Himmel-Kandidat Nr. 1: Die Eßlinger 19

Freischreiber nominiert die 19 freien Journalisten der Eßlinger Zeitung, die in diesem Sommer gemeinsam in Streik traten, für den Himmel-Preis 2018.

Begründung: Irgendwann ist die Schmerzgrenze nicht nur erreicht, sondern überschritten. Das denken sich viele Freie, wenn wieder einmal ihre Honorare gesenkt werden. Die meisten quittieren das mit einem Seufzen – nicht die Freien der Eßlinger Zeitung.

Alle 19 freien Journalistinnen und Journalisten traten diesen Sommer gemeinsam in den Streik, unterstützt von der Gewerkschaft ver.di. Und: Sie waren erfolgreich.

Dass Freie streiken – und dann auch noch in Mannschaftsstärke –, passiert in Deutschland so gut wie nie. Zu groß ist die Angst, Aufträge zu verlieren. Viele Freien kennen sich untereinander nicht mal. In Esslingen hingegen treffen sich die Freien schon seit den 1990er-Jahren regelmäßig zum Austausch. Das hilft ungemein.

Der Grund für den Streik war eine Layout-Umstellung von sechs auf fünf Spalten. Dadurch wurden die Zeilen länger, die Honorare aber nicht höher. Nachdem alle Gespräche mit der Geschäftsführung gescheitert waren, ließen die Freien ihren Stift fallen, und dabei blieben sie zwei Wochen lang. Die EZ suchte in dieser Zeit per Zeitungsannonce nach neuen freien Mitarbeitern.

Da professionelle Journalistinnen und Journalisten aber nicht auf Bäumen wachsen, lenkte die Geschäftsführung schließlich ein. Der Zeilensatz stieg von 62 auf 72 Cent. Zudem wurde verabredet, die Pauschalen für Straßenumfragen, Gerichtstermine und Interviews zu erhöhen. Auch das Kilometergeld stieg von 27 auf 30 Cent. Damit sind die Freien den Redakteurinnen und Redakteuren nun gleichgestellt.

Reich werden die Freien auch mit den neuen Honoraren nicht werden. Aber sie haben eine Botschaft ausgesandt, die weit über Esslingen ausstrahlt: Wenn sich Freie zusammentun, können sie etwas bewegen. Hoffentlich werden viele ihrem mutigen Beispiel folgen.

Hier geht´s zum Nominierungstext als pdf.

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Freischreiber e.V. vergibt einmal im Jahr den Himmel- und Hölle-Preis. Er geht an Redaktionen, Personen, Verlage oder andere Unternehmungen, die sich im vergangenen Jahr für die Belange des freien Journalismus eingesetzt bzw. zum Schaden des Berufsstandes beigetragen haben. Hier geht es zu den Statuten. Morgen werden die Hölle-Kandidaten bekannt gegeben. Die Preisverleihung findet dann am 17. November in Berlin zusammen mit der Gala “10 Jahre Freischreiber” statt.

23. Oktober 2018