Was geht freie Journalisten der Streik der Redakteure an? Sehr viel!

Seit September 2010 verhandeln DJV, dju in ver.di und BDZV, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, über den neuen Gehalts- und Manteltarifvertrag für etwa 14.000 Zeitungsredakteure. Nach Warnstreiks im Frühjahr finden jetzt die Urabstimmungen über weitere Arbeitskampfmaßnahmen statt. Alles deutet darauf hin, dass es zum Streik kommen wird.

Und was geht das uns Freie an? Sehr viel.

Die Grenzen sind sowieso fließend: Freie waren oder gehen in Festanstellung, Feste werden frei – wir sind Kollegen, keine Gegner, wie die „Teile-und-herrsche“-Anhänger suggerieren möchten. Es ist auch nicht so, dass uns Freien die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen fremd wären. Wir wissen,  wie und wie viel dort gearbeitet wird, und auch, welcher Druck auf manchen Redakteuren lastet – bis hin zu schierer Angst, beim nächsten Streichkonzert selber wegrationalisiert zu werden.

Es ist nicht einfach eine Frage von Mitgefühl und Solidarität, dass Freischreiber die festangestellten Kollegen im Tarifstreit unterstützt. Es ist eine Frage der Vernunft. Wenn auf Honorar-Dumping nun Lohn-Dumping folgt, dann ist das ein weiterer Schritt auf dem Weg in einen journalistischen Niedriglohnsektor, in dem zunehmend Textdiscounter mit Massenware die Preise bestimmen werden; in dem Autoren zu Contentproduzenten und Redakteure zu Produktionsknechten werden. Entwertet wird in diesem Prozess nicht nur ein ganzer  Berufsstand, sondern auch das Produkt der Arbeit. Was ist eine gute Geschichte noch wert? Und wer wird noch gute Geschichten recherchieren, wenn die klügsten Köpfe lieber für PR-Agenturen statt für Verlage arbeiten, weil die Arbeit als Journalist unzumutbar geworden ist?  

Heute verdient ein Jungredakteur knapp 3500 Euro brutto. Setzen sich die Zeitungsverleger durch, wird es in Zukunft bis zu einem Drittel weniger sein, also etwa 2400 Euro im Monat. Auch die Gehälter der älteren Zeitungsredakteure kann man ordentlich, aber nicht gigantisch nennen: 4.401 Euro sind es ab dem 11. Berufsjahr. Dass ein freier Journalist im Durchschnitt nur die Hälfte verdient, bedeutet lediglich: Die Honorare müssen steigen. Und nicht: Die Gehälter müssen sinken. Den Freien wird es nicht besser gehen, wenn es den Festen schlechter geht.

Vier Prozent mehr Gehalt für die Festen und vier Prozent mehr Honorar für die Freien – maßlose Forderungen sehen anders aus. 30 Prozent wären maßlos. 30 Prozent fordert der BDZV – 30 Prozent weniger für den Nachwuchs: Als kämen die Regionalzeitungen durch weitere Einsparungen in den Redaktionen aus ihrer Krise. Hätten sie Recht, müsste es all jenen Blättern, die Cent-Beträge pro Zeile zahlen, blendend gehen – ist aber nicht so. Vielleicht bräuchten gerade die Verleger den Nachwuchs, den sie verprellen, um herauszufinden, für welchen Lokaljournalismus die Leser überhaupt noch bereit sind, Geld auszugeben.

Natürlich unterstützen wir die Forderungen der angestellten Kollegen. Wenn die betroffenen Redaktionen uns anheuern, werden wir hinschauen, ob wir als Streikbrecher eingekauft werden sollen. Genauso selbstverständlich finden wir es, dass wir einander auf Augenhöhe begegnen. Und dass Redakteure ihre Spielräume, auch wenn sie klein sind, zugunsten der freien Autoren nutzen.   

Kommentare

Sehe ich genauso. Nur leider nicht unbedingt ver.di. Von denen habe ich (als freier Journalist und sozusagen freiwilliges Mitglied - ja, man ist immer freiwillig dabei, ich weiß) bislang nie eine Mail zu den Streiks hier erhalten. Dafür aber Angebote für Weiterbildungsseminare. Woraufhin ich mich mal beschwerte, denn als Werbeabwurfstelle sehe ich mich auch bei der Gewerkschaft nicht.

Guten Tag!

Die Haltung der Freischreiber akzeptiere ich pauschal - aber im Detail ist sie falsch, wenn auch gut gemeint.

Beim Zeitungsstreik geht es vor allem um den lokalen und regionalen Markt. Im Lokalen sind die "Honorare" so weit unten, dass sie kaum mehr sinken können. Würde sich der BdZV durchsetzen, hieße das nicht, dass auch diese Honorare um 25 Prozent gesenkt würden. Und selbst wenn: Ob man nun 15 statt 20 Cent die Zeile bekommt, ist schon fast egal.

Jedes Honorar unterhalb eines Euros, eigentlich aber unterhalb von zwei bis drei Euro pro Zeile, ermöglicht es niemals, ein vernünftiges Einkommen zu erzielen. Somit ist Journalismus steuerlich gesehen "Liebhaberei".

Das häufig vorgebrachte Argument, die Redakteure bestimmten nicht die Honorare, ist hanebüchen. Wenn ein Freier Artikel anbietet, übermittelt der Redakteur, was es dafür gibt. Und Redakteure, die gegenüber der Geschäftsleitung für höhere Honorare für besondere Leistungen argumentieren, gibt es so gut wie nicht.

Redakteure machen sich zum Dealer. Ein anständiger Redakteur müsste streiken und es ablehnen, Texte und Bilder oder sonstiges Material zu diesen Preisen einzukaufen.

Zum Vergleich: Würde man mit einem Teppichhändler ein Nachsehen haben, der sagt, klar ist Kinderarbeit für fast kein Geld schlecht? Ich bin doch aber nur der Händler, verantwortlich sind die Geschäftsleute. Sicher nicht.

Die Gewerkschaften DJV und verdi sind die allergrößten Versager in diesem "Spiel". Ist zwar zynisch: Sie werden es büßen müssen. Denn in einigen Jahren wird es immer weniger Festangestellte geben und damit wird es zu massiven Austritten kommen, weil jeder Freie vernünftigerweise erkennen wird, dass er hier keine Vertretung hat. Wenn Freie Mitglied sind, dann meist wegen des Presseausweises, den kriegt man zu gleichen oder besseren Konditionen auch woanders. Viel wert ist er eh nicht mehr.

Apropos Krise: Die meisten Zeitungen haben noch satte zweistellige Umsatzrendite. Die "Krise" findet hier auf hohem Niveau statt und im Ergebnis geht es um die Frage, wie viele Villen sich Geschäftsleitung und Verleger noch leisten können.

Meine Kritik zielt insbesondere auf die Forderung nach Solidarität und die Frage der Qualität. Solange ich nicht erkennen kann, dass sich Redakteure solidarisch mit den Freien zeigen, solange sehe ich überhaupt keinen Grund, solidarisch mit diesen Leuten zu sein.

Solange Journalismus von Redakteuren nur verwaltet wird und Qualität kein Kritierium mehr ist, solange finde ich Redakteure lächerlich, die sich selbst was in die Tasche lügen.

Insgesamt ist die Situation vollkommen verfahren. Falsche und schlechte unternehmerische Entscheidungen haben die Verlage in "Schwierigkeiten" gebracht. Gewerkschaften, Redakteure und Freie haben alles mit sich machen lassen. Insgesamt trägt jeder seinen Teil an dieser Abwärtsspirale bei. Wobei die Verantwortungsverteilung von oben nach unten geht.

Und zumindest beim MM werden im Moment viele Freie eingesetzt, die mit Bratwursttexten die wenigen Seiten füllen. Die verdienen jetzt mal ordentlich. Und sie können sicher sein, dass, wenn sie auch nicht mehr arbeiten würden, es nach den Tarifverhandlungen weder von den Gewerkschaften, noch von den Redakteuren einen zweiten Streik geben wird, der sich solidarisch mit diesem journalistischen Prekariat zeigt.

Denn wenn dem so wäre, wäre ein Teil der Streikforderungen, dass die Honorare der Freien mindestens um 50 Prozent steigen müssen. Und dass die Redakteure dafür auf ihre vier Prozent verzichten. Aber jetzt fange ich an zu fantasieren...

Beste Grüße

Hardy Prothmann

 

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage ist unser täglicher Kampf gegen Spam.