Foto: Sylvia Meise

Der Tagesspiegel macht sich frei

Die Anzeigen bleiben aus, der Tagesspiegel macht Verluste, und wer muss dafür bluten? Die freien Journalisten.

„Vorübergehend haben wir die Beiträge freier Mitarbeiter reduziert. Das fällt uns nicht leicht.“ So schrieben Verlag und Redaktion des Tagesspiegels am Sonntag „in eigener Sache“. Allzu schwer ist es ihnen aber auch nicht gefallen. Langjährigen Freien mal eben alle Aufträge zu stornieren, das geht schnell, beinahe lautlos und zumindest mit weniger Widerstand, als müsste man Stellen, vielleicht sogar in der Verwaltung, streichen.

Allerdings folgt die Sparaktion nicht nur aus Sicht der Freien einer merkwürdigen Logik. Zunächst fragen wir uns: Was bitte gibt es denn da zu sparen? Der Tagesspiegel ist für Freie ohnehin kein gut zahlender Auftraggeber. Er zahlt zwar nach den Vergütungsregeln, aber auch diese Tarife sind alles andere als angemessen. Hier 50 Euro für eine Rezension, dort 150 Euro für einen Aufmacher? Jetzt summieren sich also ein paar Hundert Euro für Aufträge, die in den nächsten Monaten nicht vergeben werden. Da wird mit Freien umgegangen wie mit Leiharbeitern. Dass sie aber oft die Experten für bestimmte Themen sind, das scheint den Sparfüchsen im Verlag keiner gesagt zu haben.

Der Verlag hat sich allerdings noch einen ganz besonderen Rechentrick einfallen lassen: Gespart wird hier nämlich nicht nur in der Zukunft, sondern auch in der Vergangenheit. Aufträge, für die Recherchen bereits liefen, werden eingefroren. Texte, die schon abgegeben wurden, werden erst einmal nicht gedruckt und nicht bezahlt. Die Arbeit aber ist gemacht. Vielleicht erscheinen sie ab Januar und werden dann hoffentlich bezahlt, vielleicht auch nicht. Vielleicht gibt es ein Ausfallhonorar, vielleicht auch nicht. In welcher Höhe, ist unklar. Der Ablauf ist schlicht eine Unverschämtheit, die das Vertrauen der Freien in ihre Auftraggeber zerstört. Wir raten den Betroffenen, rechtliche Schritte durch unsere Rechtsberatung prüfen zu lassen. Wundern kann man sich übrigens auch über den mangelnden Weitblick des Verlags. Die Sparzwänge scheinen über den Tagesspiegel gekommen zu sein wie ein Unwetter. Komisch nur, dass andere Chefredakteure schon das ganze Jahr über die schlechte Anzeigenlage klagen. Und dann hätten wir da auch noch eine Anmerkung zu den Umgangsformen. Warum erfahren freie Journalisten, die zum Teil seit vielen Jahren für den Tagesspiegel schreiben, durch ihre Redakteure von den für sie einschneidenden Maßnahmen? Wäre das nicht eigentlich Chefsache? Der Schwarze Peter wurde hier einfach nach unten weitergereicht.

„Löse Journalistenbüro auf“, hieß es diese Woche an anderer Stelle im Tagesspiegel. Die Leser wurden zudem in den Kleinanzeigen informiert: „Ihre Zeitung verzichtet auf Berichterstattung vor Ort“. Wir haben uns in den vergangenen Tagen erlaubt, dem Verlag ein wenig finanziell unter die Arme zu greifen. Mit kleinen kritischen Anmerkungen rund um die Lage der freien Journalisten beim Tagesspiegel. Sozusagen „in eigener Sache“. Wir finden, die Leser sollten wissen, warum im Blatt ab sofort Lokalredakteure über Afrika berichten und die Theaterkritik aus München von der dpa kommt. Vielleicht finden sie ja auch: Ohne Freie fehlt was.

“Freie JournalistInnen sind Menschen. Und zwar welche, die weiter denken als bis zur nächsten Sparrunde”, schreibt Silke Burmester in der taz-Kolumne:

  Freischreiber Björn Erichsen hatte für gestern auch eine Anzeige beim Tagesspiegel aufgegeben. Gedruckt wurde sie allerdings nicht…

Mit Verspätung im Blatt: Unsere Anzeigen. Und dazu eine Antwort vom Tagesspiegel:

Und was ist mit den unbezahlten Texten, lieber Tagesspiegel?

Wir hätten da noch einen Vorschag: