Augstein und die Blumenzwiebeln

Wenn Politiker oder sonstwie prominente Menschen Bodenständigkeit und Lebensnähe demonstrieren wollen, dann outen sie sich als Gärtner. Posieren mit Rosenschere und Arbeitshandschuhen fürs Homestory-Foto, oder erzählen, wi e gern sie zur Entspannung in der uckermärkischen Datsche den Spaten ins Gemüsebeet senken. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis auch Verleger ihre grünen Daumen entdecken würden. Jakob Augstein hat in seinem Freitag den Anfang gemacht. Seit Februar schreibt er dort eine vierzehntägige Kolumne über die Freuden der Naturbeobachtung, die Mühen des Teichanlegens und den Nutzen von Laufenten. Die Kolumne ist lesenswert, wirklich, denn Augstein schreibt anschaulich und hat auch Ahnung vom Thema. Zum Beisp iel vom Blumenzwiebelstecken. Jetzt, im Spätsommer, ist die beste Zeit dazu, und Augstein empfiehlt, dabei großzügig vorzugehen: Mindestens „800 bis 1500 Zwiebeln“ sollte vergraben, wer sich im Frühjahr an üppiger Krokus-, Narzissen- und Tulpenblüte erfreu en will. Das kostet natürlich Zeit: “Ein bis zwei Wochenenden” sollte man schon rechnen, rät der Kolumnist. Dass es auch Geld kostet, sagt er nicht. 800 bis 1500 Blumenzwiebeln – das macht schnell so um die 500, 600 Euro, selbst wenn man sich an gängige Ge wächse hält und nicht gleich Orchideen im Dutzend verbuddelt. (Und diese Summe wird jedes Jahr aufs neue fällig, denn, wie der Gärtner Augstein richtig anmerkt, viele Zwiebelblumen verabschieden sich leider schon nach der ersten Blüte). “Machen Sie nicht d en Fehler, zu träge oder zu sparsam zu sein!” mahnt Augstein. Da fühlt man sich als schreibender Gärtner – oder gärtnernder Schreiber – sofort ertappt. Denn natürlich rechnet man solche Summen gewohnheitsmäßig in Zeilenhonorare um. 500 Euro – das sind mind estens 800 bis 1000 Zeilen, wenn man, zum Beispiel, für den Freitag schreibt. Und der zahlt ja, im Vergleich zu manchen Regionalblättern, noch vergleichsweise großzügig. Ist schon eine Menge Arbeit, nur für ein paar Farbtupfer vor dem Arbeitszimmerfenste r! Aber, wie sagte J.A. kürzlich bei einer Podiumsdiskussion des “Netzwerks Recherche”: „Unsere Autoren müssen sich ihr Geld woanders verdienen.“ Wer sich jetzt fragt, wie die Alternative aussehen könnte: In seiner Kolumne vom 26. März schreibt Augstein ü ber Selbstversorgung. Und zitiert den britischen Autor John Seymour, der diese als “Vorstoß zu einer neuen, besseren Lebensweise” bezeichnet, “einem Leben mit mehr Freude als dem überspezialisierten Kreislauf des Büros oder der Fabrik”. Ja denn, Kollegen – haltet euch an die Devise der gärtnernden Präsidentingattin Eleanor Roosevelt: Gürtel enger schnallen und Gurken selber ziehen!