vom 20T04:04:31+00:00.05.2020

20. Mai 2020

3x ja und ab zur Post! 

Liebe Freischreiber*innen,
liebe Kolleg*innen,

heute Nachmittag geht’s endlich zum Haareschneiden. Mit Maske. Also mit Nase-Mund-Schutz. Ob das klappt? Ob alle überzähligen Haare links und rechts der Ohren wegkommen, also verschwinden, wo doch da ein Gummiband spannt? Vieles muss ja dieser Tage neu erprobt werden. Ausgang – offen. Ratschläge erwünscht. Weshalb auch dieses Mal unbedingt die Lektüre des freienbibel.de-Blog empfohlen werden soll, für den Oliver Eberhardt und Katharina Jakob vom Vorstand regelmäßig die Websites der Bundesländer sichten: „Die große Freien-FAQ zur Corona-Krise“. Denn – Stichwort: Föderalismus – manches ist hier und da anders; etwa wenn es um finanzielle Hilfen geht, wann man die bekommt und wann auch nicht. Wichtig: Am 31.5. endet die Frist zur Beantragung von Soforthilfen! Und danach … wer weiß das schon?! Unbedingte Empfehlung, wenn Sie einen Antrag auf Unterstützung gestellt haben oder noch stellen: Heben Sie alles auf! Jede E-Mail, jede Notiz. Machen Sie Screenshots nicht nur von den Anträgen, die Sie losschicken, sondern auch von den Förderrichtlinien, wie die da vor Ihnen auf dem Bildschirm aufploppen. Oder drucken Sie diese aus. Denn zuweilen ändern sich die Förderrichtlinien von heute auf morgen – und womöglich finden sich heute im Antragsformular Ihres Bundeslandes Bedingungen, die in ein paar Tagen eben dort nicht mehr auftauchen, was Sie unter Umständen später belegen müssen. Und dann ist es gut, wenn man alles beieinander hat.

Wie die Situation freier Journalistinnen und Journalisten derzeit eingeschätzt werden kann und ob alle mit Soforthilfen gut versorgt sind, war Thema beim „Corona Cornern“ am 14. Mai. Eingeladen hatten nextMedia.Hamburg und der Social TV Sender ONE Hamburg, ein Talk-Format als Mischung aus Live-Sendung und Zoom-Konferenz. Zugeschaltet waren von Seiten der Freischreiber Carola Dorner und Nicola Kuhrt aus dem Vorstand. Carola Dorner, um über die Lage der freien Journalist*innen in Corona-Zeiten zu sprechen, und Nicola Kuhrt als Medizinjournalistin mit Auftragshoch. Carola Dorner sagt: „Um es kurz zu machen: Der große Wurf war das nicht mit den Soforthilfen, weil sie vielen Freien eben nicht weiterhelfen. Viele von uns werden ihre Geschäftsmodelle überdenken: viele Freie und auch viele Verlage. Und wir müssen aufpassen, dass die Krise nicht als Ausrede dafür herhalten muss, die Honorare noch weiter zu drücken. Wer miese Honorare bekommt, kann keine Rücklagen bilden, und ohne Rücklagen kommen wir nicht durch Krisen wie diese.“ Hier kann die Sendung in Gänze angeschaut werden. 

Schwierig ist die Lage übrigens auch bei den Datenjournalist:innen. Warum? Bisher stellt das Robert-Koch-Institut die Zahlen zum Corona-Virus vor allem als Texte und Grafiken zur Verfügung. Das hindert Datenjournalist:innen an ihrer Arbeit. In einem gemeinsamen Brief an das Robert-Koch-Institut fordern 45 Kolleg*innen tagesaktuelle und maschinenlesbare Daten. Alle Details dazu hat netzpolitik.org

Viele Grüße, Wort
Noch ein wichtiges Thema: die Ausschüttungen der VG Wort. Wegen der Corona-Krise müssen in diesem Jahr die Beschlüsse der Mitgliederversammlung, die für die planmäßige Durchführung der Zahlungen im Juli und Oktober erforderlich sind, per Post gefällt werden; geht das schief, gibt es erst einmal kein Geld. Dieses sogenannte “Umlaufverfahren” hat es aber in sich: Mehr als die Hälfte der Mitglieder muss an der Abstimmung teilgenommen haben. Und weil immer mehr Wahrnehmungsberechtigte Mitglied werden, ist die Hälfte mittlerweile ziemlich üppig. Die Stimmzettel müssen bis spätestens zum 06. Juni 2020 bei der VG Wort eingegangen sein. Kurz erklärt: Wahrnehmungsberechtigte sind alle, die eine Karteinummer der VG Wort haben. Die Mitgliedschaft kann man zusätzlich beantragen, wenn man in unserer Berufsgruppe mehr als 1200 Euro in den vergangenen drei Jahren erhalten hat. Nur wer Mitglied ist, darf bei der VG Wort mitentscheiden – und trägt in diesem Jahr eine sehr große Verantwortung: Es ist extrem wichtig, dass so viele Mitglieder wie möglich abstimmen, weil sonst alle Wahrnehmungsberechtigten erst einmal keine Ausschüttungen erhalten werden. Mitglieder der VG Wort haben in den vergangenen Tagen einen Brief mit einem recht dicken Schnellhefter erhalten. Kurz zusammengefasst steht in den Unterlagen: Nehmen Sie den blauen Stimmzettel hinter dem Anschreiben, füllen Sie ihn aus, stecken Sie ihn in den blauen, vorfrankierten Umschlag und bringen Sie ihn so schnell wie möglich zum Briefkasten. Wir empfehlen eine JA-Stimme in allen drei Abstimmungspunkten. 

Kurze Begründung, warum: Als erster Punkt soll der Jahresabschluss der VG Wort genehmigt werden; als Zweites steht der Transparenzbericht zur Beschlussfassung an. Laut VG Wort ist die Durchführung der Ausschüttungen von der Zustimmung zu diesen Punkten (1) und (2) abhängig. Wir sehen in den umfangreichen Zahlenwerken keine Probleme. Ausführlich werden wir die Unterlagen in der kommenden Woche in einem Sonder-Newsletter zur VG Wort erläutern. Nur schon mal so viel: Eine riesige Nachausschüttung wie im vergangenen Jahr wird es dieses Mal nicht geben. 

Der dritte Punkt ist für die Ausschüttungen nicht erforderlich und soll dazu dienen, die nächste Mitgliederversammlung deutlich einfacher zu machen: Die Geschäftsordnung soll so geändert werden, dass künftig auch mit elektronischen Geräten abgestimmt werden darf und nicht mehr nur wie bisher mit Stimmkarten. Dazu muss man wissen, dass jedes anwesende Mitglied bis zu zehn andere Mitglieder vertreten darf und dass während der Sitzung sehr oft abgestimmt wird. Es sind also jedes Mal bis zu elf Stimmkarten auszufüllen, abzugeben und auszuzählen. Und da bei manchen Entscheidungen die Ergebnisse für alle sechs Berufsgruppen separat bekanntgegeben werden, sind die Entscheidungsprozesse extrem langwierig. Wir empfehlen daher die Zustimmung. Wir sind uns aber bewusst, dass manche*r grundsätzliche Vorbehalte gegen elektronische Abstimmungen hat. Deshalb, ganz wichtig: Ein Nein zu Punkt (3) würde die planmäßige Durchführung der Ausschüttungen nicht behindern. Freischreiber-Mitglieder erfahren auch viele weitere Details in unserem Channel #vgwort bei Slack. Schicken Sie also Ihren Brief am besten gleich oder aber bis spätestens zum 1.6.2020 an die VG Wort, damit er auch rechtzeitig vor der Deadline eintrifft. 
 


 Mitmachen und Ärmel hochkrempeln: Jetzt :Freischreiberin (oder :Fördermitglied) werden! 


Gewalt gegen Journalisten und Journalistinnen
Sie haben es mitbekommen: die Attacken gegen Journalisten und Journalistinnen am Rande der sogenannten Hygiene-Demonstrationen. Wobei das Team der „heute-Show“ Bodyguards dabei hatte – die können sich Freie in der Regel eher nicht leisten. Einen Vorfall aus Berlin schildert Medienjournalist Daniel Bouhs im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur: „Aus der Menge trat plötzlich ein Mann vor, der direkt auf ein Kamerateam des ARD-Hauptstadtstudios eingetreten hat. Das war ganz offensichtlich – da gibt es auch Videos von im Netz – eine bewusste Aktion, kein Versehen und auch keine Abwehr, weil er sich vielleicht durch eine Menschenmenge bedrängt gefühlt hat.“ Der Mediendienst-Integration hat dazu eine Studie des Bielefelder Instituts für Konflikt und Gewaltforschung ausgewertet: „41 Prozent der Befragten berichten von mehrmaligen oder regelmäßigen Angriffen. Rund 16 Prozent haben im Laufe ihres Berufslebens schon einmal eine Morddrohung erhalten. Ein Befragter etwa schreibt: ,Ich bekam mehrfach anonyme Briefe mit Morddrohungen, geschickt sowohl ans Funkhaus, als auch an eine Verlagsadresse.‘ Mehr als die Hälfte der Betroffenen fühlte sich nach der Morddrohung nicht gut durch die Sicherheitsbehörden geschützt.“ 
Freischreiber Robert B. Fishman hat sich mit Blick auf die Studien unter Kollegen und Kolleginnen umgehört, die sich oft von der Polizei nicht genügend geschützt fühlen. Er zitiert den Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, wie folgt: „Generell ist es aus Sicht von Reporter ohne Grenzen wichtig, dass im Rahmen der Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten in allen Bundesländern systematisch Wissen über die Rechte von Journalisten im Rahmen von Berichterstattungen gestärkt wird, aber auch die Pflichten von Polizei, die Rechte von Journalistinnen und Journalisten zu schützen. Denn wir beobachten tatsächlich dort sehr große Defizite in einigen Bundesländern.“ Apropos Pressefreiheit: Frisch erschienen ist der neue Band „Fotos für die Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen, der einen weltweiten Bogen spannt und wirklich beeindruckende Fotos nebst Hintergrundberichten liefert.
 
Freischreiberiges
Alles oder wenigstens vieles ist anders, entsprechend lässt sich mancher und manche Neues einfallen: Freischreiberin Caroline Schmidt-Gross zeigt in einem  einen Beitrag für dessen Corona-Tagebuch geschrieben: „Corona ist für mich der Testfall, der zeigen wird, ob wir für die immensen Herausforderungen gewappnet sind, die vor uns liegen. Ich bin überzeugt: Die Antworten, die wir uns jetzt geben, werden uns lang erhalten bleiben, im Guten wie im Schlechten.“ 
 
Dies & das
„Ich find’s nett, dass das Familienministerium sich blumig bei mir bedankt“, schreibt Bloggerin Karin Hartmann von den Phönix-Frauen und macht damit auch auf die Rolle von Journalistinnen und Journalisten aufmerksam, die neben dem Homeoffice die Kinder betreuen und beschulen sollen: „Aber jetzt kommt meine Rechnung – wie sich das als ArbeitnehmerIn oder UnternehmerIn oder auch als Hausfrau oder Hausmann gehört. Waren und Dienstleistungen werden im anständigen Kapitalismus berechnet und bezahlt. Wenn ich als Steuerzahlerin der Autoindustrie aus der Krise helfen kann, steht auch mir für meine Krisenleistungen staatliche Unterstützung zu. Außerdem verdeutliche ich damit, dass ich als Mutter einen wesentlichen Teil zum Bruttoinlandsprodukt beitrage, der normalerweise einfach unter den Tisch gekehrt wird.“ 

Die Reutlinger Reportage-Schule hat coronagemäß zunächst schließen müssen, aber guten Mutes weitergemacht und also – hier ein Homeoffice, dort ein Homeoffice – ein digitales Magazin produziert: das „vid-magazin“. Das erzählt, wie der Lockdown in Schleswig-Holstein hinterm Deich erlebt wurde, wie man in Köln das Kölsch nun am Fenster trinkt und wie man heimlich Spielplätze beobachtet und was man daraus lernt. Sehr lesenswert. 

„Natürlich, es gibt Momente, in denen kann man das K-Wort nicht mehr hören. Und das C-Wort erst recht nicht. Wir vom Science Notes Magazin haben lange mit uns gerungen. Und haben uns letztlich entschlossen, gerade darum in diesen fraglos besonderen Zeiten für Euch, liebe Leserinnen und liebe Leser, eine Sonderausgabe auf den Weg zu bringen. Online, kostenlos und berührungsfrei zugänglich“, schreibt das Science Notes Magazin und lädt ein, sich über Isolation in der Antarktis zu informieren, an einem Besuch in einem Hochsicherheitslabor teilzunehmen oder zu erfahren, dass Viren auch ihre positiven Seiten haben. Titel der Ausgabe daher: „Alles wird gut“.

So gar nichts Gutes gibt es dagegen aus dem Hause NDR zu vermelden, meldet das von uns gern zitierte NDR-Medienmagazin „ZAPP“: „Gerade hat der NDR ein 300 Millionen Euro schweres Sparpaket angekündigt: In der Produktion sollen in den kommenden vier Jahren ,flächendeckend Standards gesenkt und auf Investitionen in Technik verzichtet‘ werden. 200 Stellen sollen wegfallen – innerhalb von acht Jahren. Einige Sendungen werden eingestellt, darunter das Büchermagazin im NDR-Fernsehen, die Reihe ,Inselreportagen‘, einige Comedy- und Showformate. Auch bei ZAPP wird ab 2021 gespart: Die Redaktion soll ihren Schwerpunkt ,zunehmend‘ ins Digitale verlagern, wird aber im Fernsehen präsent bleiben.“ Wie weit die Freien von den geplanten Einsparungen betroffen sind, recherchieren wir gerade.
Und dann – ein Jahr ist es nun her. Da wurde ein gewisser Herr Relotius – enttarnt. Georg Fischer, Redakteur von iRights.info, hat sich angeschaut, inwieweit Relotius‘ Fälschungen durch den digitalen Journalismus zumindest begünstigt wurden: „Mithilfe digitaler Technologie konstruierte Relotius Schauplätze, Personen, Handlungen und Recherchen oder bog sie sich zu spektakulären Geschichten zurecht. Identitäten stützte und belegte er mit ebenfalls digital fingierten Nachweisen. Er erfand nicht nur einzelne Details, sondern baute digitale Lebenswelten auf, die Glaubwürdigkeit vermittelten. Und mit denen er Kontrolle behalten konnte.“

Seminare, Preise & Wettbewerbe
Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) bietet auch im akademischen Jahr 2020/2021 erfahrenen Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit eines Gastaufenthaltes für die Dauer von sechs Wochen bis drei Monaten an, um eigene Recherchen zu verfolgen. Wichtig: Bewerbungsfrist ist der 31. Mai 2020. Dabei sollte das Rechercheinteresse einen Bezug zu den Forschungsarbeiten am WZB haben. Und dessen zentrale Themen sind soziale Ungleichheit, Wandel politischer Systeme, internationale Politik und Recht, Migration und Diversität, Bildung und Ausbildung, Märkte und Entscheidungen. Wenig überraschend beschäftigt sich das WZB auch mit den gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Hier finden sich die notwendigen Informationen und Formulare.

Um die Themen „Sterben, Tod und Trauer“ sollten Beiträge kreisen, die sich für eine Unionhilfswerk-Förderstiftung bewerben, ein Preis, der alle zwei Jahre ausgeschrieben wird. 10.000 Euro liegen im Topf, für Beiträge Online, Print, Rundfunk und Fernsehen. Bewerbungsschluss ist der 1. Juni. Und kurz aus der Ausschreibung zitiert: „Demographische Entwicklung – Mangel an Pflegekräften – auf der Suche nach Lösungen! Auf allen Kanälen Bestandsaufnahmen und Fragen nach Wegen in die Zukunft. Berichte über Menschen, die sich engagieren, sich über Möglichkeiten moderner Technik informieren. Wie halten wir es mit der Herausforderung, sich trotz gesellschaftlicher Hürden konkret für andere Menschen einzusetzen, ob als Haupt-, Ehrenamtliche oder Angehörige?“

Und noch eine Ausschreibung: „Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag verändert und stellt insbesondere die Arbeitswelt vor neue Herausforderungen. Umso wichtiger sind Medien, die die Veränderungen für die Beschäftigten in den Büros, Geschäften und Fabriken dokumentieren und hinterfragen“, schreiben die Initiatoren des Willi-Bleicher-Journalistenpreises. Vergeben wird der Preis in den Kategorien Fernsehen, Hörfunk und Print/Online. Das Preisgeld beträgt jeweils 3000 Euro. Ein mit 2000 Euro dotierter Nachwuchspreis für Bewerber bis 30 Jahre wird zusätzlich verliehen. Ebenfalls mit 3000 Euro dotiert ist erstmals eine Kategorie für Interviews aus der Arbeitswelt. Besonders: Jeder und jede kann sich mit zwei Beiträgen bewerben. Einsendeschluss ist ebenfalls der 31.5.

So, das war’s schon wieder. Also fast. Denn wir möchten Sie nicht entlassen, ohne auf den schönen Alltagsbeitrag von Katja Scholtz hinzuweisen, Cheflektorin beim mare Verlag, in dem sie ihren Corona-Alltag im Homeoffice für die taz beschrieben hat: „Ich kann endlos an meinem Schreibtisch sitzen. Ich kann Mittagsschlaf machen, ich kann nonstop mit meinem Mann zusammen sein. Ich brauche nicht über die Konfirmation meines Patensohns nachzudenken und wie man seine frisch getrennten Eltern und deren Familien an einen Tisch bekommt. Ich brauche keine Entschuldigung dafür, dass ich in diesem Frühjahr schon wieder bestimmte Besuche nicht mache. Kurzum, das neue Normal ist ziemlich super. Für mich. Wenngleich ich auch merke, dass meine Haut dünner ist als zuvor. Weil das beherrschende Thema immerzu da ist und wie eine geöffnete App im Hintergrund weiterläuft, selbst wenn man sie gerade nicht benutzt.“ 
In diesem Sinne – bleiben Sie entspannt!

Ihre
Freischreiber*innen

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