"Freie sind die, die es geschafft haben ..."

Gestern haben wir gezeigt, wie "Brand Eins" ohne Freie aussehen würde: 68 Prozent des Magazins wären weiß. Jetzt spricht Gabriele Fischer, Chefredakteurin von "Brand Eins", im Interview mit Freischreiber über Qualität durch Freie, die "Brand Eins"-Honorare und negative Folgen, wenn man an den Freien spart.

Freischreiber: Wäre "Brand Eins" ohne freie Mitarbeiter das, was es ist? Könnten Sie überhaupt Ihr Blatt füllen?
Fischer: Es geht nicht darum, Seiten zu füllen – das ließe sich auch mit Pressetexten oder so genannten Gastbeiträgen erledigen. Es geht darum, sie mit guten und sorgfältig recherchierten Texten zu füllen, und das wäre bei "Brand Eins" ohne die freien Kollegen nicht möglich. Ohne sie könnten wir den Lesern nicht die Qualität bieten, die sie schätzen. Zudem bietet uns die Zusammenarbeit mit freien Mitarbeitern die Möglichkeit, Experten aus unterschiedlichen Gebieten zu beschäftigen: Wir haben in unserem Pool Korrespondenten in Südafrika, China oder Russland, aber auch Experten für Biotechnologie oder Telekommunikation – so viele verschiedene Fachkräfte könnten wir uns fest angestellt niemals leisten.


Freischreiber: Mancher Mediengewaltige erklärt aber hinter vorgehaltener Hand, freie Mitarbeiter seien jene, bei denen es nicht bis zum Redakteur gereicht hat. Sind freie Journalisten also Leute, die es halt nicht geschafft haben?
Fischer: Im Gegenteil, viele Freie sind genau die, die es geschafft haben – nämlich wirklich unternehmerisch zu arbeiten. Das kann nicht jeder. Viele unserer Freien bei "Brand Eins" sind auch Überzeugungstäter, die feste Jobs ablehnen, wenn man sie ihnen anbietet. Und: Freie sind meist unabhängige Köpfe. Sie schielen nicht ständig auf ihren Chef, sondern haben eine Vielzahl von Auftraggebern. Diese Unabhängigkeit ist gut für sie – und für uns.

 

Freischreiber: Was sind die Freien Ihnen denn wert? Wieviel zahlen Sie?
Fischer: Wir haben feste Sätze, die wir jedem vorab klar kommunizieren. Für 4000 Zeichen, das ist etwa eine Seite im Heft, gibt es 510 Euro. Bei langen Geschichten, bei denen der Rechercheaufwand nicht im selben Maße wie die Zeichenzahl steigt, halbiert sich ab 12000 Zeichen das Entgelt. Unsere Honorare sind im Vergleich zu anderen, so hören wir, ganz ordentlich.


Freischreiber: Aber sie entsprechen trotzdem eher nicht umgerechnet in Zeit dem Gehalt eines Redakteurs?
Fischer (lacht): Das kommt ganz drauf an, wie schnell und gut jemand arbeitet.


Freischreiber: Oft werden Freie nicht nach der redaktionellen Abnahme ihres Textes bezahlt, sondern erst nach Abdruck. Sie bekommen nicht den letzten Blick auf den redigierten Text. Was halten Sie von solchen Arbeitsbedingungen?
Fischer: Wir zahlen selbst erst nach Druck, weil wir erst dann wissen, wie lang ein Text wirklich ist und wie hoch das entsprechende Honorar. Wenn jemand zu viel Luft in sein Stück gepumpt hat, müssen wir die raus lassen. Wir stehen aber, so denke ich, nicht in dem Ruf, Artikel aus Geiz schrumpfen zu lassen. Den letzten Blick gewähren wir unseren Freien nicht, weil dafür in unserer knappen Produktionswoche einfach keine Zeit ist. In aller Regel wird das akzeptiert.


Freischreiber: Wem gehört das, was freie Journalisten schreiben? Ist es richtig, wenn ein Autor mit seiner Arbeit nur einmal Geld verdient, ein Medium aber mehrfach?
Fischer: In unserem Autorenbriefing sind die Verwertungsrechte klar geregelt, zum Beispiel stellen wir die Artikel aus "Brand Eins" grundsätzlich online, der Schwerpunkt wird zudem vertont. Aber damit verdienen wir bestenfalls Cent-Beträge, wichtiger ist der Marketingeffekt – für uns und übrigens auch für den Autor. Wenn wir hingegen Geschichten an Dritte weiter verkaufen, erhält der Autor zwei Drittel des Ertrags.

 

Freischreiber: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen freier Journalisten und der Qualität der Texte?
Fischer: Aber sicher. Ich bekomme Qualität, wenn ich bereit bin, dafür zu bezahlen. Ein Blatt auf Kosten der Freien gesund zu sparen, wäre nicht sehr klug. Denn es wäre Betrug am Leser. Und der merkt das.

Kommentare

Vor allem die letzten Sätze kommen auch langsam bei den Verlagen an - Qualität kostet, hebt das Blatt aber über die Konkurrenz ab.

Langfristig denke ich, dass es als Freier sogar einfacher wird. Der Grund: Verlage entlassen weiter, die übrig gebliebenen Journalisten erhalten zusätzliche Aufgaben und werden immer stärke ins Alltagsgeschäft eingebunden. Dadurch bleibt  ihnen nicht nur weniger Zeit für Artikel, auch die Fortbildung bleibt auf der Strecke - wer hier als Freier dranbleibt, hat langfristig einen Wissensstand, mit dem er die (meisten) fest angestellten Kollegen überflügeln kann.  

"Aber damit verdienen wir bestenfalls Cent-Beträge, wichtiger ist der Marketingeffekt." Das muss man sich auch erst mal eingestehen, dass redaktionelle Beiträge online nicht unbedingt dazu da sind, die Kosten einzuspielen, sondern unter Marketing laufen. Das Web (2.0 oder was auch immer) ist eben kein Kiosk, sondern mehr Kommunikationskanal und deshalb eine ideale Marketingplattform. Von mir aus gerne ohne Anzeigen sondern über Inhalte.

"'wichtiger ist der Marketingeffekt – für uns und übrigens auch für den Autor.' Das muss man sich auch erst mal eingestehen, dass redaktionelle Beiträge online nicht unbedingt dazu da sind, die Kosten einzuspielen, sondern unter Marketing laufen."

Das mag bei einem Magazin wie "Brand Eins" womöglich zutreffen - für das Gros der Freien bspw. in den Lokalredaktionen gilt das jedenfalls nicht. Die erhalten oft Zeilenhonorare, für die kein Angestellter morgens überhaupt nur aus dem Bett klettern würde. Und der angebliche Marketingeffekt im Netz nützt ihnen rein gar nichts - denn der alltägliche Lokaljournalismus ist doch eher selten werbeträchtig.

Zahlt Brand Eins eigentlich mittlerweile den ersten Artikel, den man dort veröffentlicht? Oder ist der erste immer noch vollkommen "frei"?

@Paul: Der erste Artikel läuft (soweit ich weiß) auf eigenes Risiko. Bei Abdruck wird gezahlt, sonst gibts nur Spesen. 

 Brand Eins zahlt sicher ganz gut,wenn sie einen kennen. Aber die Regel, dass für die Bezahlung eines Texte, nicht die bestellte Länge entscheidet, sondern nur die Anzahl der Zeichen im Heft, ist ein Witz. Was kann der freie Autor dafür, wenn Brand Eins erst in der letzten Woche entscheidet welche Geschichten mit welcher Länge ins Heft kommen? Und dann etwa statt 10.000 nur 5.000 Zeichen druckt, bei halbem Lohn? Der Aufwand für Recherche und das Schreiben hat sich ja auch nicht auf einmal halbiert. 

Endlich mal nette Worte über die Freien.

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