Himmel oder Hölle? Das sind unsere Kandidaten

Wer fair mit Freien umgeht oder sich in besonderer Art und Weise für die Belange von Freien einsetzt, hat die Chance auf einen Platz im Freischreiber-Himmel. Wer fies mit Freien umgeht, den schicken wir in die Freischreiber-Hölle. Wer sind die Nominierten für die Preisverleihung 2016?

Am 22.4. werden wir Himmel- und Höllepreis 2016 im Hamburger Betahaus verleihen. Wir haben das Verfahren etwas geändert (die aktuellen Statuten kann man hier nachlesen). Und jetzt fix zum spannenden Teil – hier kommen die Nominierten für die Preisverleihung 2016:

Die Nominierten für den Himmelpreis 2016

Martin Vogel
Konrad Schwingenstein

Die Nominierten für den Höllepreis 2016

DuMont Schauberg
Gruner + Jahr
Spiegel Online
Der Tagesspiegel

Die Preisverleihung findet am 22. April 2016 um 20 Uhr im Betahaus Hamburg (Eifflerstraße 43) statt.

DIE PREISVERLEIHUNG HAT STATTGEFUNDEN: Preisträger 2016 sind Martin Vogel (Himmelpreis) und Der Tagesspiegel (Höllepreis).

Begründungen (hier als PDF)

Die Nominierten für den Himmelpreis 2016

Martin Vogel

Die VG Wort, das sind doch eigentlich die Guten für freie Autoren. Wirklich? Der renommierte Urheberrechtler Martin Vogel klagt seit Jahren mit hohem persönlichen Einsatz im Namen der Urheber gegen die Verwertungsgesellschaft Wort, die doch eigentlich die Interessen der Autoren vertreten soll. Tatsächlich aber werden in einem wenig transparenten Verfahren bis zu 40 Prozent der Tantiemen für ein Werk an Verlage ausgeschüttet. Vogel hat jahrelang Klagen gegen die VG Wort geführt. Er sagt: „Vergütungsansprüche stehen nur den Urhebern zu.“ Nach dem BGH hat auch der Europäische Gerichtshof Vogel nun in wesentlichen Teilen Recht gegeben. Eigentlich können Urheber nun auf höhere Schecks von der VG Wort hoffen.

Eigentlich. Denn offenbar plant das Justizministerium eine Reform, die den Verwertern ihren Anteil auf Kosten der Urheber sichert. Martin Vogels Kampf für die Urheber muss weitergehen. In dem Journalisten Tom Hillenbrand und seiner Initiative Urheberpauschale hat er einen neuen Mitstreiter gewonnen. Wie auch immer es ausgeht: Für seinen uneigennützigen und kostenintensiven Einsatz für uns Urheber nominieren wir Martin Vogel für den Himmelpreis 2016.

Konrad Schwingenstein

Konrad Schwingenstein aus der Familie der Gründer der Süddeutschen Zeitung investiert Geld für den Journalismus. Das tun manche andere auch. Aber Schwingenstein tut es, indem er gemeinnützige Projekte aufsetzt, die insbesondere freien Journalisten eine neue Bühne geben. Das ist zum einen die Plattform Torial, die es freien Journalisten kostenlos ermöglicht, mit wenigen Klicks eine aussagekräftige Webpräsenz zu erstellen. Und da ist zum anderen das neueste Projekt seines Teams mit Namen Piqd, das von Marcus von Jordan geführt wird. Hier werden handverlesene journalistische Glanzstücke aus vielen Ressorts präsentiert, die nach Ansicht der Piqd-Experten mehr Beachtung verdienen. Piqd liefert also Orientierung im digitalen Mediendschungel und gleichzeitig eine Plattform, um die Expertise von Journalisten zu präsentieren.

Für gute Ideen und leidenschaftliches Mäzenatentum nominieren wir Konrad Schwingenstein für den Himmelpreis 2016.

Die Nominierten für den Höllepreis 2016

Ein für freie Journalisten dominierendes Thema im vergangenen Jahr war die Scheinselbstständigkeit. Die Pressehäuser gingen damit auf unterschiedliche Weise um. Sie eint, dass sie die gesetzliche Regelung meist zu Lasten der Freien erfüllen wollen.

DuMont Schauberg

DuMont Schauberg war einmal ein Familienunternehmen, in dem Journalisten geachtet wurden. In fetten Jahren ist das einfach. Trotzdem steht auch hier der Verdacht im Raum, in den letzten Jahren freie Mitarbeiter beschäftigt zu haben, als wären sie Angestellte. Von den Einsparungen bei den Sozialabgaben hätte dann das Unternehmen profitiert. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln (Aktenzeichen 112 UJs 2/15) wegen Scheinselbstständigkeit.

Unter dem Druck des Gesetzgebers will der Verlag diese Fehlentwicklung nun korrigieren. Allerdings erneut zulasten der betroffenen Freien. Die taz berichtet davon, dass den bisher frei Arbeitenden auf ein Jahr befristete Verträge angeboten wurden – bei einer Bezahlung, die weit unter dem bisherigen Honorar liegt. Laut Betriebsrat ist von Bruttogehältern von 1.800 Euro bei 40 Wochenstunden die Rede. Damit das außerhalb des Tarifs überhaupt möglich ist, werden die bisher Freien nach übereinstimmenden Medienberichten in einer tariffreien Tochtergesellschaft angestellt.

Unterirdische Vertragsbedingungen für Journalisten, die zum Teil schon seit Jahren für das Haus arbeiten, findet Freischreiber. Gute Chancen für DuMont Schauberg auf den Höllepreis 2016.

Gruner + Jahr

Nach den Festangestellten will man sich nun auch von vielen Freien trennen, weil sie möglicherweise scheinselbstständig beschäftigt sind.

Das Problem kennen auch andere Häuser. Aber keines hat kaum ein Jahr zuvor das neue Konzept der Netzwerkredaktion als neue Strategie ausgerufen, das sich maßgeblich auf Freie stützt. Damals waren viele feste Stellen weggefallen, jetzt werden Freie plötzlich vor die Wahl gestellt einen schlechten Vertrag zu unterschreiben, oder zu gehen.

Eine traurige Management-Performance von Julia Jäkel und dem Zeitschriften-Vorstand Schäfer.

Damit hat das Haus, das laut seinem Sprecher Frank Thomsen „noch lange mit freien Journalisten zusammenarbeiten will“, ein weiteres Mal das Vertrauen seiner Mitarbeiter in einen über Jahre verlässlichen Auftraggeber und ein ehemals stolzes Pressehaus erschüttert.

Das Verlagshaus hat viele Wochen gezögert, die betroffenen Freien zu informieren. Erst nachdem es von den Freien im Haus, die sich zu einer großen Gruppe zusammengeschlossen hatten, mehrfach dazu aufgefordert wurde, stellte es sich seiner Informationspflicht.

Viele Freie werden in Zukunft nicht weiter bei Gruner + Jahr beschäftigt werden können, auch wenn der Verlag nun Festanstellungen anbietet. Die neu geschaffenen Stellen sind in der Regel befristet, zudem werden viele Freie (etwa Schlussredakteure und Dokumentare) in einer tariffreien Tochtergesellschaft angestellt.

Es können bei über 200 Betroffenen nicht alle Freien in feste Arbeitsverhältnisse übernommen werden. Viele werden das Haus verlassen müssen. Die Berufserfahrung der Freien die einen Vertrag erhalten, wird nicht angemessen berücksichtigt.

Freie als Verschiebemasse in einem Konzern ohne Strategie. Wir finden dafür hat sich Gruner + Jahr zum zweiten Mal in Folge die Nominierung für den Höllepreis redlich verdient.

Spiegel Online

Auch Spiegel Online sieht sich unter dem Druck des Gesetzgebers und hat seine Vertragsbedingungen für freie Mitarbeiter, die in einen redaktionellen Arbeitsablauf eingebunden waren, verändert. Befristete Verträge werden maximal auf zwei Jahre verlängert. Dann heißt es: Entfristung oder Ende der Zusammenarbeit. Diese Unsicherheit schlägt sich finanziell nicht nieder: In der Regel wird für die Mitarbeit im Schichtdienst ein Stundensatz von 21 Euro brutto bezahlt. Das starre System unterscheidet zwischen inhaltlich arbeitenden Mitarbeitern und sogenannten inhaltsnah arbeitenden Kollegen, die dann mit etwa 18 Euro noch einmal wesentlich geringer entlohnt werden.

Das Flaggschiff des Online-Journalismus als Billiglohn-Redaktion? Traurig, aber wahr und uns eine Nominierung für den Höllepreis wert.

Der Tagesspiegel

Ende Oktober meldeten sich Mitglieder bei uns: Ihr Auftraggeber, der Tagesspiegel, hatte von heute auf morgen alle Aufträge storniert, Recherchen gestoppt, Honorare eingefroren. Das bezog sich auf zukünftige Aufträge, aber auch auf bereits laufende Recherchen und abgegebene Texte. Grund für die drastische Sparmaßnahme war ein Anzeigenloch. Auch Pauschalisten und Freie im Ausland waren und sind betroffen. Überbringen durften die schlechten Nachrichten die festangestellten Redakteure. Verlagsleitung und Chefredaktion duckten sich weg.

„Vorübergehend haben wir die Beiträge freier Mitarbeiter reduziert. Das fällt uns nicht leicht.“ So schrieben Verlag und Redaktion des Tagesspiegels einige Tage später „in eigener Sache“. Allzu schwer ist es ihnen aber auch nicht gefallen. Langjährigen Freien mal eben alle Aufträge zu stornieren, das geht schnell, beinahe lautlos und zumindest mit weniger Widerstand, als müsste man Stellen, vielleicht sogar in der Verwaltung, streichen. Mit Freien wurde in der Sache umgegangen wie mit Leiharbeitern.

Wir nominieren den Tagesspiegel für den Umgang mit freien Mitarbeitern in einer bisher beispiellosen Aktion im vergangenen Herbst für den Höllepreis 2016.

Die Preisverleihung findet am 22. April 2016 um 20 Uhr im Betahaus Hamburg (Eifflerstraße 43) statt. Herzliche Einladung!

Infos:
Der Himmel- und Höllepreis
Die Preisverleihung am 22.4.
Fragen an kontakt ( @ ) freischreiber.de