Gemein oder Nützig? Hostwriter! (1)

Journalismus dient der Gesellschaft. Doch ist er gemeinnützig? Einige journalistische Projekte streben die Gemeinnützigkeit an. Daniel Drepper regt sogar eine entsprechende Gesetzesänderung an. Wir finden, darüber sollte man nachdenken. Deshalb wollen wir in einer kleinen Serie Pro und Contra Positionen zur Gemeinnützigkeit vorstellen.
In Teil 1 eines der spannendsten journalistischen Start-ups: Hostwriter. Es antworten die Gründerinnen Tabea Grzeszyk und Sandra Zistl.

Warum seid ihr gemeinnützig?
Wir sind gemeinnützig, weil wir mit hostwriter die Welt besser machen wollen! Oder bürokratischer ausgedrückt: Wir fördern mit hostwriter den Gedanken der Völkerverständigung, die Volks- und Berufsbildung und die Qualität im Auslandsjournalismus. Wie? Indem wir im Journalismus auf Kooperation statt Konkurrenz setzen. „Couchsurfing für Reporter“, titelte die taz im November 2013 – doch neben der Möglichkeit, seinen Schlafsack bei Kollegen auszurollen, geht es bei hostwriter darum, Journalisten zu finden, die zu ähnlichen Themen recherchieren. Wir glauben, dass wir mit Kooperationen im Journalismus (noch) bessere Geschichten erzählen können.

Welche Form hat Euer Projekt heute und warum?
Wir haben hostwriter als gemeinnützige Unternehmergesellschaft (gUG) gegründet. Das erlaubt uns zum einen, Spendenbescheinigungen auszustellen und zum anderen gelten Steuervergünstigungen. Wir haben uns dabei bewusst gegen einen Verein entschieden, damit wir Aufwandsentschädigungen zahlen können – falls wir uns das irgendwann leisten können. Gegen eine GmbH sprach dagegen das hohe Startkapital, das wir nicht haben. Wir haben leider keinen Sponsor im Rücken, der uns das Geld in den Schoß wirft. Die gUG haben wir mit einem Eigenkapital von €33 pro Kopf in die Welt gesetzt.

Warum habt ihr Hostwriter nicht als kommerzielles Unternehmen gemacht?
Wir drei arbeiten als Journalistinnen, wir machen das Netzwerk letztlich auch für uns, weil wir uns mehr Kooperationen mit Kollegen wünschen. Wir lieben unseren Job und wollen unser Geld weiterhin im Journalismus verdienen; wir haben kein Interesse daran, als hauptberufliche Unternehmerinnen unseren Beruf aufzugeben. Außerdem ist es für uns wichtig, dass alle Grundfunktionen für alle Journalisten, journalistischen Blogger und Dokumentarfilmer auf der Welt kostenlos zur Verfügung stehen. Wenn es Mitgliedsbeiträge für hostwriter geben würde, würden wir damit eine Menge Kollegen ausschließen – das wollen wir nicht.

Was war die größte Hürde auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit?
Wir drei Gründerinnen kennen uns aus dem Vorstand des Vereins journalists.network, einem gemeinnützigen Verein, der seit 18 Jahren mit Recherchereisen und Pressegesprächen den journalistischen Nachwuchs fördert. Durch diese Erfahrung wussten wir bereits über die Formalien bescheid – und nach welchen Kriterien über die Anerkennung der Gemeinnützigkeit entschieden wird. Daher sind wir glücklicherweise auf keine größeren Hürden gestoßen.

Wie finanziert ihr Euch?
Bisher finanzieren wir uns ausschließlich über Stiftungsgelder: Wir werden vom Vocer Innovation Medialab, der Hamburger Medienstiftung, StartSocial und der Rudolf-Augstein-Stiftung gefördert. Das Geld fließt zu 100% in die Entwicklung und Programmierung der Website, wir drei Gründerinnen arbeiten bislang ehrenamtlich. Wir überlegen, zusätzliche Kosten vor dem Launch der Betaversion im Mai 2014 über Crowdsourcing zu finanzieren. Langfristig müssen wir aber aus der finanziellen Zwickmühle heraus: Denn einerseits sind wir uns einig, dass die Mitgliedschaft bei hostwriter kostenlos sein und bleiben muss. Andererseits brauchen wir ein Geschäftsmodell, damit hostwriter nachhaltig Bestand hat. Vielleicht wird es irgendwann ein Freemium-Modell geben, also einen kostenlosen Basiszugang und einen Premium-Account mit Zusatzfunktionen – aber das ist erstmal alles noch Zukunftsmusik!

Macht ihr auch nicht gemeinnützige Arbeit?
Neben unserer ehrenamtlichen Tätigkeit für hostwriter arbeiten wir alle als hauptberufliche Journalistinnen.

Es gibt den Vorschlag, die Gemeinnützigkeit des Journalismus gesetzlich zu verankern. Was würde das für Euch ändern?
Das würde bei uns nichts verändern, aber natürlich würden wir eine solche Verankerung sehr begrüßen: Journalismus ist als vierte Gewalt für Demokratie und Rechtsstaat unverzichtbar. Gleichzeitig wollen Verlage mit Journalismus Profite erzielen – beides scheint in Zeiten der „Medienkrise“ immer schlechter zusammen zu passen. Massenweise Entlassungen, Lohndumping und unwürdige Arbeitsbedingungen prägen längst den Alltag vieler Journalisten. Eine gesetzliche Verankerung der Gemeinnützigkeit des Journalismus würde dagegen klarstellen, dass Journalismus eine demokratische Kernaufgabe erfüllt, die nicht allein den Gesetzen des Marktes unterworfen werden darf.