Der Streik ist vorbei, doch den Festen wird es schlechter gehen, wenn es den Freien nicht bald besser geht.

Der Streik der Zeitungsredakteure ist zu Ende, der Manteltarifvertrag bleibt erhalten. Den Einstieg in einen Niedriglohnsektor für den Nachwuchs und für Stellenwechsler haben die Gewerkschaften mit den Streikenden für dieses Mal verhindert. Für die festen Redakteure haben sie 1,5 Prozent mehr Gehalt herausgehandelt. Wir freuen uns mit denen, die das erfochten haben. Doch Siege sehen anders aus. Sprachlos steht man vor einer beispiellosen Entfremdung zwischen Verlegern und Journalisten. Man reibt sich die Augen, wie blind und selbstgerecht die Verleger diesen „Arbeitskampf“ angezettelt haben. Ahnungslos, wie die Stimmung unter den Journalisten ist. Ideenlos, was die eigentliche Herausforderung angeht: nämlich die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie gemeinsam mit einem kritischen, aufregenden Journalismus in der digitalen Zukunft erfolgreich sein können. Stattdessen: verbohrtes Denken in Gegensätzen, Aufbau von Fronten, Festhalten an überkommenen Vorstellungen. Die Gewerkschaften haben gut gekämpft. Die besseren Ideen hatten sie nicht. Weiterführende Gedanken zur Zukunft der Branche – Fehlanzeige. Journalismus im Netz – nicht auf dem Schirm. 1,5 Prozent mehr Gehalt – das liegt unter dem Inflationsausgleich und entspricht einer Reallohnsenkung. Freie leben seit langem mit ganz anderen Einbußen. Sie bräuchten über mehrere Jahre eine Honorarsteigerung von jährlich mindestens zehn Prozent, damit sich an ihrer Lage spürbar etwas ändert. Sie brauchen einen Mindestlohn, Honorare nach Rechercheaufwand, eine Beteiligung an allen Einnahmen, die mit ihrer Arbeit erzielt werden und manches mehr. Wann streiken die festen Redakteure endlich für die Einhaltung der Vergütungsregeln? Wann setzen die Gewerkschaften ihre Verhandlungsmacht endlich für die Freien ein – und sei es, weil sie dadurch ihre eigene Position stärken würden? Wann weigern sich feste Redakteure endlich, die schamlose Honorardrückerei zu vollstrecken? Der Angriff der Verleger auf den Manteltarif wurde vorbereitet durch das Honorardumping bei den Freien. Dass hier bereits ein Niedriglohnsektor entstanden ist, hat die Position der Festen mehr geschwächt, als sie sich je haben träumen lassen. Durch die unsolidarische, manchmal gar herablassende Art, in der gewisse Feste den Freien begegnen, haben sie den Lohndrückern in die Hände gespielt. Es ist ja nicht so, dass bei den Verlegern jetzt ein Gesinnungswandel zu beobachten wäre. Ihre Forderungen sind nicht vom Tisch. Es wurde lediglich eine zweijährige Waffenruhe vereinbart – für jene, die den Manteltarif noch nicht verlassen haben. Den Festen wird es schlechter gehen, wenn es den Freien nicht bald besser geht.