Neues von Freischreiber: Auf in die Zukunft, Termine und Hinweise
Guten Tag, verehrte Leserinnen und Leser,
Freischreiber kümmert sich ja eigentlich um die Belange freier Journalisten. Aber manchmal läßt uns auch die Welt der Festangestellten keine Ruhe, so wie derzeit die Situation im Neven DuMontschen Zeitungsimperium.
Was haben sich die Kolleginnen und Kollegen bei der Berliner Zeitung gefreut, als nach den katastrophalen Zuständen unter Montgomery und Depenbrock dieser seriöse Sir aus Köln das Hauptstadtblatt erwarb. Als dann auch noch die Redaktionsspitze mit den Leuten von früher bestückt wurde, schien tatsächlich alles gut zu werden.
Und jetzt?
Sie klappern mit den Zähnen, die Angst ist groß, denn genau die Leute, die vorher vehement gegen die Sparmaßnahmen Montgomerys protestierten, vollziehen jetzt, was der immer wollte: Er nannte es eine "Zeitungskette", in der die einzelnen Blätter so miteinander kooperieren, dass es der Rendite des Verlags gut tut; sie nennen es Redaktionsgemeinschaft, in der in einer eigenen Firma 25 Leute für Frankfurter Rundschau, Mitteldeutsche Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger und Berliner Zeitung aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft berichten. Wer weiß, vielleicht ist das erst der Anfang, und bald schreiben die 25 auch noch für die anderen Zeitungen des Imperiums. Und dann machen ein paar Leute alles.
Glaubt man dem großen Tageszeitungsmacher und Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe Bodo Hombach, dann braucht man ja eigentlich eh nur einen Menschen für den redaktionellen Kram. Ist das nicht bestürzend? Betrachtet man aber die Listen, die neuerdings so im Umlauf sind, dann dürften das nur noch die letzten Zuckungen einer sterbenden Branche sein.
Jetzt aber zur Zukunft. Die sieht – glaubt man den Experten – für freie Journalisten gut aus. Angst vor Entlassungen müssen sie ja ohnehin nicht haben, sie brauchen sich auch nicht krampfhaft am Bürostuhl festzuhalten, der in einem der großen Verlagshäuser steht, sondern können sich schon jetzt voll und ganz auf die kommenden Zeiten einstellen.
Als vorbereitende Lektüre haben wir hier einiges zusammengestellt:
Passend zum Gast beim nächsten Hamburger Freischreiber-Treffen (s.u.) empfehlen wir einen Blogeintrag des Journalisten und Kommunikationsberaters Detlev Brechtel, der die Chancen lokaler Blogs auslotet – und sie für "nichts weniger als die Zukunft des Lokaljournalismus" hält.
Übrigens, wer sich immer schon gefragt hat, was "hyperlokal" (was sich wörtlich ungefähr mit "lokaler als Lokal" übersetzen ließe) eigentlich genau heißt, findet hier mehr.
Ja, das geht zugegebenermaßen wieder in die Richtung, die wir in der vergangenen Woche bereits eingeschlagen haben: Gibt es für freie Journalisten Chancen, außerhalb der Verlage ihr Glück zu finden? Wollen sie das überhaupt? Und was könnten die Vorteile sein?
Plazebo-Alarm-Blogger Marcus Anhäuser hat die Frage aufgegriffen und diskutiert mit seinen Bloglesern darüber. Wer mitdiskutieren will: hier entlang.
Könnte es vielleicht sogar sein, dass wir freie Journalisten so etwas wie die Speerspitze einer ganz neuen Form von Journalismus werden können? Weil wir auf den derzeitigen Medien- und Öffentlichkeitswandel viel flexibler, schneller und kreativer reagieren können, als die großen Verlags-Tanker? Das jedenfalls meint Spot.us-Gründer David Cohn, wie er auf Focus.de sagt: "Die Zukunft gehört den freischaffenden, unabhängigen Berichterstattern – sie werden immer bedeutender." Klingt interessant? Das ganze Interview gibt's hier.
Dass freie Journalisten unternehmerisch denken sollten – und darin eher eine Chance als eine Bedrohung sehen sollten –, meint auch Jeff Jarvis im Interview mit Freischreiber-Mitglied Ulrike Langer.
In diesem Sinne viele kreative Ideen – und Mut für kleine und große unternehmerische Entscheidungen in der kommenden Woche! Aber bevor Sie uns verlassen, möchten wir Sie noch auf einige Dinge hinweisen.
Zunächst einige Freischreiber-Termine:
Heute abend treffen sich die Bremer Freischreiber im Bandonion, Gertrudenstraße 37. Abendgast ist Lars Haider, der neue Chefredakteur des Weser-Kuriers. Kurzentschlossene können sich noch bei Tanja Krämer anmelden.
Am Freitag, 12. Februar, bitten die Freischreiber in Frankfurt/Main zu ihrem zweiten Kamingespräch. Gast ist Prof. Lorenz Lorenz-Mayer vom Onlinestudiengang der TH Darmstadt, das Thema des Abends ist eine spannende Frage: "Wie verändert sich das role model des Journalisten?"
Lorenz-Mayers Forschungsschwerpunkte sind virtuelle Gemeinschaften und Social Software, auch daraus lassen sich etliche Diskussionsfäden spinnen. Das Treffen beginnt um 20 Uhr im Sitzungssaal von weissbooks, Am Hauptbahnhof 10, Englischer Hof, 3. Etage, 60329 Frankfurt. Von 19:45 bis 20:15 Uhr gibt es einen "Empfangsdienst", wer später kommt, muss per Handy anklingeln und sich abholen lassen. Bitte unbedingt und verbindlich bei Sylvia Meise anmelden, wie immer darf jede/jeder gern etwas zum Knabbern oder Trinken beitragen.
Die Hamburger Freischreiber treffen sich am Mittwoch, 17. Februar, um 19 Uhr im Mut-Theater, Amandastraße 58 (Nähe Schanze). Gast ist Christoph Zeuch, Gründer und Kopf von altona.info. Er stellt seine hyperlokale Plattform vor, mit der er "einen kompletten Angriff auf die Zeitungslandschaft starten" will – und für die er Journalisten zu Unternehmern machen will. Kann das funktionieren? Wer sich schon einmal einlesen will, findet im Medium-Magazin ein Interview mit Zeuch.
Übrigens: Zu allen Freischreiber-Treffen sind auch Noch-Nicht-Mitglieder herzlich willkommen.
Und nun noch einige Hinweise befreundeter Organisationen:
Das Netzwerk Recherche lädt zu einer Fachkonferenz zum Thema "Fact-Checking – Fakten finden, Fehler vermeiden" mit Vorträgen, Workshops und Debatten am 27./28. März in Hamburg. Mehr dazu hier.
Der Journalistinnenbund hat einen Nachwuchspreis für Journalistinnen zu vergeben, auf den wir gerne hinweisen. Mit dem Preis "Andere Worte – neue Töne" würdigt der Journalistinnenbund "engagierte, in Form und Inhalt bemerkenswerte Arbeiten junger Kolleginnen, die unsere Realität mit unverkrampftem Blick und dem Bewusstsein für die vielgestaltigen Lebensmuster und unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen wiedergeben." Anmeldeschluss ist der 1. Mai. Weitere Informationen und das Anmeldeformular gibt es hier.
So viel für heute, herzliche Grüße,
die Freischreiber