Abschied von alten Idealen

Bis zum Jahresende muss Gruner & Jahr 200 Millionen Euro einsparen. Anders ausgedrückt: Bis Ende September sind Chefredakteure, Verlags- und Bereichsleiter aufgefordert, konkrete Vorschläge zu liefern, was in den Redaktionen und Abteilungen verändert, gespart, ausgelagert oder zusammengelegt werden kann. So steht es heute im Spiegel und in einigen Mediendiensten. Für freie Journalisten bedeutet das dreierlei: 1. Die zunehmende Auslagerung von Arbeit an Bürogemeinschaften und Leih-Freie wird freien Journalisten zugute kommen, denn sie produzieren in der Regel billiger als Redakteure. 2. Wenn es – wie in anderen Verlagen auch – bei Gruner & Jahr zu einem stärkeren Austausch von Texten zwischen den Redaktionen kommt, wird dies natürlich zu Lasten von Aufträgen an einzelne Freie gehen. 3. Freie Journalisten werden noch stärker als bisher durch Buy-Out-Verträge von Honorarzahlungen für Mehrfachnutzungen ausgeschlossen. Die Lage ist ernst. „Es reicht definitiv nicht mehr“, sagt Gruner & Jahr-Chef Bernd Buchholz, „nur kurzfristig die Marketingkosten und Heftumfänge zu drücken… Ich bewahre hier nicht auf Teufel komm raus alte Ideale, um am Ende als Letzter das Licht ausmachen zu müssen.” Was meint Buchholz mit diesem kryptischen Satz? Er klingt wie eine Absage an ‚überlebte’ Standards. Übersetzt könnte er z.B. heißen: „Ihr Spinner geht mir mit euren Idealen von Vielfalt und Qualitätsjournalismus auf den Wecker.“ Doch bleiben wir beim Originalton Buchholz: “Bei allem Glauben an Qualitätsprodukte: Wir werden doch angesichts des globalen Abwärtstrends nicht behaupten können, dass wir es als Einzige schaffen, das klassische Magazingeschäft noch auszubauen.” „Bei allem Glauben an Qualitätsprodukte…!“ Auch das klingt nicht gerade nach festem Glauben. Eher nach Irr- oder Aberglauben. Hoffnung macht der Branche derzeit nur das wachsende Geschäftsfeld des Corporate Publishing. Aus Presseverlagen werden allmählich PR-Verlage.