vom 19T05:00:00+00:00.11.2019

19. November 2019

 

Zehntausende Aufrechte

Liebe Freischreiberïnnen, liebe Kollegïnnen und liebe Freundïnnen von Freischreiber,
 
 
der Kater nach unserer Himmel-und-Hölle-Bus-Sause könnte nicht grausamer sein. Statt von aufgekratzten Feierbiestern zu berichten und von schluchzenden Ukulelen, müssen wir allen Ernstes mit diesem Appell aufmachen, im Jahr 2019, mitten in Deutschland:
 
Schützt die Pressefreiheit!
 
Drei freie Journalisten, André Aden, Julian Feldmann und David Janzen, berichten seit vielen Jahren über die Umtriebe von Rechtsextremisten. Sie erhalten Morddrohungen, auf ihre Wohnungen werden Anschläge verübt. Die Kollegen sollen eingeschüchtert werden und auch alle, die Kontakt zu ihnen aufnehmen wollen. Nun planen etwa 150 Nazis eine Demo namentlich gegen den Kollegen Julian Feldmann unter dem Motto „Feldmann in die Schranken weisen“. Der Aufmarsch soll am 23. November in Hannover stattfinden.
 
Darauf kann es nur eine Antwort geben, die sich in nackten Zahlen ausdrückt: 150 Nazis auf der Straße? Zehntausende Aufrechte, die sich ihnen in den Weg stellen. Die Stadt Bielefeld hat es vorgemacht. Dort sind im Gedenken an die Pogromnacht 14.000 Menschen gegen 250 Nazis auf die Straße gegangen.
 
Liebe Freischreiber-Newsletter-Leserïnnen, bitte solidarisieren Sie sich mit den bedrohten Kollegen, die unter großer persönlicher Gefahr über rechtsextremistische Aktivitäten berichten. Solidarisieren Sie sich mit Julian Feldmann, der gerade einzeln herausgepickt wird. Gehen Sie zu einer der Gegen-Demos in Hannover, lassen Sie bitte alles stehen und liegen, zeigen Sie klare Kante. Hier finden Sie alle Infos zu den Gegen-Demos. Und hier lesen Sie den Aufruf „Schützt die Pressefreiheit“, wir haben ihn als Mitunterzeichnende auf unserer Freischreiber-Website veröffentlicht. Weitere Infos gibt es unter dem Hashtag #schütztdiepressefreiheit. Darunter auch die sehr interessante Frage des Kollegen Georg Diez: „Wenn also, wie es gerade geschieht, eine Demonstration (!) gegen kritische Journalisten organisiert wird, wenn kritische Journalisten die Wohnung wechseln müssen, weil sie massiv bedroht werden – warum ist das keine Coverstory wert?“
 
Journalistïnnen und Facebook
 
Dazu passt eine andere Frage, die Facebook betrifft. Also den Konzern, der sich dafür bezahlen lässt, gezielt Werbung an Rechtsextreme auszuspielen: Warum lässt die Politik einem Unternehmen freie Hand, das mit Lügen und Fake News sein Geld verdient? Das will Heinrich Wefing in seinem Kommentar auf Zeit online wissen. Inzwischen hat sich Facebook vor allem für Journalistïnnen zu einem derartigen Problembären entwickelt, dass der Multimedia-Kollege Matthias Ebert dazu rät, sich schrittweise von der Plattform zu lösen. Auf seinem Blog Rufposten fordert er die Entkoppelung von Journalismus und Facebook. „Es muss klar werden“ heißt es dort, „dass die naive Förderung von Facebook, Instagram und Whatsapp ein Fehler war.“ Nicht nur, dass Facebook sein Factchecking von einem Medienunternehmen betreiben lässt, das Kontakte zur extrem rechten White-supremacy-Szene unterhält – worauf Mark Zuckerberg lieber nicht antwortet –, auch darf künftig das rechtsradikale Portal Breitbart Nachrichten für „Facebook News“ liefern.
 
Hierzulande straft der Konzern dagegen Redaktionen ab, die sich kritisch über ihn äußern. Vor Kurzem wurde die Geschwindigkeit der FB-Seite des „jetzt“-Magazins gedrosselt, mit dem Argument, die Seite hätte Clickbait betrieben. Simon Hurtz, u. a. Autor für „jetzt“, beleuchtet die Hintergründe hier und auf seinem sehr lesenswerten Social-Media-Watchblog, der weitere Stücke über Facebook und die Medien bereithält.
 
Behördenauskünfte gegen Bares? Sehr viel Bares?
 
Höchste Zeit für eine erfreuliche Meldung: Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv hat sich erfolgreich gegen hohe Gebührenbescheide zweier Behörden zur Wehr gesetzt, die das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) praktisch ausgehebelt hätten. Correctiv hatte Akteneinsicht beim Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen und bei der Bezirksregierung Münster beantragt. Es ging um einen Fall von gepanschten Krebsmedikamenten eines Bottroper Apothekers. Erst ließen sich die Behörden wochenlang Zeit, dann rückte die Bezirksregierung Münster nur ein Zehntel der beantragten Unterlagen heraus, teilweise geschwärzt. Begleitet von einer Rechnung über 500 Euro für diese Leistung. Auch das Gesundheitsministerium erhob gleichzeitig 500 Euro Gebühren für Einsicht in Unterlagen. Doch die Bescheide sind nicht rechtens, befand das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Da das IFG allen Bürgerïnnen offensteht, nicht nur Journalistïnnen, hätten sich bald nur noch wenige Menschen Auskünfte leisten können, wie Correctiv schreibt: „Der Zugang zu Behördenwissen wäre dann abhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit des Einzelnen, obwohl das IFG dafür da ist, Zugang zu öffentlichen Dokumenten für jeden zu ermöglichen.“
 
Freischreiberiges
 
Ungewohnterweise war die diesjährige Himmel-und-Hölle-Preisverleihung eine exklusive Veranstaltung nur für unsere Mitglieder. Für sie haben wir unseren Betriebsausflug organisiert, und wie es dabei zuging, können Sie hier nachlesen. An dieser Stelle nur ein kurzes Fazit: Auf einer Bucket List der „allerhöchst kuriosen Dinge, die ich einmal im Leben gemacht haben will“, müsste diese Fahrt ganz oben stehen. Das nächste Mal öffnen wir uns aber wieder für Gäste, versprochen!
 
Über den Wolken darf sich Preisträger Juan Moreno fühlen, der unseren Himmelpreis 2019 bekommen hat. Für sein stabiles Rückgrat, auch wenn er selbst sagt: „Es war Notwehr“. Weil er krank war, konnte der Kollege seinen Preis nicht selbst entgegennehmen. Aber wir sorgen dafür, dass das gute Stück bei ihm ankommt.
 
Dass wir mit dem Höllepreis für den Dornbusch-Verlag offenbar richtig gezielt haben, zeigt uns die Nachricht eines Freischreibers nach der Preisverleihung, der ebenfalls vergeblich auf seine Honorare aus diesem Haus gewartet hat – bis er sich der Schweizer Journalistïnnen-Organisation Impressum anvertraute. Impressum dokumentiert auf seiner Website die Fälle von Dornbusch-Geschädigten. Oft genug sind es deutsche Kollegïnnen, die ihr Recht im Ausland weit schwerer durchsetzen können. Dank der Unterstützung durch die Schweizer Organisation hat unser Mitglied schließlich sein Geld bekommen. Wer von Dornbuschs Zahlungsunwilligkeit ebenfalls betroffen ist, wendet sich am besten an Impressum. Oder wir vermitteln den Kontakt zu unserem Mitglied unter kontakt@freischreiber.de.   
 


 Mitmachen und Ärmel hochkrempeln: Jetzt :Freischreiberin (oder :Fördermitglied) werden! 


 
Freischreiber hat jetzt einen neuen Vorstand: Mehr über unseren Zuwachs finden Sie hier. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir so viel Kampfkraft hinzubekommen haben und danken an dieser Stelle noch einmal herzlich unseren früheren Mitstreitern, die nun nicht mehr dabei sind: Frank Keil, Gabriele Meister, Andreas Unger und Steve Przybilla.
 
Congrats!
 
Herzlichen Glückwunsch an unser Mitglied Christopher Schrader. Der freie Wissenschaftsjournalist und Riffreporter ist seit dem 11. November „journalist in residence“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Wir gratulieren und freuen uns auf spannende Recherche-Ergebnisse! Wer es Christopher nachtun will, hier geht es zur Ausschreibung 2020.
 
Weitere Glückwünsche: Für den diesjährigen Reporterpreis sind einige Freischreiber nominiert. Auf der Shortlist stehen Vera Deleja-Hotko (Investigation), Alexandra Rojkov (ebenfalls Investigation, und da auch gleich zweimal), Emilia Smechowski (Reportage), Karl Grünberg (Lokalreportage), Anina Ritscher (ebenfalls Lokalreportage), Isabelle Buckow, zusammen mit Joachim Budde, Bertram Weiß und den beiden Freischreiber-Vorständen Dr. Jakob Vicari und Anna Heidelberg-Stein (Multimedia) für ihr „großes Bienen-Sensor-Experiment“ #bienenlive. Und das von uns sehr verehrte Nichtmitglied Bommi aka Johannes Schneider (Essay) ebenfalls. Wir drücken allen fest die Daumen!
 
Freischreiber-Lesestoff
 
Der unabhängige Journalismus und die Wissenschaft haben ein gemeinsames Problem: Teile der Öffentlichkeit interessieren sich zunehmend für „alternative“ Fakten, die eben keine Fakten sind, sondern interessengelenkte Meinungen. Wie darauf reagieren? Wie kommunizieren Journalistïnnen und Wissenschaftlerïnnen mit diesem Teil der Öffentlichkeit, der sich nach einfachen Antworten sehnt? Freischreiber-Kollege Alexander Mäder, Professor für digitalen Nachrichtenjournalismus, und sein Co-Herausgeber Johannes Schnurr haben dazu einen Sammelband gemacht, u. a. mit Texten der Freischreiberïnnen Eva Wolfangel und Christian Schwägerl: „Wissenschaft und Gesellschaft: Ein vertrauensvoller Dialog“. Das Buch ist von diversen Stiftungen gefördert worden (z. B. Körber-Stiftung, VolkswagenStiftung), als Hardcover erschienen (53,49 Euro im Verlag Springer Nature), aber auch frei zugänglich als Open-Access-Version.
 
Es ist da! Jakob Vicaris Buch „Journalismus der Dinge – Strategien für den Journalismus 4.0“ hat am 30. Oktober das Licht der Welt erblickt. Darin geht es um Strategien, mithilfe von Sensoren eine neue Art von Journalismus möglich zu machen: Wie erhebt man selbst die Daten, die man für seine Recherchen braucht? Lassen sich Umweltsauereien wie etwa die Dynamitfischerei durch Sensorjournalismus stoppen? Fragen Sie Dr. Vicari. Entweder auf seiner Riffreporter-Koralle oder zwischen zwei Buchdeckeln. Erschienen im Harlem-Verlag, 248 Seiten, 29 Euro.
 
Andere Möglichkeit: ein Drei-Tages-Seminar mit Vicari in der ARD-ZDF-Medienakademie Hannover (das nächste findet vom 9. bis 12. Dezember statt). Danach können Sie einen Badezimmerspiegel bauen, der Ihnen die Nachrichten vorliest.
 
Dies und das
 
Fix! Bewerbungsschluss für das „European Cross-Border & Collaborative Journalism Programme“ ist bereits in fünf Tagen, am 24. November. Die Alfred-Toepfer-Stiftung bietet 20 Investigativ- und Lokalreporterïnnen aus ganz Europa die Gelegenheit zur Kooperation, inklusive zweier Treffen im Februar und Mai 2020. Alles Weitere hier.
 
Über die Finanzierung des Journalismus der Zukunft hat der WPK-Geschäftsführer Franco Zotta ein ausführliches Stück geschrieben: „Woher nehmen und nicht stehlen?“
 
Zum Schluss eine ganz andere Frage, aus gegebenem Anlass: Wie sollen wir mit Spam-Mails verfahren? Bei Freischreiber trudelte folgende Merkwürdigkeit ein: „Bezahlung für ihr team freischreiber nach  vereinbarung, bei  Interesse, kann ich sämtliche Beweise anbieten. An Schmerzensgeld sind Ca 25.000€   möglich rir Weiter suche ich Hilfe um bei Löwen ein  Konzept  vorzustellen Danke.“ Will uns da jemand bestechen? Oder erpressen? Vielleicht sollten wir in James Veitch’ neuem Buch nachschlagen. Der britische Comedian hat eine ganz eigene Art, mit Spam-Mails umzugehen: Er nimmt sie ernst. Er antwortet den Absenderïnnen, verwickelt sie in lange Dialoge. Etwa eine Winnie Mandela, die dringend Geldgeber sucht für ihren erkrankten Mann. Veitchs Buch trägt den Titel „Lassen Sie uns kennenlernen!“.
 
Wer sich das lieber anschauen möchte: Hier demonstriert Veitch, wie er einen gewissen Solomon Odonkoh um den Verstand bringt, der ursprünglich nur ein paar Kilo Gold verschicken wollte. Nach diesen 9:41 Minuten können Sie über Spam-Mails nur noch kalt lachen. Und genau das tun wir jetzt auch.
 
Das war es wieder von uns. Bleiben Sie uns gewogen,
 
Ihre Freischreiberïnnen
 
 

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Über den Wolken darf sich Preisträger Juan Moreno fühlen, der unseren Himmelpreis 2019 bekommen hat. Für sein stabiles Rückgrat, auch wenn er selbst sagt: „Es war Notwehr“.


„Es ist sicher nicht der eklatanteste oder relevanteste Fall miserablen Verhaltens eines Mediums gegenüber festangestellten und freien Journalisten, was der Dornbusch Verlag sich so gegönnt hat. Aber er ist eine brennende Allegorie dafür, wie tief unsere Branche gesunken ist“, sagte Christian Gesellmann in seiner Laudatio.

Jetzt anmelden zum Freischreiber-Mentoring! Kick-off am 25./26. Januar im Knüllwald. Fragen an tandem@freischreiber.de


Als Journalist in Konfliktregionen arbeiten

Ein Freischreiber-Abend mit Caspar Felix Hoffmann am 9. Dezember in Frankfurt. Infos und Anmeldung hier


:Freiheit beginnt mit fairen Verträgen. Code of :Fairness


Das Honorar-Tool für mehr Transparenz: Honorare hier eintragen: wasjournalistenverdienen.de


Freischreiber-Position zur Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie
Wir UrheberInnen fordern: Keine pauschale Beteiligung der Verlage an den Ausschüttungen der VG Wort
Unsere Stellungnahme zur Umsetzung der EU-Urheberrechtslinie (hier als PDF).


Slack-Chat Zweitverwertung
Nur für Mitglieder: Zweitverwertung – wie machst du das? Alle Tipps und Infos aus dem Wie-machst-du-das-Chat mit Freischreiber Steve Przybilla jederzeit nachlesen in unserem Slack-Team.

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