Freischreiber setzt Wahlverfahren zum Hölle-Preis aus – Debatte zum Code of Fairness mit allen Beteiligten geplant

Aufgrund der externen und internen Kritik, die uns seit der Bekanntgabe der Nominierungen für den Himmel-und-Hölle-Preis erreicht hat, haben wir uns entschlossen, das Wahlverfahren zum Hölle-Preis nicht weiter fortzusetzen.

Das Nominierungsverfahren haben Vorstand und Jury gemeinsam beschlossen, doch wir sehen ein, dass es Mängel hat. Die Jury-Entscheidung für die drei Hölle-Kandidaten basiert auf Fallschilderungen und Tatsachenberichten freier Journalisten, denen wir Vertraulichkeit zugesichert haben. Wir sehen uns nicht in der Lage, diese Nominierungen hinreichend zu begründen und gegen zum Teil sehr aggressive Kritik zu verteidigen, ohne diese Vereinbarung zu brechen. Uns ist klar geworden, dass die zur Verfügung gestellten Begründungen als Entscheidungsgrundlage deshalb nicht ausreichen, um die mehr als 400 Freischreiber-Mitglieder zu einer Wahl der „fiesesten“ Redaktion Deutschlands zu bitten.

Offenbar hat zudem der als Zuspitzung verwendete Superlativ zu erheblichen Missverständnissen geführt. Gravierende Verstöße gegen den Code of Fairness gibt es auch in Redaktionen, die gar nicht für den Himmel-und-Hölle-Preis vorgeschlagen waren, weil sie nicht zum Abnehmerkreis der Journalisten zählen, die ihre Vorschläge eingereicht haben. Insofern sind unsere Nominierungen, die auf der Grundlage von etwa 150 Vorschlägen ausgesprochen wurden, nicht repräsentativ.

Und dass wir die Nominierungen für den Hölle-Preis zunächst nur mit dem Mittel einer Satire verkündet haben, war ein Fehler, für den wir uns entschuldigen. Im Fall von Neon konnte dadurch der Eindruck entstehen, in der Redaktion würden systematisch Themenvorschläge geklaut. Diesen Eindruck wollten wir nicht erwecken. Worum es uns und der Jury vielmehr ging, ist, dass Autoren den Eindruck haben, mit ihren Themenvorschlägen werde nicht sauber umgegangen. Und darüber wollen wir reden.

Wir glauben, dass es sinnvoll und notwendig ist, mit den Redaktionen über die Angaben und Fakten ins Gespräch zu kommen, die zu den Nominierungen geführt haben. Wir wollen den betroffenen Redaktionen deshalb eine Mediation unter der Leitung eines von beiden Seiten akzeptierten Journalisten vorschlagen, über deren Modalitäten wir uns in den kommenden Tagen verständigen werden. In diesen Gesprächen stellen auch wir uns der Kritik.

Damit wird es am 11. November keine Verleihung des Hölle-Preises geben. Stattdessen möchten wir alle Beteiligten zu einer Diskussionsrunde über die Zusammenarbeit von Redaktionen und Freien einladen – moderiert von einer in der Branche allseits als integer anerkannten Persönlichkeit. Wir sind überzeugt, dass damit alle Beteiligten eine faire Möglichkeit haben, ihre Sichtweisen darzulegen und in einen konstruktiven Dialog einzubringen – im Sinne des Code of Fairness und unserer ursprünglichen Idee, die Zusammenarbeit zwischen freien Journalisten und Redaktionen zu verbessern.

Der Freischreiber-Vorstand

Kommentare

Weil ich sonst immer nur meckere: Das finde ich groß und richtig. Ich danke euch allen für den Schritt, den Mut und die Arbeit, die es sicher noch zusätzlich zur ohnehin geleisteten gekostet haben muss, sich darauf zu einigen. Respekt, Michalis

Klug, die Verleihung auszusetzen. Klug, weil weitsichtig.

Trotzdem schade.

Weil es doch schön ist, dass Redaktionen und Verlage nun auch mal erfahren, dass das Leben kein Ponyhof ist - was sie selbst uns doch tagtäglich klarzumachen versuchen. Unschön hingegen ist, dass sich hier Freie selbst entsolidarisieren, nachdem sie ihrerseits ihre Möglichkeiten der Partizipation nicht wahrgenommen haben (bevor das Geschrei losgeht: ich habe es auch nicht getan, aber ich bin Hörfunk-Autor und damit hier nahezu außer Konkurrenz. Das ist zwar bedauerlich, aber nun mal ein Fakt).

Es wäre eine Chance gewesen, und es ist bemerkenswert, dass bei all den Höhen und Tiefen und Schmähungen und Haifischbecken die Verlage und Redaktionen ausgerechnet auf diese eine "Ehrung" unseres Verbandes derart reagieren. Die Schicksale ihrer Freien interessiert sie doch sonst kaum ...

Sehr gut!!! Hochachtung für diese Entscheidung und Hochachtung für das, was Ihr bewegt habt. Denn das ist letztendlich passiert - es kommt Bewegung in feste bzw. festgefahrene Strukturen hinein. Danke dafür. Jeannette Hagen

Chapeau, dass Ihr die Größe besitzt Fehler zuzugeben. Immerhin hat die Aktion in einigen Redaktionen den Staub von den Augen gepustet. Dass wir Freien nicht die "Doofen da draußen" sind, sondern den nicht selten betreibsblinden Fest-Redakteuren zuweilen den offenen Blick liefern, muss doch mal gesagt werden.

Ich schließe mich Michalis an: Respekt. Ich finde das eine ganz, ganz großartige und bewundernswerte Tat.

Ich glaube immer noch, dass der Preis in der Theorie gut gedacht war - aber ich kann die Kritiker verstehen, die bei "Hölle"-Nominierungen handfeste, konkrete Beispiele fordern. Und ich kann die Jury verstehen, dass sie genau diese nicht liefern kann, weil sie sonst ihre Informanten zum Abschuss freigibt. Ein unlösbares Dilemma.

Eins muss ich aber noch schnell loswerden: Wirklich erschrocken habe ich mich allerdings über die unverhüllte Aggressivität, die einem bei manchen Gegnern des Preises bzw. bei den "Hölle"-Nominierten entgegengeschlagen ist. Und ich fände es auch mal interessant, zu fragen, woran das wohl gelegen hat. 

 

Wie man aus München hört, ist gegen den Freischreiber-Vorsitzenden ein ziemlicher Psychoterror per SMS und E-Mail ausgebübt worden. Schade, dass ihr das nicht veröffentlicht. Aber ihr seid ja so nobel. 

Lieber Bert E.,

 

eine Lektion aus dieser peinlichen Freischreiber-Posse sollte doch eigentlich sein: Auch freie Journalisten dürfen nicht vergessen, dass "Hörensagen" keine gute Quelle ist. Nun machen Sie, kaum, dass der Vorstand viel zu spät einen Fehler eingesehen hat, munter weiter und werfen irgendwelche Behauptungen in den Raum, ohne irgendwas Konkretes zu wissen oder dabei gewesen zu sein. Das Unseriöse, das Vage und Ungewisse hat bei den sogenannten Freischreibern also System, oder wie darf ich das verstehen?

@Klaus, Vorsicht. Vom Hörensagen als Quelle war und ist bei der - ja was eigentlich: Debatte? Preisverleihung? Berichterstattung? Kampagne? oder was - wäre hier eigentlich die F-Posse (?) nicht die Rede.

Im übrigen hört man von sowas mittlerweile nicht mehr nur in München.  Und außerdem: Auf was, wenn nicht zumindest auch auf Hörensagen, stützt sich denn der Berichterstatter?

Also.

150 Vorschläge (!) - und jetzt das. Was für eine Enttäuschung.

Bert E.,

toll, was man in München so alles hören kann.  Wenn es diese Drohungen gegeben haben soll, dann
 

  • hat es sie halt gegeben. Finster das, aber nicht ungewöhnlich für Personen des öffentlichen Lebens
  • bestünde überhaupt kein Anlass, das hier öffentlich zu diskutieren. So etwas hat einen Geruch von Opferstilisierung, für die man sich getrost zu nobel sein darf
  • behalten Sie es doch für sich, übler Wichtigtuer! Oder sind Sie gar selbst der Verfasser, sind böse, dass niemand davon erfährt und wollen nun hier noch einen draufsetzen? Brandstifter rufen ja bekanntlich oft selbst bei der Feuerwehr an.

 

Don't feed the trolls!

Kluge Entscheidung auf die Preisverleihung zu verzichten, wie es auch schon eine kluge Entscheidung war, die Preise überhaupt auszuloben. Ich hoffe aufgeschoben ist nicht aufgehoben und sobald ein anderer, gerechter Wahlmodus gefunden ist sollte das Thema wieder aufd den Tisch.

Vielleicht könnt ihr ja bis dahin einen Blog aufmachen, in dem positive Beispiele (Himmel Kandidaten) aufgeführt werden, das spornt sicher an und bestätigt diese Redaktionen auch.

RF

Ich kann den Rückzug verstehen. Aber ich finds schade. Die Begründungen für die Hölle-Kandidaten waren OK als Abstimmungsgrundlage, fand ich. So transparent, wie es halt ging. Aus meiner Sicht hättet ihr es durchziehen können.

In jedem Fall: Mutig sein, Fehler machen und zu ihnen stehen ist keine Schande.

Und: Meckern und Besserwissen nervt.

Trotzdem danke für Euer Engagement!!! Ich denke auch, dass allein die potenzielle Existenz des Hölle-Preises manchen Redakteur ins Nachdenken bringt- hoffe ich zumindest!!! Wäre schön, wenn der Preis nächstes Jahr wirklich verliehen würde. Wäre auch schön, wenn nicht nur "die Großen" unter den Nominierten wären, sondern gerade auch unbekannteren Lokalredaktionen, in denen Redakteure ihre Schreckensregimente ja oft komplett unbehelligt führen können.  

Trotzdem: Eine "Mediation unter der Leitung eines von beiden Seiten akzeptierten Journalisten vorschlagen" haben wohl vor allem die Freischreiber intern nötig - mehr als die Redaktionen, die sie dafür gewinnen wollen.

Hallo!

 

ich finde es bemerkenswert, dass nach vier Jahren Freischreiber auf einmal im größeren Stil unter nicht-Angabe der eigenen Namen (dafür aber in recht bürokratischem Tonfall) hier im Forum diskutiert wird.... Woran liegts?

 

Daniel

Respekt auch von meiner Seite für die schonungslose Selbstkritik und die Entscheidung, die Reißleine zu ziehen. Offen gestanden war ich persönlich schon deshalb überfordert mit der Wahl, weil ich für keine der nominierten Redaktionen arbeite. Das Thema ist und bleibt aber wichtig!

Eine richtige und mutige Entscheidung. Respekt. Ich bin gespannt auf die Diskussion und hoffe, dass die wichtige Diskussion über die oft miserablen Arbeitsbedingungen von freien Journalisten jetzt wieder etwas sachlicher geführt werden kann.

 

@Margot: Ich fand, die Aggressivität schlug eher denen entgegen, die es wagten, Kritik zu äußern - vor allem wenn sie selbst Verbandsmitglieder waren. Aber das nimmt vermutlich jeder anders wahr.

Auch von mir: Respekt, manchmal merkt man erst im Detail, dass etwas gut durchdachtes doch nicht funktioniert. Ich fand es für mich persönlich unmöglich, Redaktionen per Stimmabgabe zu loben oder zu kritisieren, mit denen ich noch nie zu tun hatte - wie bereits gesagt, es ist schlechter Stil, journalistisch und menschlich, Vorwürfe per Stimmabgabe zu zementieren, die man selbst nur vom Hörensagen kennt. Oder die man selbst zwar bestätigen kann, aber z.B. nur aus einer mehrere Jahre zurückliegenden Errfahrung. Es hätte vielleicht gereicht, einfach nur die Anzahl der Nennungen zusammen zu zählen und eine Shit- und eine Hotlist zu veröffentlichen.

Mit vollem Namen und Redebereitschaft: Verena

Lief bei uns gerade über dpa ein:

http://www.presseportal.de/pm/66148/2131873/freischreiber-chef-kai-schaechetele-wir-sind-nicht-eingeknickt

 

Der Neue bei Oberauer scheint ja ziemlich gut zu sein. Bin gespannt, wie die Diskussion weitergeht.

Ich find's ebenfalls gut, die Größe zu haben, den Fehler einzugestehen und dabei zu riskieren, auch dafür nochmal Prügel zu beziehen.

 

Ich schlage aber vor, beim nächsten Mal auch gleich das mehrstufige Nominierungsverfahren zu ändern. Mehr als 150 Vorschläge auf nur 2 x 3 zu reduzieren, finde ich arg wenig. Ich werde mich an der Wahl nicht beteiligen, weil ich weder für eine Himmel-Redaktion (und auch für keine Hölle-Redaktion, aber das ist ja jetzt egal) jemals gearbeitet habe. Wie soll ich also die Zusammenarbeit beurteilen? Und so dürfte es wohl vielen gehen.

 

Zur Party und zur Mitgliederversammlung komme ich trotzdem gerne.

 

ich habe meinen ärger hier schon am 10. oktober kundgetan - offenbar ist mein forumsbeitrag gelöscht worden. nun lese ich, der hölle-preis ist ausgesetzt! ich überlege nun ernsthaft, aus dem verband auszutreten. wurden die freischreiber etwa verklagt? gab es eine einstweilige verfügung? vermutlich eher nein. dann finde ich dieses einknicken einfach nur feige und ich frage mich, warum wir einzelkämpfer es nicht schaffen, jedenfalls einmal an einem strang zu ziehen, nach dem code of fairness. kein mensch kann von 1 euro zeilensatz leben, keiner von 150 euro tagessatz (oft die regel, oft noch darunter). und wir zerfleddern uns gegenseitig, weil wir einen hölle-preis nicht fair ausgelobt haben? ich bin echt baff ob dieser ewigen opferlamm-haltung und weiss nicht mehr, ob ich hier richtig bin.

wir wollten doch den wirbel, und jetzt ziehen wir den kopf verschreckt wieder ein, weil -natürlich - ein paar sturmböen kommen? nur so nebenbei: ich habe ganz andere redaktionen vorgeschlagen, als die, die schliesslich zur wahl standen. nur 150 vorschläge finde ich übrigens - bei 400 mitgliedern - ein armutszeugnis für uns. 
 

ich finde den aufschrei der redaktionen dennoch gut und in unserem sinne - denn so kommt die diskussion in gang, die wir lange haben wollten! natürlich gibt es keine, kann es keine wahrhaft objektive methode geben, wir haben schliesslich keine studie gemacht. dann hätten sich ja alle oder fast alle freien mitarbeiter der jeweils nominierten redaktionen beteiligen müssen und ihre e-mails, telefonate, originaltexte, rechnungen, mahnungen und anschliessenden publikationen belegen müssen. wie soll denn das gehen, und dann auch noch anonym?? dafür haben wir doch den verband gegründet, damit wir uns nicht als einzelner zur persona non grata bei unseren auftraggebern machen müssen. und mutiger sein können durch die stimme des verbandes. hallo? anstatt jetzt wieder asche auf unser haupt zu streuen, sollen sich doch jetzt mal die anderen rechtfertigen, ärgern - und ein bisschen über achtsamkeit nachdenken. denn die missstände im freien journalismus sind offenbar. 

Die Aufregung um Ihren Höllepreis bestätigt eher die Notwendigkeit. Sie sollten sich nicht einschüchtern lassen und weiter diejenigen Redaktionen benennen, die mit Freien derart schofelig umgehen. Lob-Preise gibt es schon genug. Auch hier sind die Auswahlkriterien  undurchsichtig. Stehen Sie also dazu und benennen eine Jury, die klar sagt: Das sind die Hölle-Preise! Basta! Es erhöht immerhin die Sensibilität, auch in den Redaktionen, die sich zwar um die Armut in der Welt sorgen, doch mit freien Mitarbeitern arroganter umgehen, als jeder harte Chef. Festangestellte sind hier keinen Deut besser: Nach oben buckeln und nach unten treten!

 

Kleiner Tipp für alle Freischreiber: Im internen Forum läuft die Diskussion wieder an. Allerdings komme zumindest ich nur auf einem Weg dorthin: Forum (nicht: "Neueste Foreneinträge") anklicken und dann über die Tabellenansicht gehen. Zumindest bei mir funktioniert kein anderer Weg... Lohnt sich.

@midia

ich finde die diskussion nicht im forum: wo genau?

 

@Silke,

es gibt zwei Diskussionsstränge. Einen erreichst Du über die neuesten Einträge "Wir haben die Wahl", den anderen - eigentlich gerade aktuelleren aber nicht: Betreff "Herbstkampagne 2011. Macht mit!" Das ist übrigens auch wohl der Diskussionsstrang, auf den ja mehrfach in der öffentlichen Debatte verwiesen wird. Ich habe ihn aber auch erst am Montag entdeckt. Technikpanne.

Also: Du klickst auf "Foren" (nicht "Neueste Foreneinträge") und dann je zweimal auf die oberste Zeile der dann aufpoppenden Tabelle...

Viel Erfolg! :-)

Respekt! Meine Hochachtung für diese Entscheidung.

@Silke Bender:

"kein mensch kann von 1 euro zeilensatz leben, keiner von 150 euro tagessatz (oft die regel, oft noch darunter)"

 

Äh...?? 150 Eu/Tag sind fast 3.500 Eu / Monat. Und davon "kann kein Mensch leben"??

 

Also ich kenne eine Menge Leute, die mit wesentlich weniger eine Familie durchbringen. Zum Beispiel ...

 

- Briefträger (Deutsche Post):  unter 2.000 Eu / Monat

- Briefträger (sog. "Private"): unter 1.700 Eu / Monat

- Referendar (Gymnasium, verheiratet, 2 Kinder):  1.400 Eu / Monat

- Speditionskaufmann: 2.400 Eu / Monat

 

und so weiter.

 

Aber ist schon klar. Man hat ja Ansprüche...

 

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage ist unser täglicher Kampf gegen Spam.