"Wenn wir über Qualitätsjournalismus reden, müssen wir aus Sicht der freien Journalisten über Geld reden."

Die Anzahl freier Journalisten „kann der Markt in dem Maß nicht aufnehmen.“ Das zeige, dass der Beruf „in der Sache attraktiv ist, finanziell sicherlich nicht für jeden Freien, das ist völlig klar. Wer  bestimmt denn, welches die richtige Zahl von Freien ist, die die Verlage insgesamt zu finanzieren  haben?“ Diesen und andere schöne Sätze sagte am vergangenen Mittwoch Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger in der Sitzung des Kultur- und Medienausschusses des Bundestags zum Thema „Zukunft  des Qualitätsjournalismus.

Dazu war zum ersten Mal auch Freischreiber eingeladen, um die Position der freien Journalisten zu vertreten. Zum Glück: Denn was man da so hörte, macht einen direkt sprachlos.

Cornelia Haß, die Bundesvorsitzende der dju/ver.di berichtete von einer  dju-Umfrage zur Umsetzung der Vergütungsregeln unter Zeitungsverlegern. Von einem Kollegen aus  Bayern habe sie die Rückmeldung bekommen, dass man sich in Bayern keine Gedanken mehr drüber machen müsse, da es dort keine freien Journalisten an Tageszeitungen mehr gäbe. Sondern – Achtung! – nur  noch Ehrenamtliche, ehemalige Lehrer und Leserreporter.

Zeitungsverlegerpräsident Heinen hat auch zum Qualitätsjournalismus eine ganz eigene Ansicht. Man sei sich völlig uneins mit den Gewerkschaften in der Frage, ob teurer Journalismus besserer Journalismus sei, erklärte er in der Ausschussitzung. „Wir haben als Unternehmen  natürlich das Ziel, guten Journalismus zu günstigen Kosten einzukaufen. Das ist nüchtern betrachtet  und [Schulterzucken] dadurch, dass ich denselben Redakteur besser bezahle, leistet er nicht  zwingend bessere Arbeit.“ Denn: „Die Redakteure verdienen gut und können sich sogar Wohnungen in Großstädten leisten.“ So denkt sich das Herr Heinen.

Wie Benno Stieber, Vorsitzender von Freischreiber, die Position der freien Journalisten in der Ausschusssitzung vertreten hat, kann man sich jetzt online anschauen: Die Sitzung, zu der auch Ulrike Kaiser, stellvertretende Bundesvorsitzende des DJV, Uwe Heitmann, Sprecher des Chefredakteur-Ausschusses des Verbandes  Deutscher Lokalzeitungen, und Dirk Platte, Justiziar des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger, als Experten eingeladen waren, wurde gefilmt. Das Freischreiber-Eingangsstatement beginnt bei Minute 31:44.

 

Nachtrag: Sie können unser Eingangsstatement jetzt auch nachlesen.

AnhangGröße
Statement KuMeAusschuss_18.1.2012.pdf84.09 KB

Kommentare

Danke für den guten Auftritt an euch Freischreiber. Der Zynismus der Verlegervertreter, die sonst nicht müde werden, ihre große gesellschaftliche Bedeutung (und in Sonntagsreden auch ihre große gesellschaftliche Verantwortung) zu betonen, macht eine sprachlos.

Ich kann allen Freien gut verstehen, die sich jenseits dieser Strukturen Erwerbsmodelle erschließen wollen. 

In Sachen Zynismus, neulich bei einem privaten Brunch: Freier Journalist (icke) trifft auf feste Redakteure (Zeitungen/Nachrichten-Agenturen). Thema: niedrige Honorarsätze für freie Mitarbeiter. Redakteure sagen (sinngemäß):

Klar sind die Honorare unmoralisch niedrig, doch das gibt uns der Verlag vor. Wie man für so wenig Geld arbeiten kann, wie man davon leben soll, ist uns auch nicht klar. Daher prüfen wir die Texte von solchen Freien auch generell auf Plagiat, Fakes, Schummelei. Denn, mal ehrlich, wer für so wenig Geld arbeitet, der kann doch keine Qualität abliefern, wie soll das gehen? Der muss doch pfuschen.

Das ist dann eigentlich der Zeitpunkt, die Zusammenarbeit mit (solchen) Redaktionen und Verlagen gänzlich aufzukündigen. Doch gleichwohl müssen die freien Journalisten wohl - zusammen mit anderen freiberuflichen Medienschaffenden (und eigentlich auch zusammen mit den fest assotiierten) - da auch gegenhalten, immer wieder gegenhalten und um bessere Honorare streiten.

Insofern: Danke an Benno Stieber für die deutlichen Worte an den Ausschuss. Und bei dieser Gelegenheit: Glückauf für den kommissarisch übernommenen Vorsitz!

Nur weil man besser bezahlt wird, wird die Arbeit nicht automatisch besser. Ich denke da an Vorstände und ihre Boni. Die müssten teilweise dann doppelt so gut arbeiten wie im Vorjahr. ;-) Ich sehe zwei Probleme durch nicht adäquate Bezahlung: 1. Teilweises Abwandern in die PR lohnt sich, führt aber zu Interessenkonflikten, weil man irgendwann mal von der Redaktion zu einem Kunden geschickt wird oder über eine seiner Veranstaltungen schrieben soll. Ist aber primär nicht das Problem der Redaktion - wenn der Freie auf den Interssenkonflikt hinweist und den Auftrag deswegen ablehnt. 2. Rechercheintensivere Geschichten lohnen sich nicht, wenn nur nach Volumen bezahlt wird. Über einen einstündigen Vortrag 100 Zeilen zu schreiben bringt ohne Vor- und Nachverhandlungen genau so viel wie das der Artikel über eine zu teure Weihnachtsfeier einer kommunalen Einrichtung. Allerdings sollten die Honorare mindestens so hoch sein, dass sie an die Mindestlohnideen rankommen, bzw. man theoretisch von den Aufträgen leben könnte, wenn man so viele bekäme, dass man eine 40-Stunden-Woche hätte.

Nur weil man besser bezahlt wird, wird die Arbeit nicht automatisch besser. Ich denke da an Vorstände und ihre Boni. Die müssten dann ja doppelt so gut arbeiten (oder gearbeitet haben) wie im Vorjahr. ;-)

 

Aber: Ich sehe zwei Probleme durch nicht adäquate Bezahlung:

1. Teilweises Abwandern in die PR lohnt sich, führt aber zu Interessenkonflikten, weil man irgendwann mal von der Redaktion zu einem Kunden geschickt wird oder über eine seiner Veranstaltungen schrieben soll. Ist aber primär nicht das Problem der Redaktion - wenn der Freie auf den Interssenkonflikt hinweist und den Auftrag deswegen ablehnt.

2. Rechercheintensivere Geschichten nachzugehen lohnt sich nicht, wenn nur nach Volumen bezahlt wird. Über einen einstündigen Vortrag 100 Zeilen zu schreiben bringt ohne Vor- und Nachverhandlungen genau so viel wie der Artikel über einen Konflikt zwischen Führungspersonal am Staatstheater.

 

Insgesamt sollten die Honorare mindestens so hoch sein, dass sie an die Mindestlohnideen rankommen, bzw. man theoretisch von den Aufträgen leben könnte, wenn man so viele bekäme, dass man eine 40-Stunden-Woche hätte. Abgesehen davon ist ein finazielles Polster auch gerechtfertigt, man könnte ja auch von einem Prozesshansel auf Unterlassung verklagt werden.

well done, Benno!

Guter Einstand - weiter so!

Anmerkung zur Angabe, es gebe keine freien Mitarbeiter bei bayerischen Tageszeitungen:

Es gibt in Bayern durchaus Tageszeitungen, die mit Freiberuflern arbeiten - sogar ganz massiv, und zwar beide großen Münchner Zeitungen, die nicht zum Boulevard zählen. Im einen Haus sind zahlreiche Pauschalistenverträge, die eine Scheinselbständigkeit beinhalten, üblich. Im anderen wird Volontären, die nicht übernommen werden, freies Mitarbeiten als "Wartezeit" angetragen.

Sehr gut gemacht, Freischreiber! Schmale, schlanke JournalistInnen gegen massigen Verleger, das Bild stimmte schon mal.

u.a. / Das Geschwätz, das manche an den Tag legen, kann jeden Tag aufs Neue in einschlägiger Journaille begutachtet werden. Qualität sieht wirklich anders aus. Im Mainstream gelandet, wird kräftig mitgerudert, bis die Arme und Beine nicht mehr mitmachen. Der Kopf hat schon längst ade gesagt. Leider, wie anderswo auch, die mit den breitesten Armen. Ein großes Thema: EUropa geopolitisch betrachtet, ein Feld das sich in einer Form anbietet, gerade so manch gelistetem Falschspieler in der "offenen" Weise zur Verfügung steht, macht müde dermaßen, daß ein Querlesen deutscher Tageszeitungen überflüssig macht. Wer mehr über diese durchaus interessante Vorgehensweise, direkt ab verfügbarer Quelle wissen möchte, sollte sich gerne in der ein oder anderen Form als "GENOsse" einer eG seinen Anteil sichern. Europaweit.

Erst einmal Benno danke für die fleißige Arbeit! Dann möchte ich allen Mut machen: So konnte ich bei (Fach-)Verlagen Honorarerhöhungen im Einzelfall durchaus durchsetzen (da war aber die Position soweit ganz gut). Ansonsten muss auch ich mehr und mehr Industrie-PR machen, wobei ich die erstaunliche Erfahrung mache, dass dort der Umgang deutlich fairer ist. Ich schreibe dabei auch regelmäßig für Kundenmagazine und Verbandszeitschriften. Kein einziger Mal habe ich dort einen Buy-out-Vertrag unterzeichnen müssen. Eine liebe Chefredakteurin hat übrigens ein Verbandsmitglied, das einen Beitrag von mir haben sollte, darauf hingewiesen, dass das (sehr gute) Honorar für den Artikel nur für einen einzigen Abdruck gezahlt wurden und dass derjenige nochmals separat an mich zahlen müsse. Auch an die Weiterverwertung meiner aufwändigen Recherchen stört sich - nach Rücksprache mit mir - niemand.

Nikolaus Fecht

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