Die Druckerkolonnen aus Freiburg

Es heißt ja immer, die Schwaben seien besonders umtriebig, wenn es ums Geldverdienen geht. Wir können heute feststellen: Die Badener stehen ihnen in nichts nach. Weil der eisige Wind der Medienkrise inzwischen auch durch das beschauliche Freiburg pfeift, ist im Verlag der Badischen Zeitung ein besonders kreatives Geschäftsmodell für freie Journalisten entstanden: die Druckerkolonne.

Am 23. September haben Chefredakteur Thomas Hauser und Vertriebsleiter Thomas Zehnle einen Brief an die freien Mitarbeiter verschickt mit dem Angebot eines „schönen Zusatzverdienstes“. Es ist eine der Formulierungen, die man normalerweise nur auf Jobausschreibungen findet, die an Ampelmasten kleben.

 


Das Freiburger Modell zur Förderung freier Journalisten sieht so aus: Die freien Mitarbeiter der Badischen Zeitung verfügen doch „über gute und zahlreiche Kontakte in der Region“, die man allesamt zu Abonnenten machen kann. Schließlich „kennen Sie als Journalist alle Stärken und Vorteile unserer Badischen Zeitung, wissen um ihre lokale Kompetenz, aber auch um den anerkannt guten Mantelteil“. Die Idee ist wahrscheinlich eine unmittelbare Reaktion auf das im August beschlossene Verbot unerwünschter Telefonwerbung.

Dass der Verlag seine eigenen Mitarbeiter in Druckerkolonnen durchs Land schicken möchte, will er sich aber auch etwas kosten lassen: Für jeden Halbjahres-Abonnenten gibt es eine Provision von 40 Euro, für jeden Jahresabonnenten das Doppelte – „als attraktives Dankeschön“.

Eines jedoch haben die Verantwortlichen des Badischen Verlags dabei nicht bedacht: Wie kommt es wohl bei den potentiellen Neukunden der Zeitung an, wenn die im Auftrag des Verlags werbenden Journalisten nicht nur über die Lokalkompetenz und den Mantelteil der Zeitung sprechen, sondern auch darüber, was die Freien dort an Texthonoraren bekommen? Laut Mediafon zahlt die Zeitung ihren Mitarbeitern zum Beispiel im Lokalteil gegenwärtig 36 Cent pro Zeile.

Mit anderen Worten: Ein Jahres-Abonnent der Badischen Zeitung ist dem Verlag so viel wert wie ein 222-Zeilen-Text. Brutto.

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Kommentare

Komisch, dass sie nicht Staubsauger, Saftpressen und Koffersets anbieten.

Da lebt sich's doch als Freier gleich viel angenehmer - einfach als Standard ins Interview einbauen:

"Letzte Frage mit Bitte um eine kurze Antwort: Hätten Sie nicht interesse an einem Abo der Badischen Zeitung?"

Ja, so sind die Badener. Stehen in Sachen Cleverness den Schwaben in nichts nach. Dass die Chefredaktion des an sich respektablen Blattes dadurch aber auch der Glaubwürdigkeit schadet, steht auf einem anderen Blatt. Die Lage muss ziemlich übel sein, wenn er jetzt schon die Journalisten zu Abo-Lockvögeln macht.

Naja, viele der  Freien haben die BZ selbst gar nicht abonniert, weil's sie, wie sie wohl meinen, unter ihrem Niveau liegt. Daher: Falls es die Prämie auch fürs eigene Abo gibt, wäre es doch ein schöner Deal.

Und sonst: Man kann über die Idee ja geteilter Meinung sein, aber dass da "Mitarbeiter als Druckerkolonnen" übers Land geschickt werden sollen, ist eine blödsinnige Übertreibung.

Und auch: Es gibt neben vielen guten Freien auch etliche vermeintliche Großjournalisten und ausgemachte Jammerlappen  - mit Verlaub: Mit denen könnte man ohnehin keine Marketingfeldzug gewinnen...

Stimmt - die Badische ist ja eigentlich keine so schlechte Zeitung. Schade, dass anscheinend gerade in diesem Punkt das Gespür feht, wie so eine Aktion bei den Freien ankommt....

@Freiburger Vielleicht haben viele von den Freien der BZ kein Abo, weil sie es sich nicht leisten können? Ich tät sagen, der Verlag sollte wenigstens einigermaßen angemessene Zeilenhonorare zahlen, dann wäre es fairer. Schade, dass die BZ so unsensibel ist. Sind halt harte Zeiten...

Hm, wenn man als freier Mitarbeiter aufs eigene Abo verzichtet hat man jeden Monat um die 26 Euro mehr im Monat über, soviel wie ein 72zeiler. Ich stelle mir das insgesamt schwierig vor, vor allem, wenn einer gerade gegenüber dem Reporter ob der Zeitung lamentiert hat, weil sie seinen Verein nicht bediene. Und es hat ja seinen Grund warum Schreiberlinge Schreiberlinge und Drücker Drücker sind. Es ist eine Mentalitätsfrage, nicht jeder ist zum Verkäufer/Promoter geboren. Aus der Sicht des Selbstständigen stört mich aber viel mehr das Konzept, bei dem man ja Kunden für den Kunden sucht und Provision mäßig ist. Denn wenn ich dafür Zeit aufwende, kann ich die Zeit genau so gut in meine eigene Akquise stecken. Und da kommt dann mehr bei rum als 40 Euro.

Ihr seid mir vielleicht so Wolkenkuckucksheimer. Man mag ja trefflich über die Höhe gerechter Honorare streiten. Tatsache bleibt doch: auch die Freien leben (mindestens teilweise) davon, dass das Blatt, für das sie schreiben, einigermaßen solide da steht. Hier geht's doch lediglich um ein Angebot des Verlags, das der Schreiberling wahrnehmen kann oder nicht. Was soll dabei dieses Geschwätz von Drückerkolonnen und Ampelmasten? Diese "Mit-den-Niederungen-des-schnöden-Verkaufs-mache-ich-mir-doch-die Hände-nicht-schmutzig"-Attitüde ist so was von naiv - und arrogant noch dazu.

 Typisch Schreiberlinge! Abgehoben und arrogant bzw. ignorant. Welcher Verlag zwingt die Freien für sie zu arbeiten? Wenn der Job unterbezahlt ist oder ich mich mit der Zeitung, für die ich schreibe nicht identifizieren kann, muss ich es halt lassen. Oder steht vielleicht die eigene Eitelkeit im Wege, wenn ich nicht mehr als Frau oder Herr Wichtig von der Tageszeitungen beim Dackelzüchterverein auftreten kann. Was ist eigentlich daran verkehrt, wenn man für das Produkt seines Arbeit- bzw. Auftraggebers wirbt? Was bitte ist daran eine "Unverschämtheit", wenn ein Journalist auch dafür sorgt, dass seine Arbeit und die der anderen Kollegen von möglichst vielen Abonnenten gelesen wird?

Hier sind die Edelfedern so gar nicht eitel. Dies verwundert mich als Vertriebsleiter immer wieder. In unserem Hause gibt es seit Jahrzehnten für freie Mitarbeiter ein Prämie für neugeworbene Abonnenten. Dies hat weder der Zeitung noch den Mitarbeitern geschadet. 

Sorry, mir kommt da die Galle hoch, wenn ich sehe, was in den Vertriebsabteilungen unternommen wird, um die Auflagen zu stabilisieren und die Abonnenten täglich mit Informationen zu versorgen. Die Freien hier mit einzubeziehen finde ich nur richtig und konsequent - aber nicht unverschämt.

 

@hardy Es geht doch gar nicht darum, daß sich irgendwer zu fein wäre für die Berichterstattung über Dackelzuchtvereine etc. – wobei man sicherlich darüber nachdenken kann, ob es Sinn und Zweck des Lokaljournalismus ist, so ausgiebig über derlei Veranstaltungen zu berichten, aber das will ich hier jetzt nicht diskutieren.

Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie behaupten, kein Verlag zwinge freie Journalisten für ihn zu arbeiten. Wir unterliegen zwar tatsächlich keinem Zwang, aber fest steht doch, daß viele Zeitungen und Magazine ohne ihre freien Mitarbeiter ein ernsthaftes Problem hätten, trotzdem aber ganz alleine die Bedingungen der Zusammenarbeit bestimmen. Weißraum mag ja modern sein im Layout, aber ganz ohne die Freien wäre doch sehr viel Weißraum im Blatt. Da die Verlage ohne Freie also nicht können, müssen sie die Freien besser bezahlen. Das hat doch wirklich nichts mit Arroganz oder Ignoranz zu tun, sondern mit Fairness. Freie machen schlicht die selbe Arbeit wie ihre fest angestellten Kolleginnen und Kollegen.

Genau darauf bezog sich auch, was ich gegenüber dem epd als "Unverschämtheit" bezeichnet habe: Verlage sollen ihre Journalisten – ob freie oder feste Mitarbeiter spielt dabei keine Rolle – nicht als Vertriebsmitarbeiter nutzen, damit sie sich ein Zubrot verdienen können, sondern sie sollen sie angemessen bezahlen. Ich kann mir vorstellen, daß das die Identifikation mit der Zeitung so sehr stärken würde, daß die Freien dann auch gerne mal auf die Möglichkeit eines Zeitungsabos hinweisen.

@Louis Ich fand die saubere Trennung zwischen Redaktion und Verlag – also zwischen Journalisten, die ihrer ganz spezifischen Arbeit nachgehen, und Vertriebsleuten, Buchhaltern, Anzeigenverkäufern und Abo-Werbern, die ihre ganz spezifischen Arbeit tun – eigentlich immer ganz gut und sinnvoll. Das hat auch etwas mit der Unabhängigkeit des Journalismus zu tun.

@hardy: Mich wundert, dass die, die am unsichersten bezahlt werden, sich darum kümmern sollen, dass der Laden wieder brummt. Und das mit dem simplen "viel wird schon viel helfen"-Konzept. Wie wäre es, wenn Verleger und Chefredaktion sich mal was überlegen (die werden auch entsprechend bezahlt 24 Stunden am Tag nachzudenken), was die Zeitung so ändert, dass sie von selbst neue Abos zieht. Ich bin hier auf Terminen und höre mindestens einmal Kritik an dem Blatt für das ich schreibe. Stadtviertel kämen zu kurz, Veranstaltungen würden zu wenig berücksichtigt, Rechtschreibfehler, politisch einseitig etc. Ein paar Dinge sind Unsinn, aber Tage an denen der Lokalteil drei inhaltliche Seiten hat, sind keine Werbung fürs Blatt. Wo sind denn die Konzepte, mit denen man mehr junge Leser ans Blatt bindet. Unistädte haben Studis ohne Ende, aber die haben kein Abo. Warum gelingt es nicht das was die Stadt- und Uniblättchen hinbekommen, nämlich junge Leute zu erreichen? Wie will man Kinder oder Jugendliche für die Zeitung begeistern, wenn man einmal die Woche eine Kinder- oder Jugendseite hat? Da muss täglich was drin sein, und auch so in den Büchern untergebracht, dass die Zeitung am Frühstückstisch entsprechend aufgeteilt werden kann. Dass die Kinder auch ein Stück von der Zeitung bekommen und nicht nur am Sonnabend. Wie wäre es mit täglichen Kommentaren (Leute mögen Meinung, siehe Blogs), mehr Straßenumfragen (ich bin in der Zeitung, hui), vielleicht eine Seite mit schönen Fotos aus der Region, die an dem Tag anfielen, ein oder zwei Interviews auch im Lokalteil die Woche, täglich mindestens eine Seite Leserbriefe (Partizipation). Und dann muss die Zeitung hintergründiger werden, auch in den banal erscheinden Artikeln muss was rein, was über Berichterstattung hinausgeht. Nicht einfach die Marketingblasen von Investoren beim Termin übernehmen, sondern nachfragen. Zusatzinfos sichtbar in einem Kasten anbieten, Relationen herstellen (was bedeuten z.B. 1 Mio. Euro Umsatz, was haben vergleichbare lokale Unternehmen; wie groß ist die Feuerwehr in anderen Käffern) Da braucht man eventuell einen Tag Zeit zum Recherchieren und eine vernünftige Datenbank in der Redaktion. Wenn Verlage so was in den Briefen an ihre Freien ankündigen würden, wäre das mal super, aber nein, es kommt nur das hoffen auf mehr Marketing = mehr Umsatz. Nur wird getretener Quark breit, nicht stark. Und schonmal nachgedacht, wie das nach außen wirkt, wenn der Freie seinen Gespächspartner um ein Abo anhaut, weil er dafür Provision bekommt? Ja, genau. Nämlich, dass die Freien so schlecht bezahlt werden, dass sie auch noch Abos verticken müssen. Da sieht der Verlag nicht gut beim Leser aus. Und man fragt sich was als nächstes kommt? Vielleicht, dass der Freie die Zeitung morgens auch austrägt?

1. ) Warum sollte ein freier Journalist, der laufend für eine Zeitung arbeitet, diese noch abonnieren müssen? Es ist ja wohl selbstverständlich, dass ein kostenloses Mitarbeiter-Exemplar jeden Morgen vor seiner Haustür liegt. Dadurch erspart sich der Verlag ja auch das (tägliche) verschicken des Belegexemplares. Das habe ich nun selbst bei sonst doch eher sehr geizigen Lokalblättern so erlebt.

 

2.) Zum Werben von Lesern durch Freie: Ist das Verhältnis von Zeitung bzw.  Redaktion und Freien intakt, dann legen diese ganz umsonst ein gutes Wort für ihre Zeitung ein, wenn im Freundes- oder Bekanntenkreis oder sonstwo die Rede auf das Blatt kommt (aber natürlich sollte dann Freie die Werbeprämie bekommen, die jeder Verlagsmitarbeiter bekommt, wenn dies direkt zu einem Abo führt). Ist es nicht intakt, weil die Honorare mies und der Umgang schlecht sind, helfen ein paar Euro nicht. Und da sollten sich die Verlage nicht täuschen: Während Redakteure immer mehr am Schreibtisch hocken, sind Freie im Lokalen 14 Stunden am Tag bei den Leuten unterweg - und bestimmen das Image der Zeitung mit, in dem sie Kritik verstärken oder eben "ihr" Blatt loben.

 

3.) Sind die meisten Journalisten schlechte Verkäufer (nicht ohne Grund müssen wir Freie uns ja nun fortwährend in Verkaufs- und Verhandlungsgesprächen trainieren lassen).  Die Badische sollte sich nicht zu große Hoffnungen machen.

 

4.) Ist das gezielte Werben von Abonnenten während Recherche, Interviews oder  dem Wahrnehmen von Terminen mit dem journalistischen Arbeiten unvereinbar. (Es sei denn, die Zeitung legt wert darauf, dass Gesprächspartner den Eindruck bekommen, die Art und Weise der Berichterstattung hänge davon ab, ob sie ein Abonnement haben oder ein neues abschließen.)

 

5.)  Man mag die Kritik am Brief der Badischen mit guten Gründen für überzogen halten, überraschend ist die Reaktion angesichts der derzeitigen Lage der Freien nicht. Man darf also auch fragen, wie gut denn eine Marketing-Abteilung ist, die schon die Gefühle und Bedürfnisse der eigenen freien Mitarbeiter so schlecht einschätzen kann, wenn sie eine Aktion an den Mann bringen will.

 

 

Ich finde an dem "Angebot" des Badsichen Verlags zweierlei schlimm:

Erstens: Es vermischt ein weiteres Mal Sphären die aus geutem Grund getrennt bleiben sollten: Die redaktionelle und die Vertriebsebene.

Zum Zweiten stört mich der gönnerhafte Ton:  Wenn 40 bis 80 Euro als "schöner Zusatzverdienst" bezeichnet werden, zeigt das,  dass den Verlagen sehr wohl bewußt ist, dass sie Freie lausig bezahlen.

Ich glaube kein  Freier, der sich auch nur halbwegs mit seinem Blatt idenifiziert, würde sich einem Aufruf des Verlages verweigern, in Krisenzeiten bei Interviewpartnern verstärkt für die Qualität des Mutterblattes zu werben.

Aber ein Aufruf zur Abowerbung mit Prämie:  Da fühle ich mich als freier Journalist verhöhnt. Die Drückerkolonne ist da tatsächlich nicht weit.  

35 ct gehen ja noch. In Regionalteilen sind es 25 ct. Wenn man einen normalen Termin berechnet, sagen wir 1 h, plus eine Stunde schreiben, dann sind wir bei einem durchschnittlichen 80Zeilentext bei 10 EURO pro Stunde, BRUTTO. Und das ist ja schon wohlwollend gerechnet. Die Freien müssen auch noch Ihre Stromkosten, Telefonkosten usw abziehen. Da verdient man als Putzfrau oder im Service mehr. Wenn diese Zustände bekannter wären, würde es verständlicher werden, warum das Niveau kontinuierlich sinkt und die Fehlerhaftigkeit steigt. Bei der BZ bekommt man als MA auch kein Abo zum SKpreis wie zum Teil anderswo.

Der Kommentar von hardy legt den Verdacht nahe, dass es ähnliche Praktiken auch in anderen Häusern gibt:

"In unserem Hause gibt es seit Jahrzehnten für freie Mitarbeiter ein Prämie für neugeworbene Abonnenten. Dies hat weder der Zeitung noch den Mitarbeitern geschadet."

Kennt jemand noch andere Fälle? Ich würde das Thema gerne mal umfassender recherchieren und wäre über Hinweise sehr dankbar!

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