Neues von Freischreiber: 42.000, Leistungsschutzrecht, neue Ideen u.v.m.
Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist schon irgendwie lustig: Wenn man um Honorare verhandelt, wird in den Redaktionen gejammert, als sei auch das letzte Hemd bereits verpfändet. Wenn aber ein Chefredakteur sich einen Spaß macht und ein Blog betreibt, und das auch aus dem Urlaub in Marokko, und dafür dann 42.000 Euro Roaminggebühren auflaufen, dann wird schulterzuckend gezahlt. Nein, wir sind gar nicht neidisch, wer will schon Chefredakteur einer Zeitung mit nur vier Buchstaben im Titel sein. Aber 42.000 Euro, das ist ungefähr doppelt so viel wie das durchschnittliche Jahreseinkommen eines freien Journalisten. Wie viel Zeilen man bei einer Tageszeitung dafür schrubben müsste, wollen wir jetzt mal besser nicht ausrechnen.
Was aber komisch ist: Genau in diesem Verlag, im Axel-Springer-Verlag nämlich, sitzen die lautesten Lautsprecher für ein Leistungsschutzrecht der Verlage. Begründung: Es gehe den Verlagen so schlecht (wer das relativieren möchte, möge hier einmal den Suchbegriff "Rekord" eingeben). Und es sei kein Geld für den Journalismus mehr da. Dafür offenbar aber für die Telefonrechnungen von Chefredakteuren.
Es wäre amüsant, wäre nicht der Vorschlag der Verlage für ein Leistungsschutzrecht so absurd. Und gefährlich für freie Journalisten: Denn nicht nur die Möglichkeiten zur Zweitverwertung dürften schwieriger werden, es kommen auch neue Kosten auf sie zu: Denn wie alle gewerblichen Nutzer sollen nach dem Willen der Verlage künftig auch freie Journalisten dafür zahlen, dass sie Webseiten der Verlage im Netz angucken.
netzpolitik.org ist vergangene Woche ein Papier "aus dem Verlegerumfeld" zugespielt worden, in dem auch Freischreiber erwähnt wird:
"Nicht unproblematisch stellt sich die Situation mit kleineren Journalisten-Organisationen wie Freischreiber e.V. dar. Deren Sprecher lassen keine Gelegenheit aus, das Thema Leistungsschutzrecht mit weit hergeholten und inhaltlich nicht nachvollziehbaren Argumenten in ein schiefes Licht zu rücken", heißt es da.
Nun ja, das werden wir auch am 28. Juni in Berlin tun. Da ist nämlich Anhörung zum Thema im Justizministerium, und wir werden auch da sein. Und sagen, was wir von diesem Leistungsschutzrecht halten. Nämlich nichts. Wobei aber durchaus darüber nachzudenken wäre, dass sich die Verlage selbst einem Leistungsschutzrecht unterwerfen, also endlich aufhören, fremder Leute Arbeit ungefragt zu nutzen. Lukas Heinser hat im bildblog ein schönes Beispiel dafür, wie verlogen manche Verleger sind, die einerseits vom Gesetzgeber vor rechtsfreien Zonen im Internet geschützt werden wollen, sich andererseits genau in diesen Zonen selbst ganz gerne mal bewegen. Apropos kostenlos, lesenswert in dem Zusammenhang der Bericht von Deef Pirmasens über ein kompaktes Honorarfrei-Experiment.
Wir denken – auch was Geschäftsmodelle angeht – lieber an die Zukunft und machen gerne noch einmal auf unseren Zukunftskongress am 18. September in Hamburg aufmerksam. Dort soll es darum gehen, wie freie Journalisten in Zukunft arbeiten und Geld verdienen können – vielleicht ja auch ohne Verlage.
Wer sich gedanklich schon einmal mit dem Kongressthema vertraut machen möchte, dem empfehlen wir in dieser Woche zwei Wettbewerbe und deren Ergebnisse. Die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, unser Gastgeber für den Kongress in Hamburg, hat ihre Studenten aufgerufen, sich Gedanken um den Online-Journalismus der Zukunft zu machen. Die wirklich spannenden Ergebnisse, mehr als 30 Konzepte für journalistische Online-Projekte, lassen sich im neuen Macromedia-Lab betrachten.
Auch die mächtige Knight Foundation in den USA hat nach neuen Konzepten für den Journalismus im Netz gesucht. Freischreiberin Ulrike Langer verlinkt die Gewinner des "Knight News Challenge" auf ihrem Blog medialdigital. Auch hier lohnt es sich, die Ideen näher anzuschauen.
Folgende Termine für Freischreiber und Nicht-Freischreiber machen wir bekannt:
Die Münchner Freischreiber treffen sich zu ihrem nächsten Stammtisch am Mittwoch, 30. Juni, um 19.30 Uhr im "Lenz" (Pettenkoferstraße 48, U-Bahn Theresienwiese). Außer einem gemütlichen Austausch wollen sie darüber diskutieren, ob sie wie die Bremer Regionalgruppe auch mal eine Fortbildungsveranstaltung organisieren, z.B. mit einem Schreibcoach oder mit Technik-Experten. Und es wird auch einige Ausblicke auf den Freischreiber-Kongress geben. Anmeldungen bitte an: info(at)christiane-muehlbauer(punkt)de
Der zweite Medienpreis der Freien Berufsjournalistinnen und -journalisten Zürich (FBZ) exklusiv für freie Journalisten wird am 6. November 2010 im Filmpodium Zürich verliehen. Bewerben können sich auch deutsche JournalistInnen, sofern sie in schweizerischen Medien publiziert haben oder sich in ihren Artikeln mit einem schweizerischen Thema befassen. Einsendeschluss ist bereits am 30. Juni 2010! Weitere Informationen gibt es auf der Seite der FBZ: www.journalists.ch
Und nun noch: Kurz gemeldet
+++ Freischreiber-Mitglied Susanne Härpfer geht einer grundsätzlichen Frage nach: Was eigentlich ist eine Nachricht? +++ Mal wieder in Ruhe Zeitung lesen? Der Umblätterer zeigt, wo es am besten geht +++ Und zum Abschluss: Der Sound dieser Tage +++
Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Freischreiber
Ein P.S. exklusiv für die Freischreiber-Mitglieder: Die Kollegen des Fotografen-Verbandes Freelens bieten eine Reihe interessanter Workshops an, zur Zeit "Multimedia für Fotojournalisten" und "Einführung in Audioslideshows". Ab sofort zahlen Freischreiber-Mitglieder für Freelens-Workshops den gleichen Beitrag wie Freelenser.