Verhütungsregeln

Vor kurzem haben wir an dieser Stelle propagiert, Mumm zu zeigen, um die neuen Vergütungsregeln für hauptberufliche freie Tageszeitungsjournalisten einzufordern, die seit dem 1. Februar gelten. Doch aller Mumm nützt nichts, wenn die Adressaten in den Chefredaktionen mit Zynismus und Kaltschnäuzigkeit reagieren.

Zwei Freie der Frankenpost in Hof haben es erlebt: Als sie in einem Brief – einer Mustervorlage der Verdi-Journalistengewerkschaft dju, die die Vergütungsregeln mit ausgehandelt hat – an den Chefredakteur der Zeitung die Neuregelung für sich geltend machten, antwortete der mit diesem Brief:

 

        

Die Redaktion erhielt gleichzeitig die Anweisung, nichts mehr von den beiden langjährigen Mitarbeitern zu veröffentlichen.

Wir glauben kaum, dass ein Chefredakteur so ahnungslos ist, nicht zu wissen, von wem das "großzügige Angebot" tatsächlich stammt. Die beiden Kollegen haben sich die Zeilenhonorare, die fortan für sie gelten, ja nicht ausgedacht, nein, sie entsprechen genau den Vergütungsregeln, denen der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zugestimmt hat, zu dessen Mitgliedern die Frankenpost zählt. Freie Journalisten, hieß es, als die Vergütungsregeln nach mehrjährigen Verhandlungen beschlossen waren, würden nun endlich "angemessene Honorare" für ihre Arbeit bekommen. Bei der Frankenpost wären das gemäß der neuen Honorartabelle 94 bis 102 Cent pro Zeile für eine Reportage. Da müsste man also eine Menge schreiben, um von der Arbeit einigermaßen leben zu können.

Angesichts des Zynismus, der aus den Zeilen des Chefredakteurs spricht, kommt uns allerdings ein Verdacht: Es hat sich ein Tippfehler eingeschlichen. Die Vergütungsregeln sind in Wirklichkeit Verhütungsregeln, die dazu dienen, professionellen freien Tageszeitungsjournalisten den Garaus zu machen.

Wer das haben möchte, was ihm zusteht, wird kalt gestellt. Und da die Vergütungsregeln nur für hauptberufliche Freie gelten, weichen – wie wir es erwartet haben und wie es bei der Frankenpost zu beobachten ist – die Zeitungsverlage dann eben lieber auf Freizeitjournalisten und Hobbyautoren aus. Die füllen bei der Frankenpost Seiten mitunter schon für acht Cent pro Zeile.

Kommentare

Liebe Journalisten,

 

sammelt solche Dokumente! Sollte sich die Meinung zu "Verhütungsregeln" erhärten und "bestätigen", bedeutet das für mich gleichzeitig, dass das Argument, Printmedien würden qualitativ besserwertigeres Material liefern als onlinemedien, ohnmächtig gemacht wird.

Das soll heißen: Sollten die sogenannten Chefredakteure sich gegen die Vergütungsregeln entscheiden, entscheiden sie sich gleichzeitig gegen den Qualitätsanspruch der Printmedien und im Prinzip für ihren Untergang, sollten sie nicht ihr Geschäft hinreichend ausbauen.

Sollten sie sich doch für die Vergütungsregeln entscheiden, bestünde noch die Möglichkeit, sich mit der Ausrede "Printmedien haben einen höheren Qualitätsstandard und social Media ist scheiße und wertlos" von Sinnfragen zu Printmedien befreien zu können.

Beides ist im Prinzip quatsch und man sollte sich aus beiden "Einstellungen" das beste herauspicken... aber ich bin ja hier nur einer, der ein Kommentar rausposaunt.

Da zeigt sich wieder einmal der Unterschied zwischen Theorie und Praxis: Unter SPD-(Mit)Regierung wurde die Reform des Urhebergesetzes beschlossen, unter SPD-(Mit)Eigentümerschaft ignoriert (Die SPD hält über ihre Holdig DDVG 35% des Frankenpost-Verlags).

 

Den mutigen Kollegen meinen Respekt. Dem feinen Herrn Pirthauer wünsche ich einen ebensolchen Brief von seinem Verleger. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn Qualität ist sicherlich das unwesentlichste Kriterium beim Zeitungsmachen heute. Nicht bei den Redakteuren, aber bei Chefredakteuren und Verlagsmanagern, die in keiner Weise mehr die Qualifikation und den Mut eines Verlegers haben. Auch die Frankenpost dürfte es eines Tages erwischen.

Wenn's nicht so traurig wäre, könnte ich mich über die Naivität von uns Freien amüsieren. Glaubt jemand nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre noch, dass es (außer bei Kleinverlagen) noch um Qualität geht oder sich die Verlage an Honorarempfehlungen halten werden? Sie haben es doch schon bisher nicht getan.

Der freie Journalismus ist der direkte Weg in ein Leben am Existenzminimum und die sichere Altersarmut. Wer nicht mit allen Mitteln eine Alternative sucht, und sei es PR oder in einem völlig anderen Beruf, wird erkennen müssen, dass in diesen neoliberalen Zeiten nur noch der Profit des Verlags zählt und wir Freie bestenfalls den Status von Niedriglöhnern und Leiharbeitern, also blanken Kostenfaktoren, haben. So viel Selbstbewusstsein kann niemand haben, um sich in dieser Underdog-Position ein Leben lang wohlzufühlen. Wir sind nicht dazu da, Rekordgewinne für andere zu erwirtschaften und uns wie Hunde behandeln zu lassen. Da wir am kürzestmöglichen Hebel sitzen, hilft kein Kampf – nur die Flucht.

Ich arbeite seit einem Monat bei einer Agentur zu einem ordentlichen Tagessatz. Seitdem geht es mir richtig gut. An eine bessere Welt dank Freischreibern und Gewerkschaften glaube ich mit 57 nicht mehr. Wir leben seit 1990 in einem ultraharten Kapitalismus, in dem das Recht des Stärkeren gilt und Moral und Anständigkeit nicht mehr zählen. Warum soll das ausgerechnet bei Verlagen anders sein? Eine Meute von Scheinheiligen, Absahnern und Selbstdarstellern, die sich unentwegt selbst feiern... 

 

 

Tja, und DJV und Verdi posten unverdrossen weiter gute Tipps für Freie. Just heute: "nicht nur die im Text abgedruckten Zeilenhonorare [verlangen], sondern auch zusätzliche Ansprüche, beispielsweise Aufwendungen für Autonutzung und andere Auslagen" Schade, dass sich Herr Hirschler von der Gewerkschaft nicht meldet. Hatte er nicht die Vereinbarung als wichtigste Errungenschaft für Freie seit 1974 gepriesen?

Vorgestern war ich bei einer Versammlung von Kollegen der Bad Kissinger Saale-Zeitung. Aufgekauft von der Mediengruppe Oberfranken (Bamberg). Jetzt werden Druckerei und Mantelredaktion plattgemacht, 76 Stellen sollen zur Disposition stehen. Übernahme in die Zentrale? Glaubt niemand. Und wegen vermutetem Waffenstillstandsabkommens mit der theoretischen Konkurrenz Main-Post keine Chance woanders. Freier? Tja, halt irgendwo zwischen Fuchs und Has und Gute Nacht. Stimmung mau, Lage beschissen, trotzdem waren die Kollegen dankbar, dass wir mit Juristen, Infos, Beispielen gelungener Verzögerungstaktik, aus München, Thüringen etc. in die nächtliche Rhön gekommen waren.  

Niemand verlangte Patentrezepte. Hat ja auch keiner. Wer besitzt, darf in diesem unserem Lande doch fast alles, ganz legal. Also kann  man sich nur wehren, möglichst viele gleichzeitig. Tarifverträge, aber auch Vergütungsregeln sind nun mal die Voraussetzungen, sich zu wehren. Dann braucht man nicht von Moral, Sozialem etc. reden, was eh niemand hören will, sondern kann sich auf ganz Konkretes berufen und eben vor Gericht gehen. Ja, das gibt Ärger, aber sollen wir uns denn schweigend schlachten lassen??

Ich kann den Sarkasmus von F. verstehen, dass nur die Flucht hilft. Theoretisch hat er sogar Recht. Felix hat für die Praxis Recht. Sammeln! Nur dann können wir Kampagnen fahren und so argumentieren, wie es Felix empfiehlt. Davor darf man sich nicht scheuen.  Man muss den DJV ja nicht lieben, sollte aber wenigstens die gleichen vernünftigen Ziele unterstützen.

Übrigens, Kollege Hirschler hat Urlaub und den auch verdient.

Schönes, aktuelles Zitat auf der Seite der Frankenpost gefunden, das die ganze Misere des Lokaljournalismus in einem Satz bündelt. Es stammt von "Marketingkoordinator" Michael Göppel, der eine neue "ganzheitliche Aktion" vorstellt: "Innerhalb der Medienhäuser arbeiten Marketing, Anzeigenabteilung und die Redaktion Hand in Hand." Wenigstens ist Stephanie Freifrau zu Guttenberg Schirmherrin.

Vielleicht wirft der "Fall Frankenpost" vor allem Fragen nach dem BDVZ auf: Was ist das für ein Phantom, das seine Entscheidungen offenbar nicht gegenüber seinen Mitgliedern durchsetzen kann? Anders gefragt: Wieso hat es sich der Verband überhaupt angemaßt, mit den Gewerkschaften jahrelang zu verhandeln - und warum sind diese auf den Verband hereingefallen? Hat der BDVZ denn im Namen seiner Mitglieder gesprochen - die Frankenpost ist immerhin ein Mitglied? Und falls ja, warum haben die großen Mitglieder nicht protestiert als die Vergütungsvereinbarungen getroffen wurden? Etwa der Süddeutsche Verlag, der (laut der natürlich nicht zitierfähigen Wikipedia) Mehrheitseigentümer der Frankenpost ist? Und ist mit dem "Fall Frankenpost" nicht die gesamte Vergütungsvereinbarung hinfällig geworden?  Welcher (Lokal-)Journalist wird es jetzt noch wagen, auf höhere Zeilensätze zu pochen?

Berufskommunikatoren haben offensichtlich Probleme den rechten Ton zu treffen.

 

Nur verstehe ich die Art und Weise nicht. Nachteil eines Manoeuvers, wie diesem ist doch, dass so verstoßene Mitarbeiter mit einer Kündigungsschutzklage reagieren (können, bei entsprechenden Auftragsvolumen) und darauf verweisen, dass sie Scheinselbstständige waren. Dann noch Briefe an die Renten- und Krankenversicherungen und die im Verlag müssen sich länger als ihnen lieb ist mit den eigentlich gechassten Mitarbeitern beschäftigen. Und unter dem Aspekt, dass das auch Kosten sind, ist echt die Frage, was billiger gewesen wäre. Ich habe da so meine Erfahrungen. :-D

 

Aber ich verstehe nicht, warum man so offensichtlich sch... sein muss. Nur weil es geht? Ein Grund mehr, dort nicht zu arbeiten.

 

Erstens hätte man das mit dem Tarifvertrag ablehnen können. Was hätten die freien Kollegen denn dann gemacht? Eben - weiter wie bisher. Zweitens hätte man die Auftrage nach und nach runterfahren können, und sie so subtil auf Trockene legen können.

die vergütungsregel zwischen bdzv und verdi geht an der realität der meisten freien journalisten vorbei, niemand von verbands- und gewerkschaftsvertretern ist dabei, wenn die honorare in den redaktion ausgehandelt werden müssen...

wünschenswert wäre, diesen konkreten fall vors arbeitsgericht zu zerren, mit voller unterstützung von verdi für die beiden geschassten journalisten

wie man etwas ändern kann? eine art streik nützt nichts, im gegenteil - man müsste noch mehr arbeiten, und zwar bräuchte jede stadt ihren "watch"-blog, der zunächst mal die lokalen zeitungen täglich auseinander nimmt und in einem zweiten schritt ergänzende informationen bereitstellt, so lässt sich ein qualitätsdruck auf verleger und chefredakteure aufbauen, andernfalls haben die doch keine probleme damit, schülerreporter einzusetzen und pressemitteilungen abzudrucken, und solange das so ist, hat der freie journalist eine ganz schlechte verhandlungsposition

 

 Schülerreporter? Indien? Ich dachte, Kinderarbeit sei hierzulande verboten...

Und stattdessen Pressemitteilungen? Wenn der Frankenpost nach so schönem diesbezüglichen Klatext wie dem des Marketingkoordinators nicht die Abokündigungen um die Ohren fliegen, muss man sich doch auch über nichts mehr wundern.

Aua, ist das bitter! Aber zur Verbandsfrage - kennen wir doch schon von den festen Kollegen. Als Reaktion auf bessere Bedingungen, die vor einigen Jahren ausgehandelt wurden, trat der ein oder andere Verleger eben aus.

Die Nummer mit dem Arbeitsgericht hat was - erst recht die mit den Versicherungsträgern. So schnell kann einem derart kaltschnäuzige Ignoranz gepaart mit offenkundiger Dämlichkeit auf die Füße fallen. Möchte mal sehen wie Herr P. nach 'nem Gespräch mit seinem Verleger guckt, wenn dem die SV-Träger die Bude umkrempeln wegen Verdachts auf Nichtabführen von SV-Beiträgen.

 

Vor allem aber hat das kollektive Sammeln was, damit man Kampagnen fahren kann. Dann aber bitte nicht nur zum Thema 'neue Vergütungsregeln', sondern auch zu den übrigen schönen Dingen wie TBO's - die man gern auch mal 'posthum' zu erschleichen versucht!; einen eigenen Fall zum Schmunzeln (heulen kann ich über sowas schon lange nicht mehr) steuere ich gern bei!  

Lieber Frank,

Beispiel für freche TBO-Verträge und Anregungen für Kampagnen nehme ich gern entgegen.

Gruß, Lars

 

@ frank: "Schülerreporter? Indien? Ich dachte, Kinderarbeit sei hierzulande verboten..."

Ja, vielleicht brauchen wir dann ja bald auch ein "fair-trade"-Siegel für Zeitungen?

 

Nachtrag: Die taz hat die Geschichte der Frankenpost aufgegriffen.

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