Journalisten vs. Blogger (Ein Kriegsbericht)

Wie der „Spreeblick“ gestern berichtete, hat die freie Journalistin Eva C. Schweitzer durch einen Anwalt einen Blogger abmahnen lassen, der sich erlaubt hatte, im Gemeinschaftsblog nomnomnom drei Absätze aus einer New York-Kolumne der Autorin zu zitieren (weil sie ihm so gut gefielen). Das hätte er ohne Erlaubnis nicht tun dürfen. 

Die Zahlungsaufforderung, die der Blogger daraufhin bekam, nebst einer zu unterzeichnenden Unterlassungserklärung, lautete auf 1.200,00 Euro für den widerrechtlichen Abdruck, plus Anwaltskosten in Höhe von 955,00 Euro. Begründung für das hohe Anwaltshonorar: Der Streitwert liege bei 21.200 Euro.

Im Brief des Anwalts heißt es, Frau Schweitzer schreibe für namhafte Zeitungen, habe durch ihren Zweitwohnsitz in den USA erhebliche Kosten und verlange „vergleichsweise hohe“ Honorare für ihre Artikel. Sie sei aber bereit, sich für die unerlaubte „Zweitverwertung“ mit der Zahlung einer Pauschale von 1.200,00 Euro zufrieden zu geben. (Wie inzwischen auch andere Freiberufler, lässt Frau Schweitzer Urheberrechtsverletzungen in Bezug auf ihre Texte durch einen dafür spezialisierten Dienstleister recherchieren.)

Update: Heute morgen hat sich Frau Schweitzer zu dieser Angelegenheit in ihrem Blog bei taz-de geäußert.  Sie zieht die (vollkommen überhöhte) Forderung an den armen Blogger zurück, betont, es sei nicht ihre Absicht, auch nichtkommerzielle Blogs abzumahnen, weist jedoch darauf hin, dass die „Schleppnetzfahndung“ nach eigenen Artikeln heute zur ganz normalen Verteidigungsstrategie freier Journalisten gehöre. So habe eine Tageszeitung einen ihrer Artikel (der lediglich 80 Euro Honorar einbrachte) 15 Mal weiterverkauft, ohne der Autorin Bescheid zu sagen, geschweige denn, sie an den Lizenzhonorareinnahmen zu beteiligen.

Was meinen Sie: Hat Frau Schweitzer richtig gehandelt?

Kommentare

Erstaunlich, mutig und richtig ist es gewiss, als freie Journalistin eine Schleppnetzfahndung zu starten. Das von ihr genannte Beispiel eines 15 mal widerrechtlich weiter verkauften Artikels (der mit einmalig 80 Euro honoriert wurde) ist allein schon Grund genug. 

Ein Fehler war es ebenso gewiss, die Ergebnisse der Fahndung nicht differenziert zu bewerten, also Einzelfallprüfungen vorzunehmen, sondern die Fahnder im Stil eines Inkasso-Dienstes pauschal von der Leine zu lassen. Aber das hat Frau Schweitzer ja bereits erkannt.

Der vorliegende Einzelfall auf nom nom nom ist meiner Meinung nach die Aufregung nicht wert: Ist doch völlig eindeutig, dass hier aus einem Text zitiert und nicht geklaut wird. Gleichwohl greift der Blog-Eintrag zu kurz.

Der Autor „Philipp“ hätte mindestens den Namen der Autorin des Beitrags nennen sollen; er hätte gut daran getan, selbst mehr beizutragen zum eigentlichen Thema („Obama und Borgs“) oder es gleich bei einem reinen Link auf den Beitrag in Zeit online belassen sollen.

Ich nutze in solchen Fällen, Hinweis auf gelungenen Beitrag, gerne den „altmodischen“ Screenshot: Ein digitales Faksimile des Textes, wie er auf der Originalquelle veröffentlicht ist, mit Kopf und drumherum. Ein Bild, auf dem die Veröffentlichung als solche abgebildet wird und trotzdem der Ausschnitt aus dem Content zu lesen ist, was deutlicher als Empfehlung/Hinweis erkennbar ist, statt als Zitat oder eben Content-Klau.

Fazit: Was Frau Schweitzer hier auf eigene Faust lostrat, war von der Intention her goldrichtig, der unbeabsichtigte Fehlschuss wäre vermeidbar gewesen. Gleichwohl sollte die Aktion doch bei Verbänden wie dju, djv oder Freischreiber offene Türen eintreten: Wie wär's mit einer Fahnder-Unit im Dienste eines einzelnen Mitglieds, wie auch aller Mitglieder? Dann könnte sich das eher rechnen, es liessen sich Prüfschleifen einbauen und würde auch empirisch belegbares Material zu Tage fördern – so hätte man Argumente, würde konkret helfen und am Ende auch dir Richtigen treffen.

frau schweitzer verhält sich grundsätzlich r15ichtig, wenn sie nachprüfen lässt, wo und wer die die von ihr verfassten texte weiterverwertet, ohne sie zu fragen und an einem möglichen gewinn beziehungseise honorar zu beteiligen. wie sie dann im einzelfall damit umgeht, kann sie je nach lage der dinge (wie hier bei einen privatblog), entsprechend regeln. 

Henry, Ihr Beitrag enthält eine interessante (hier vielleicht nebensächliche) Frage. Im Netz gehen viele davon aus, dass ein Link praktisch bereits die Quellenangabe enthält. Klickt man auf den Link erscheint ja über dem Beitrag der Name der Kolumnistin. Die Frage ist, ob eine Quellenangabe noch einmal extra unter das Zitat geschrieben werden muss, gewissermaßen für diejenigen, die den Link nicht nutzen. (Aber auch hier ist ja umstritten, ob drei Absätze nicht bereits über ein Zitat hinausgehen). 

„Die Frage ist, ob eine Quellenangabe noch einmal extra unter das Zitat geschrieben werden muss, gewissermaßen für diejenigen, die den Link nicht nutzen.“

Ich würde sagen: Ja. Weil es deutlicher und eindeutiger ist. Bei einem Foto, dass online abgebildet ist, könnte ja auch das Bild selbst der Link zur Quelle sein, doch die Nennung der Quelle/des Urhebers/Lizenzinhabers ist aus guten Gründen der gebräuchliche und richtige Weg.

@ Henry: Ich finde schon, dass das Ganze die Aufregung wert ist: Ein eigener Absatz des Nomnomnom-Autors und dann drei Absätze Fremdartikel? Das ist Content-Klau und kein Zitieren. Aber sicher: Mehr als 2000 Euro muss man dafür nicht aufrufen. Ich würde in so einem Fall dem Blogger vieleicht 100 Euro in Rechnung stellen, und zwar ohne schlechtes Gewissen, damit die Leute mal dazu lernen. Nichts gegen Blogs und Zitieren, aber so eine Luschigkeit bzw. ein bloßes Abkopieren würde ich bei meinen Texten auch nicht hinnehmen wollen.

Wer sich für die vollkommen unterschiedliche Rezeption dieses Falls außerhalb von Journalistenkreisen interessiert, sollte sich die Kommentare auf den untenstehenden Webseiten ansehen.

Wolfgang Michals Text bei Carta:

http://carta.info/17282/journalisten-vs-blogger-ein-kriegsbericht/

 

"Kurz verlinkt" bei Stefan Niggemeier. Es gibt in dieser Sache m.E. keine gute Figur ab, weil er mit seiner Wortwahl gleich zu Anfang Krawallstimmung anheizt:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/kurz-verlinkt-42/

 

Diverse Updates mit Kommentaren bei Spreeblick (hier nur eine Seite verlinkt). Johnny Häusler wurde am frühen Nachmittag die Mobbing-Stimmung zu deutlich, deshalb hat er die Kommentare geschlossen:

http://www.spreeblick.com/2009/10/30/stellungnahme-von-eva-schweitzer-zur-blog-abmahnung/#more-24085

 

Am Freitag abend habe ich auf meinem Blog versucht, eine vermittelnde Position einzunehmen. Gemischte Ansichten in den Kommentaren:

http://medialdigital.de/2009/10/30/blogger-und-journalisten-das-ewige-feindbild/

Also, grundsätzlich müsste man wissen, wie lang der Originaltext war.

Zitate sind erlaubt, allerdings natürlich nur, wenn sie nicht Alibis darstellen, um kostenfrei abzudrucken.

 

Allerdings sind hier einige Journalisten sehr schnell bei der Hand mit der Androhung rechtlicher Schritte. Als konkretes Beispiel schwebt mir ein Fall vor, in der eine Selbsthilfegruppe von Patienten einmal auf ihrer Homepage einen Text eines Journalisten abgedruckt hatte. In einem für den Journalisten sehr positiven Zusammenhang. Es ging um schwere, z. T. letal (=tödlich) ausgehende Erkrankungen, die aufgrund einer bestimmten Medikation hervorgerufen wurden.

Dies hatte der Journalist sehr treffend dargestellt. Das Interesse dieser Patientenvereinigung, die informeller Natur war und nicht durch Beitragseinnahmen oder sonstwie finanziert war, die Betroffenen von diesem Umstand zu informieren, liegt auf der Hand.

 

Der Journalist hatte nichts anderes zu tun, als auf der Homepage (es war ein Forum) mit der Einleitung rechtlicher Schritte zu drohen angesichts des "unerlaubten" Abdrucks. Folglich war der Text zu entfernen.

 

An dieser Stelle habe ich mich für meinen Berufsstand geschämt.

Bei der Beurteilung dieses speziellen Falles spielt sicher nicht nur die Urheberrechtsverletzung, sondern auch die völlig unverhältnismäßige Reaktion darauf eine Rolle. Dass eine ‚New Yorkerin’ so wenig locker reagiert, kann ich mir nur so erklären: Da schlägt jemand den Sack (den Blogger) und meint den Esel (nämlich die Verlage).

Der Blogger Philipp hat mit dem Abdruck ja keine Zweitverwertung beabsichtigt, die Verlage aber, die Frau Schweitzers Artikel für geringes Honorar einkaufen (80 Euro), und sie nach dem Erstdruck mehrfach weiterverwerten, der Autorin aber nicht Bescheid geben und sie auch nicht an den Lizenzeinnahmen beteiligen - diese Verlage haben die Schleppnetzfahndung von Frau Schweitzer doch erst ausgelöst. Das sollte man nicht vergessen.

Meiner Meinung nach hat Frau Schweitzer sich nicht richtig verhalten. Schon seit einer Weile sind völlig überzogene Abmahnungen gegen private BloggerInnen eine Unsitte geworden, die zwar vielleicht vom Standpunkt des Rechts aus möglich sein kann, jedoch moralisch hoch bedenklich ist.

In privaten Blogs geht es darum als demokratische Stimme am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Das Internet bietet erstmals diese einmalige Gelegenheit für die große Masse der Menschen. Journalistinnen und Journalisten, die sich einer demokratischen Aufklärung verpflichtet fühlen und ihren gesellschaftlichen Auftrag als kritische "4. Gewalt" ernst nehmen, sollten diese Entwicklung uneingeschränkt begrüßen!

 

Auf der anderen Seite finde ich durchaus, dass nicht allein ein Link, sondern selbstverständlich auch die direkte Nennung der Quelle bzw. der Name des Zitierten eine Selbstverständlichkeit für jeden Blogger sein sollte. Von daher wurden Fehler auf bedien Seiten begangen. Sinnvoller wäre es allerdings gewesen, wenn Frau Schweitzer ihrerseits den Kontakt zu betreffendem Blogger ggesucht hätte, als direkt den Weg zum Anwalt zu nehmen. Das ist eine Praxis, die vielleicht im Umgang von Medienunternehmen untereinander der richtige Weg sein kann, im Kontakt zu Privatpersonen, für die solche Maßnahmen finaziell verheerend sein können, sollte man allein aus ethisch moralischen Gründen darauf verzichten!

Immer zuvor um Erlaubnis zu fragen ob zitiert oder genannt werden darf finde ich im Netzzeitalter etwas unrealistisch. Schon zu analoger Printzeit war es wohl eher die Ausnahme als die Regel. Sicherlich muss man darüber sprechen, wo ein Zitat aufhört und zur Kopie wird.

 

Das Problem der klassischen Medien im Netz ist vielmehr ein selbstgemachtes. Schon seit Jahren machen Blogger und Bloggerinnen ihnen den richtigen Umgang mit den technischen Möglichkeiten des Hypertextes vor. Auf der Heise-Nachrichtenseite Telepolis wird es auch seit Jahren vorbildlich praktiziert. Klassische Medienhäuser verlinken jedoch fast ausschließlich aus eigene Seiten, verwenden unsinnige Bilderreihen und im extrem sogar bloße Satzstücke als Clickreihe. Dies allein um möglichst viele Clicks und damit Werbeeinnahmen zu erhalten. Vielleicht sollte man darüber nachdenken ob Clicks wirklich ein adequates Mittel sind um Relevanz und damit Marktwert zu erfassen. Viel wichtiger wären doch die Links, die von anderswoher auf diese Seiten hinweisen. Wenn so Werbewert ermittelt würde, wäre jedes verlinkte Zitat in einem privaten Blog ein realer Marktwert für das betreffende Medium.

Sicherlich liegt das vielleicht nicht in der Hand der jeweiligen Journalisten, aber die längst überfällig Öffnung zur Kreuzverlinkung (auch auf konkurrierende Medien) wäre ein Anliegen, für das sich einzutreten lohnte. Am Ende würden alle davon profitieren, soviel scheint mir sicher.

Im Zuge dieser stürmischen Debatte und auch meiner eigenen Überlegungen entstand bei mir ein Text, den ich gerade bei „freitag.de“ veröffentlicht habe.: „Fair Trade Content“ – jetzt! Darin bewege ich mich bewusst aus der Kamof-Arena heraus, daher habe ich ihn nicht hier eingefügt. Meine Ausgangsthese fasst die Sublione zusammen: „ Wenn Medien ihre Zulieferer betrügen oder ausbeuten, dann wehren sich Autoren. Doch auch die Medien-Nutzer sollten ein Wertgefühl für faire Produktionsbedingungen von Urhebern entwickeln – und darauf drängen“ 

Ungefragt eine Selbsteinschätzung: Ist 'n langer Riemen, lohnt sich aber, denke ich.

Ja wunderbar, ich überlege, so etwas auch mal zu machen...vor allem gefällt mir, dass sie immer wieder betont, dass man doch über alles R E D E  N kann, und tatsächlich, es geht mir wie ihr, obwohl ich nicht in N.Y. oder anderen tollen Städten lebe, sondern im grauen Berlin, wo schweigende Massen missmutig aneinander vorüber schieben und zur Zeit viel husten und ich in keine Bar mehr gehe, wegen dem beschriebenen Phänomen (drei Stunden Schweigen an der Bar) aber ich überlege ernsthaft auszuwandern, weil mir das hier am meisten fehlt, dass man miteinander R E D E T, statt sich hinter doofen Anonymen aufzublasen...Warum haben wir Deutschen solche Angst vor dem Telefon??

Es wäre doch wunderbar, mal richtig beschimpft zu werden für das, was man da täglich bloggt, schreibt, oder deutlichen Applaus zu bekommen, eine R E A K T I O N jedenfalls...

Nur eine kleine Anmerkung: Wenn US-Journalisten all die  deutschen Korrespondenten haftbar machten, die ganz freimütig  aus amerikanischen Zeitungen abschreiben, ohne sie auch nur ein einziges Mal als Quelle zu nennen – vermutlich würde das sehr teuer. Da würden nicht einmal die vierstelligen Honorare reichen, die "Zeit Online " und "Berliner Zeitung" offenbar zahlen.

 WER KENNT DAS NICHT?

Da schreibt man seine Artikel und findet diese dann an vielen Stellen im Netz wieder. Zum Teil bei den Kunden, zum Teil bei den "anderen". Wobei die "anderen" nicht immer Blogger sein müssen.

Und dann? Dann macht man sich die Mühe, sucht im Impressum der "anderen" nach einem Namen, einer Anschrift, einer Telefonnummer und ruft dort an oder schreibt eine freundliche e-Mail. Und manchmal schreibt man noch eine e-Mail, so als Erinnerung oder man muss eben 3-4 Anrufversuche machen, bis man jemand erreicht.

In 90% aller Fälle habe ich ziemlich unfreundliche Antworten erhalten - bis zu herben Beschimpfungen - und mein Text blieb fast immer online.

 

ICH MACH DAS JETZT NICHT MEHR. Seitdem ich die Fälle meinem Anwalt gegeben habe, habe ich meine Ruhe und erhalte ein nachträgliches Honorar. Und jetzt werde ich die Eva Schweitzer fragen, wer denn für sie nach Texten sucht. :-)

p.s. und ab und zu habe ich jetzt mal einen sehr freundlichen Anruf von einem "anderen", verbunden mit der Frage, "ob man da nicht etwas nachlassen könnte".

MACH ICH AUCH - ICH BIN JA GAR NICHT SO.

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