekannte Redaktionen eine Wahl treffen sollen.

@Jakob: Dass es eine Form der Begründung geben wird, ist schon mal sehr gut. Dass sie nur im Blog und vor allem für die wahlberechtigten Mitglieder vorkommt, ist zumindest zum Teil sicher notwendig und begründbar. Aber bei dem Wind, den die Nominierungen erzeugt haben, offensichtlich nicht genug. Ohne alles transparent zu machen, gehören manche Erwägungen wohl doch in die Öffentlichkeit: Warum sind keine Tageszeitungen nominiert, sondern nur Magazine? Das hat ja seinen Grund. Und vielleicht gleich noch ein paar weitere Fragen, die die Vorjury bei der Auswahl geleitet haben. Soviel Transparenz muss schon sein.

Eine gut gezielte Provokation ist gut. Aber gut gezielt muss sie dann auch wirklich sein. Wir sehen hier gerade, wie schwer das gelingt und sollten vielleicht nochmal nachjustieren - und sei es auch nur bei den Argumenten, wenn wir die Position halten können.

So gut und wichtig die Idee des Codes of Fairness ist - Ihr macht sie durch die unlogischen, intransparenten und scheinbar selbst gar nicht zu Ende gedachten Modalitäten des Preises (und dieser unsäglichen Traumsatire) leider selbst kaputt. Wirklich schade. http://www.christoph-koch.net/2011/10/06/holle-holle-holle-klaut-neon-wirklich-themen/?nomobile

@midia – kann dir nur zustimmen..

Ich bin auch nicht glücklich mit den Nominierungen – zwei Wirtschaftsmagazine für den Himmel- keine der Tageszeitungen, die ihre Freien an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus treiben,  für den Höllepreis...

Was man jedoch bei all der jetzt fast schon verbissenen Diskussion nicht vergessen sollte: es sind nicht d i e  höllischsten und auch nicht d i e himmlischsten Redaktionen – es sind Beispiele. Beispiele dafür, was einem das Arbeiten als Freier leicht macht und was es mehr als vermiest. Vielleicht sollten die, die nicht verstehen, worum es geht, noch mal den Code of Fairness lesen. Da stehen banale Dinge, und sie werden nicht mal von den Himmel-Nominierten alle eingehalten.

Ich würde mir weniger Geheul über „Rufmord“ wünschen, und mehr Diskussion, mehr Solidarität und konstruktive Überlegungen dazu, was eigentlich los ist, dass sich ein Verband wie die Freischreiber zu diesem Schritt entschließt. Waren die, die sich jetzt wundern, auf Regionaltreffen oder haben im Vorfeld mitdiskutiert? Habt ihr Vorschläge eingebracht? Wer einen Verband nur dann nutzt, wenn er ein Problem hat, hat was missverstanden.

Und ich wünsche mir schon seit zehn Jahren, dass mal für ein Jahr Freie Journalisten und fest angestellte Redakteure die Seiten tauschen – von denen wüsste dann jeder genau über den Alltag des anderen Bescheid. Meine besten Erfahrungen nämlich habe ich mit Redakteuren, die selbst mal Freie waren. Mein liebster Email-Text einer solchen Redakteurin: Danke für den gelungen Text – schicken Sie mir bitte die Rechnung?

@Sylvia,
nur dass kein Missverständnis entsteht: Ich weine ja gar nicht über Rufmord. Sondern ich halte nur einige der Fragen, die hier aufgekommen sind, für mehr als berechtigt.

Problematisch finde ich auch nicht, dass bei den Nominierungen Schlagseiten entstanden sind, sondern dass die Auswahlkriterien tatsächlich intransparent und vielleicht auch ein wenig krumm daliegen.

Ja, an der Planung habe ich tatsächlich nicht mitgewirkt. Aber bei einem Treffen in Frankfurt habe ich im Februar schon mal gesagt, dass ich gerade den Hölle-Preis für schwierig halte. Da war mir auch noch nicht klar, wie konkret die Planung ist. Und - nein, ich hatte das damals so noch nicht zu Ende gedacht, aber genau da, wo es jetzt drückt, hätte ich Reibung vermutet. Dabei stört mich nicht, dass sich die als höllisch eingestuften REdaktionen beschweren, sondern: dass sie vielleicht recht haben. Bzw. dass wir zumindest ein paar offene Flanken zuviel anbieten.

Kleine Ehrenerklärung: Ich stehe nach wie vor zu den Freischreibern und erwäge auch keinen Austritt. Ich übe Toleranz gegenüber meinen Verbänden.

Aber ja, auch ich bin nicht ganz glücklich damit, wie die Preismaschinerie läuft und habe deswegen, das hatte ich dir ja auch mal gesagt, selbst keinen Vorschlag eingereicht und weiß auch noch nicht, ob ich am Ende wirklich wähle.

@Michalis: Anderer Vorschlag:
Wie wäre denn ein Fragebogen, den ich auch gern (ab übernächster Woche aber erst frühestens) konzipieren kann.
Mehrere Multiple-Choice-Fragen die verschiedenen - vielleicht allen im ersten Durchgang gekürten - Redaktionen betreffend, die von mir aus gern im "Finde ich sehr/gar nicht/ein bisschen/kann ich nicht beurteilen"-Stil abfragen, wo es denn genau in Sachen faire Zusammenarbeit hakt und gut läuft.

Ich fände das ziemlich elegant: Wir hätten Transparenz. Wir wären differenziert und Ende sogar sowas wie präzise in der Kritik.

Was wollen wir mehr?

So könnten wir viel überzeugender die ein oder andere Redaktion in Himmel oder Hölle schicken...
 

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