Gemein oder Nützig? Krautreporter (2)

Freischreiber Sebastian Esser startete im vergangenen Jahr Krautreporter. Seitdem wurden auf der Plattform über 172.000 Euro für Journalismus gesammelt, der sonst nicht möglich gewesen wäre. Die Crowdfunding-Plattform Startnext ist gemeinnützig, Krautreporter nicht. Warum, das erklärt Sebastian Esser in Teil 2 unserer Serie.

Warum wollt ihr mit Krautreporter nicht gemeinnützig sein?
Der wichtigste Grund ist maximale Unabhängigkeit. Geld verpflichtet, immer. Der zweitwichtigste Grund: Journalismus sollte ein Beruf sein, mit dem man Geld verdient, im besten Fall viel davon. Nennt mich einen Kapitalisten, aber unternehmerisches Denken ist ein wichtiger Antrieb und kann das auch für Journalisten sein. Drittens mag ich Formulare nicht, Bewerbungsprozesse, Auswahlgespräche. Gefördert werden selten die Guten, sondern die Bürokratiespezialisten.

Welche Form hat Euer Projekt heute und warum?
Das einer guten alten- GmbH. Das beschränkt die Haftung und hat den Vorteil, dass ich tun kann, was ich will. Andererseits: Wer sich an der Krautreporter GmbH beteiligen möchte, darf mich gern anrufen. Wir haben große Pläne.

Was war die größte Hürde, die der Gemeinnützigkeit im Weg stand?
Ich war schon weit und hätte die Gemeinnützigkeit bei der netten Dame auf dem absurd staubigen Finanzamt für Körperschaften wahrscheinlich durchbekommen. Dazu hätte eine Notlüge gedient: Vereinszweck Volksbildung. Drei Stiftungen hatten sich schnell bereiterklärt, die Entwicklung zu finanzieren – und zwar, und das widerspricht dem oben Gesagten, völlig unbürokratisch und sehr kompetent beratend. Vielen Dank nochmal dafür – und Entschuldigung, dass ich ihre Zeit verschwendet habe.
Am Ende hatte ich Angst: Sind Projekte wie Kot&Köter, das VideoTrainingsBuch oder auch die Freienbibel wirklich gemeinnützig? Was, wenn das Finanzamt findet: nein? Und die Steuern zurückhaben will? Von mir persönlich? Riskante Projekte müsste ich wohl ablehnen – womit wir wieder bei der Unabhängigkeit wären.

Wie finanziert ihr Euch?
Gar nicht – Krautreporter bekommt zwar 5 Prozent Provision, aber die decken die Kosten nicht. Das wusste ich vorher und beschwere mich nicht – ich profitiere auf viele Arten und Weisen von dem Projekt, indirekt auch finanziell. Trotzdem ein Grund gegen Gemeinnützigkeit: Wenn ich eh nichts versteuere, warum soll ich so viel Wert auf Steuerfreiheit legen?

Es gibt den Vorschlag, die Gemeinnützigkeit des Journalismus gesetzlich zu verankern. Was würde das für Euch ändern?
Geld würde leichter in journalistische Projekte fließen. Die Zahl potenzieller Unterstützer würde wachsen. Stiftungen könnten umschichten und ein deutsches ProPublica finanzieren. Unterstützer könnten ihre Beiträge von der Steuer absetzen. Dieser ganze Kram.