Neues von Freischreiber: Aus der FAZ abschreiben, Lektüreschau und Hinweise
Sehr geehrte Damen und Herren,
den ganzen Morgen schon haben wir überlegt, ob wir den Inhalt unseres wöchentlichen Rundbriefes heute mal aus der FAZ zusammen suchen, also alles das, was dort schon hundertmal gedacht und gesagt wurde, aufsaugen und bündeln, um es "in etwas ganz Neues, Unerhörtes zu verwandeln"*. Wir haben uns jetzt dagegen entschieden, weil die FAZ unser Lebensgefühl einfach nicht widerspiegelt.
Aber stellen Sie sich mal vor, liebe Leserin und lieber Leser, wir hätten das gemacht. Ob uns die FAZ dann auch so gelobt hätte, wie ihre Rezensentin die Jung-Autorin Helene Hegemann für ihren Roman Axolotl Roadkill lobt, den sie aus bestehendem Material zusammen geschrieben hat? Man weiß es nicht, die FAZ ist in dieser Sache unberechenbar – mal hält sie Abschreiben im großen Stil für bedeutende Literatur, mal wettert sie gegen das Internet, weil Zeitungen dort im großen Stil beklaut würden. Wolfgang Michal hat diesen Widerspruch für carta sehr schön zusammengefasst, weshalb wir hier darauf verweisen.
Darüber hinaus haben wir wieder einige Lektüretipps für Sie zusammengestellt, außerdem gibt es wie immer einige Hinweise.
Beginnen wir mit den Lektüretipps: In den vergangenen Wochen haben wir einiges über die Frage geschrieben, ob (freie) Journalisten unternehmerischer denken sollten. Wir sind überzeugt, dass sie das sollten. Aber vielleicht reicht das alleine noch gar nicht. Denn die Frage, die jedem Geschäftsmodell zu Grunde liegen muss, ist ja: Wozu das Ganze eigentlich?
Genau diese Frage stellen Stephan Weichert und Leif Kramp jetzt in einer Serie auf sueddeutsche.de: "Wozu noch Journalismus?" heißt sie, und hier ist Weicherts und Kramps Text dazu.
Wer sich über die Frage wundert, dem sei dieser Text von Andreas Moring auf carta ans Herz gelegt. Darin wirft Moring die Frage auf, ob Journalismus in Zeiten des Internet weiterhin so funktionieren kann, dass Verlage und Journalisten produzieren, was sie für relevant, wichtig und journalistisch halten – oder ob nicht neue Geschäftsmodelle den Leser viel mehr mit einbeziehen müssten. Wir finden: Bedenkenswert.
"Ein Artikel kann noch so brillant sein – wenn er keine Leser findet, so ist er letztlich wertlos", findet auch Andy Lehmann, Chef einer Schweizer Media-Agentur (das sind die, die sich für Werbekunden um die Organisation der Anzeigen kümmern), der Verlagen – und Journalisten – empfiehlt, die Leser ernster zu nehmen. Für ihn heißt das: "Mit der Fokussierung auf grandiosen und exklusiven Journalismus werden auch künftig Zeitungen zu sehr guten Preisen verkauft werden können, und Anzeigenkunden werden diese Leser ansprechen wollen." Den ganzen Artikel gibt's in der NZZ.
Tja, ein Problem scheint nur zu sein, dass die Verlage weder die Leser noch ihre eigenen Produkte noch wirklich ernst nehmen – schließlich verschleudern sie letztere zu Dumpingpreisen, wie Ralf Schwartz in der Mediaclinique feststellt. Er sei bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen, so Schwartz – aber dann müssten auch die Verlage bereit sein, den ihren zu zahlen. Dazu gehören vor ihm zum Beispiel: Journalisten, die wieder schreiben und recherchieren dürfen, die wieder selbst und eigenverantwortlich über ihre Zeit verfügen! Und Journalisten, die für die Qualität ihrer Artikel bezahlt werden – und nicht für die Geschwindigkeit, in der sie Agentur-Texte abtippen! Mehr dazu hier.
Schön, dass mal wieder jemand merkt, dass die Verlage selbst ihre (und unsere damit auch) Inhalte zu Dumpingpreisen verschleudern und Leser oft nur noch als Mittel zum Zweck – Geld – betrachten. Und dass viele Verlage schon längst nicht mehr bereit sind, für die Qualität ihrer freien Journalisten angemessen zu bezahlen. Dass vor diesem Hintergrund alle Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht für Verlage sehr, sehr bigott sind, haben wir schon des öfteren geschrieben. Wer das Thema noch einmal vertiefen möchte, dem sei ein Interview des Jcast mit Timo Ehman empfohlen. Ehmann ist Rechtsanwalt und hat für den Bayerischen Journalistenverband ein Gutachten zum Leistungsschutzrecht verfasst. Seine Haltung: In der Form, in der das Leistungsschutzrecht derzeit diskutiert wird, geht es zu Lasten der Urheber – und ist innovationsfeindlich.
Kommen wir nun zu den wöchentlichen Hinweisen:
Am Freitag, 12. Februar, bitten die Freischreiber in Frankfurt/Main zu ihrem zweiten Kamingespräch. Gast ist Prof. Lorenz Lorenz-Mayer vom Onlinestudiengang der TH Darmstadt, das Thema des Abends ist eine spannende Frage: "Wie verändert sich das role model des Journalisten?"
Lorenz-Mayers Forschungsschwerpunkte sind virtuelle Gemeinschaften und Social Software, auch daraus lassen sich etliche Diskussionsfäden spinnen. Das Treffen beginnt um 20 Uhr im Sitzungssaal von weissbooks, Am Hauptbahnhof 10, Englischer Hof, 3. Etage, 60329 Frankfurt. Von 19:45 bis 20:15 Uhr gibt es einen "Empfangsdienst", wer später kommt, muss per Handy anklingeln und sich abholen lassen. Bitte unbedingt und verbindlich bei Sylvia Meise anmelden, wie immer darf jede/jeder gern etwas zum Knabbern oder Trinken beitragen.
Die Hamburger Freischreiber treffen sich am kommenden Mittwoch, 17. Februar, um 19 Uhr im Mut-Theater, Amandastraße 58 (Nähe Schanze). Gast ist Christoph Zeuch, Gründer und Kopf von altona.info. Er stellt dort seine hyperlokale Plattform vor. Solche Plattformen gelten gerade als eine der spannendsten Entwicklungen im Journalismus. Wer sich schon einmal einlesen will, findet im Medium-Magazin ein Interview mit Zeuch. Ab 21 haben die Hamburger dann einen Tisch im Juli, Schulterblatt 114, reserviert. Auch Nicht-Mitglieder sind eingeladen.
Am selben Abend um 19.30 Uhr treffen sich auch die Freischreiber in Berlin – wie immer an Gemma Pörzgens Wohnzimmertafel. Gast des Abends ist der Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends, Stefan Wegner, der mit den Teilnehmern über eine gewitzte Öffentlichkeitsarbeit für Freischreiber und die Belange freier Journalisten diskutieren wird. Anmeldungen nimmt Gemma Pörzgen entgegen.
Dann bat uns Sarah Schlifter, Studentin an der FHM in Köln, auf einen Fragebogen zu verlinken, den sie erstellt hat, um Material für ihre Bachelor-Arbeit zu bekommen. Besonders angesprochen sind Videojournalisten.
Wir wünschen Ihnen eine innovationsfreundliche Woche! Und bevor Sie sich hemmungslos an anderer Leute Texte bedienen, gehen Sie lieber Schnee schippen,
Ihre Freischreiber