Eisernes Schweigen am Baumwall

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ein besonderer Newsletter, ein Extra-Newsletter. Denn es tut sich was in unserer Branche. Allerdings nichts Gutes. Stichwort: Scheinselbstständigkeit.

Derzeit werden die Verlagshäusern und Medienhäusern durchforstet wer dort alles arbeitet, ohne fest angestellt zu sein. Der Druck kommt vom Gesetzgeber.

Betroffen sind alle freie Kollegen und Kolleginnen, die in Redaktionen Tagesschichten übernehmen, die für die Schlussproduktionen oder für die Herstellung bestimmter Magazinteile zu festen Terminen gebucht werden. Es geht also um die sogenannten festen Freien im Gegensatz zu den freien Freien, die von zu Hause oder ihrem Büro aus Beiträge oder Themenstrecken liefern, die aber nicht in den Häusern selbst vor Ort sind und dort entsprechend auch nicht tätig sind.

Besonders trifft es derzeit die festen Freien des Hamburger Verlagshauses Gruner + Jahr, wo seit einigen Wochen auf den Fluren das Gerücht kursiert: „Ab dem 1.4. wird man keine festen Freien mehr im Haus sehen!“

Zu diesem Gerücht äußert sich die G+J-Geschäftsleitung bislang nicht. Umso mehr schafft sie zur gleichen Zeit Fakten.

Die G+J-Räder drehen ja gern etwas schneller. Zur Erinnerung: Vor gerade mal einem Jahr wurden etwa bei der „Brigitte“ die sogenannten „schreibenden“ Redakteure entlassen mit der Ansage, ihre Jobs würden nun Freie übernehmen. Man lobte sich und seine „Netzwerkredaktionen“. Für Juristen klang das damals schon nach öffentlich verkündeter Schattenwirtschaft. Jetzt kommt der Salto rückwärts – heimlich.

Die Freien bei G+J haben je nach Redaktion Unterschiedlichstes gehört: Vielen wird mitgeteilt, dass man bald auf ihre Tätigkeit verzichten will, ohne dass man ein konkretes Datum nennt. Andere berichten, dass sie zum 1.4. keine Aufträge mehr haben. Bei einigen Kollegen wurden schon zugesagte Schichten wieder storniert, anderen die Möglichkeit einer Festanstellung in Aussicht gestellt oder bereits angeboten. Wieder andere sind seit Ende 2015 gekündigt und gar nicht mehr im Haus.

Doch die Gruner-Geschäftsleitung bringt es bislang nicht übers Herz, ihre Freien im Haus offiziell zu informieren.

Handelt sie aus purer Angst, weil ans Licht kommen könnte, dass sie offenbar jahrelang gegen Gesetze verstoßen hat und nun Sozialversicherungsbeiträge in nicht unbeträchtlichem Umfang nachzahlen müsste?

Oder nutzt man die Gelegenheit, wieder die Redaktionen umzubauen und dabei die Honorare und Tagessätze weiter zu kürzen?

Zu all dem schweigt die G+J-Geschäftsleitung eisern.

Aber es ist ihr nicht entgangen, dass sich die Freien im Haus schon zweimal versammelt haben, um sich notgedrungen gegenseitig zu informieren.

Beim ersten Treffen waren über 80 Freie anwesend, beim zweiten waren es rund 120. Wir Freischreiber waren bei diesem Treffen mit unserem Anwalt beratend vor Ort.

Die G+J-Geschäftsleitung wurde schriftlich gebeten, sich umgehend zu den Vorgängen zu äußern. Auch wurde sie zum nächsten Treffen der G+J-Freien am 27.1. eingeladen. Eine Zusage steht noch aus.

Unsere Fragen sind drängend, die Zeit läuft: Wie stellt sich die G+J-Geschäftsleitung einezukünftige Zusammenarbeit mit freien Journalisten vor? Denn ohne Freie wird es nicht gehen.

Gruner + Jahr muss jetzt rechtssichere Rahmenbedingungen für Freie schaffen. Etwa über Teilzeitverträge, die den freien Kollegen ermöglichen, weiterhin für andere Auftraggeber tätig zu sein.

Wie andere das machen, könnte G+J sich beim Verlagshaus der Süddeutschen Zeitung abschauen. Wie die Taz berichtete, ist man dort an einer guten Lösung des„Scheinselbstständigenproblems“ interessiert, geht auf die festen Freien zu und hat erkannt, das Wegducken und Aussitzen keine Lösung ist.

Gruner + Jahr ist übrigens kein Einzelfall.

Auch die Funke-Medien-Gruppe hat inzwischen festen Freien gekündigt, die Kündigung mitgeteilt oder außertarifliche Festanstellungen in Aussicht gestellt. Auch hier hat die Verlagsleitung offenbar bisher nicht offengelegt, was sie eigentlich vorhat.

Beim „Spiegel“, der ja dieser Tage großflächig damit wirbt, keine Angst vor der Wahrheit zu haben, geschieht ebenfalls nichts Gutes: Bei Spiegel Online ist den dort tätigen Freien offenbar zum Jahresende 2015 gekündigt worden. Stattdessen wurden nach unseren Informationen den freien Schlussredakteuren 450- und 850-Euro-Jobs angeboten.

Wie geht es weiter? Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Ihre

Freischreiber