Himmel-und-Hölle-Preis 2019: Die Nominierten

Wer kommt in den Himmel? Wer hat einen Platz in der Hölle verdient? Am 9. November verleihen wir in Hamburg den Himmel-und-Hölle-Preis 2019 und zeichnen damit Redaktionen, Personen, Verlage oder andere Unternehmungen aus, die sich im vergangenen Jahr in herausragender Weise für die Belange freier Journalist*innen eingesetzt bzw. diesen besonders geschadet haben (hier geht´s zu den Statuten). Das sind die diesjährigen Nominierten:

Nominiert für den Himmel-Preis 2019:
– die Politikerin Julia Reda
– der freie Reporter Juan Moreno
– das Online-Magazin Medwatch
– die Journalisten-Genossenschaft RiffReporter

Nominiert für den Hölle-Preis 2019:
– der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)
– die Badische Zeitung
– die Dornbusch Medien AG

Weiter unten finden Sie alle Nominierunsbegründungen.
Nominierungstexte als PDF.
Himmel-und-Hölle-Logo

Hier geht es zu den Nominierten und Preisträgern der letzten Jahre. Die Preisverleihung findet in diesem Jahr im Rahmen des Freischreiber-Betriebsausfluges statt. Fragen? Antworten.

Nominierungen für den Himmel-und-Hölle-Preis 2019
22. Oktober 2019

Nominiert für den Himmel-Preis 2019

Julia Reda

Julia Reda ist eine dieser seltenen Politikerinnen mit starken Überzeugungen, für die sie leidenschaftlich eintritt. Die ehemalige EU-Abgeordnete steht wie keine andere für die Auseinandersetzung mit der EU-Urheberrechtsreform. Ihr gelang es, dass Medienschaffende, Youtuber*innen und Netzaktivist*innen gemeinsam auf die Straße gingen. Fünf Millionen Menschen haben eine Petition gegen die Reform unterschrieben, 100.000 demonstrierten allein in Deutschland. Wir möchten die Rufe von damals aufgreifen und noch einmal skandieren: „Julia, Julia, Julia!“ Denn ihr Einsatz für die Interessen der Kreativen ist himmelpreiswürdig.

Wegen der Haltung der SPD zu Netzsperren wechselte sie im Jahr 2009 zur Piratenpartei, für die sie 2014 ins Europaparlament einzog. Die Piratenpartei versank in der Bedeutungslosigkeit. Doch Reda wurde zum Gesicht der Bewegung für ein faires Urheberrecht und gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform. Das Thema hatte sie selbst gewählt. Und sie verfolgte es über Jahre, als es noch dröge schien, als noch keine Massen demonstrierten und Youtube-Stars ihr Anliegen unterstützten.

Wir würdigen mit der Himmelpreis-Nominierung insbesondere ihren Einsatz gegen Artikel 12, der die Verlegerbeteiligung in den Verwertungsgesellschaften per Gesetz wieder einführen soll, obwohl sie zuvor durch Gerichtsurteile gekippt worden war. Reda sagt: „Wenn die Urheber der Meinung sind, sie möchten etwas von ihren Einnahmen abgeben, dann kann das vertraglich geregelt werden. Aber es ist extrem ungewöhnlich, dass gesagt wird: Wir helfen jetzt per Gesetz der stärkeren Partei.“  Finden wir auch. Und nominieren Julia Reda deshalb für den Himmelpreis der Freischreiber 2019.

Juan Moreno

Der freie Reporter Juan Moreno steckte vor knapp einem Jahr in einer brutalen Klemme. Er wusste, dass sein Co-Autor Claas Relotius ein Fälscher war. Seine Auftraggeber beim „Spiegel“ glaubten ihm nicht, Morenos berufliche Existenz stand vor dem Aus. Wir alle kennen die Geschichte, die zur Aufdeckung des größten journalistischen Betrugsskandals hierzulande geführt hat. Dass es für den „Spiegel“ nicht zur ganz großen Katastrophe kam – die Entlarvung des Märchenonkels durch externe Journalist*innen – hat das Haus auch der Loyalität seines freien Reporters zu verdanken.

Die Folgen des Skandals bekommen freie Reporter*innen zu spüren: Zunehmend werden umfangreiche Belege und Dokumentationen eingefordert, was im Sinne der Transparenz gerechtfertigt ist. Doch der Mehraufwand muss natürlich bezahlt werden, und zwar nicht von den Freien, sondern von ihren Auftraggeber*innen. Wir begrüßen ausdrücklich Transparenz – nicht aber einen Generalverdacht gegenüber freien Kolleg*innen, der da oft mitschwingt. Wohlgemerkt: Ein Freier hat den Skandal aufgedeckt, er war nicht der Fälscher.

Juan Moreno hat mit unglaublich viel Mut, Hartnäckigkeit und Klugheit agiert. Er stand vor der Wahl, seinen Mund zu halten und sich wegzuducken, statt allein gegen den Superstar Relotius vorzugehen. Er hätte sich dem Druck seiner Auftraggeber beugen können, und viele andere in seiner Situation hätten genau das getan.

Moreno soll – und will – kein Säulenheiliger des Journalismus sein. Vielleicht tun wir ihm keinen Gefallen mit unserer Nominierung. Aber es braucht ein beispielloses Rückgrat, sich dem wirtschaftlichen Ruin auszusetzen, der einem Freien droht, wenn er sich gegen das wichtigste Magazin der Republik stellt. Genau das macht Juan Moreno zu einem Vorbild für Journalist*innen, auch wenn er das nicht sein will. Und damit zu einem würdigen Kandidaten für den Freischreiber-Himmelpreis.

Medwatch

„Der Recherche verschrieben“ haben sich die Medwatch-Gründer*innen Hinnerk Feldwisch-Drentrup und Nicola Kuhrt. Die beiden Wissenschaftsjournalist*innen und ihr Team durchforsten das Netz nach medizinischen Fake News und halten mit sauber recherchierten Fakten dagegen. Mit ihrem Online-Magazin klären sie auf über dubiose Heilsversprechen, Pseudo-Medizin, Wunderheiler und Scharlatane, von denen das Internet voll ist. Durch beharrliche Berichterstattung verhindert Medwatch, dass skrupellose Praktiken und Skandale im Gesundheitswesen in Vergessenheit geraten. Dabei lassen sie sich auch nicht von juristischen Auseinandersetzungen abschrecken.

Weil ihre Unternehmensidee so gut ist, haben Kuhrt und Feldwisch-Drentrup seit der Gründung von Medwatch im Jahr 2017 diverse Preise und Stipendien abgeräumt. Darunter das „Grow“-Stipendium von Netzwerk Recherche, der „Netzwende-Award“ 2018 des Thinktanks Vocer, der Carl-Sagan-Preis 2019 der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie der „Emotion-Award“ 2019 des Magazins „Emotion“. Jetzt kommt die Nominierung für den Freischreiber-Himmelpreis dazu.

Ganz im Sinne von Freischreiber sind sie journalistische Pioniere, die ihr Können und ihr Know-how einer preiswürdigen Unternehmensidee widmen. Im Umgang mit freien Kolleg*innen gelten sie als so angenehm wie professionell, die Beiträge werden fair honoriert. Wir halten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup – die beide Mitglieder von Freischreiber sind – daher für verdiente Kandidat*innen für den Freischreiber-Himmelpreis.

medwatch.de

RiffReporter

Wenn Korallen sich finden und in enger Nachbarschaft wachsen, entsteht ein Riff. Dieses Narrativ ist die Grundlage der Journalisten-Genossenschaft RiffReporter, in der einzelne Journalist*innen oder Journalisten-Teams ihre Projekte publizieren. Alle Autor*innen sind zugleich stimmberechtigte Genoss*innen. Und sie teilen sich auch die Einnahmen.

Ende September 2019 siedelten im Riff genau 100 Autor*innen, gut zwei Drittel davon veröffentlichen regelmäßig, die übrigen bereiten den Start ihrer Digitalmagazine vor. 1255 Beiträge sind bislang auf riffreporter.de erschienen.

Die Genoss*innen agieren als eigenverantwortliche Unternehmer*innen. Die Erlöse für alle Autor*innen sind derzeit überschaubar – was auch daran liegt, dass sich etliche Korallen noch in der Startphase befinden.

RiffReporter hat ein Umfeld für freie Journalist*innen geschaffen, das seinesgleichen sucht. Es ist ein einzigartiges Biotop für den freien Journalismus, in dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Riff profitieren die Genoss*innen von gemeinsamen Strukturen und gegenseitiger Unterstützung, ohne sich um Programmierung von Websites oder Bezahlsysteme kümmern zu müssen. Mit den Vorständen Tanja Krämer und Christian Schwägerl – beide sind Freischreiber-Mitglieder – haben die Autor*innen Ansprechpartner, die sie ermutigen und bei unterschiedlichsten Fragen zur Seite stehen.

Als Riffreporter*innen sind Freie nicht allein, sondern gleichberechtigte Partner*innen in einem professionellen Umfeld – das erscheint uns schon ziemlich zukunftsträchtig. Und himmelpreiswürdig.

RiffReporter.de

Nominiert für den Hölle-Preis 2019

BDZV und VDZ

Reif für den diesjährigen Höllepreis der Freischreiber sind auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Diese beiden Verlegerverbände wehren sich unablässig und seit endlosen Zeiten gegen faire Vergütungsregeln für freie Journalist*innen.

Seit geschlagenen 17 Jahren ringen Urhebervertreter*innen vergeblich mit dem VDZ um einen Abschluss von Vergütungsregeln für freie Journalist*innen bei deutschen Zeitschriften. Die Zahl der Verhandlungsrunden geht inzwischen auf die hundert zu. Ohnmächtig müssen die Freischaffenden dabei zusehen, wie ihre Auftraggeber*innen versuchen, Honorare auf ein Mindestniveau zu drücken, das jeder Beschreibung spottet.

Für freie Journalist*innen an Tageszeitungen gilt: Zwar haben die Gewerkschaften ver.di und djv im Januar 2010 gemeinsame Vergütungsregeln mit dem BDZV beschlossen. Doch das waren Honorare auf einem unterirdischen Niveau, weshalb Freischreiber die Vergütungsregeln ablehnte. Als schließlich am 1. März 2017 das Verbandsklagerecht in Kraft trat, kündigte der BDZV einen Tag zuvor selbst diese jämmerlichen Honorarvereinbarungen. Dass Verbände sie hätten einklagen können, durfte nicht sein. Und damit war klar, was verbindliche Vergütungsregeln für den BDZV in Wahrheit sind: Teufelszeug.

Neuverhandlungen haben die Verlegerverbände bislang mit dem Argument abgelehnt, die Festlegung von Honoraren verstoße gegen das europäische Wettbewerbs- bzw. Kartellrecht. Dieses Argument zieht jetzt nicht mehr, denn die im Mai 2019 vom EU-Parlament verabschiedete Urheberrechtsrichtlinie stärkt in diesem einen Punkt die Position der Urheber*innen. Ihre Verbände können nun mit den Medienhäusern festlegen, wann eine Vergütung als angemessen anzusehen ist.

Das halten wir für einen probaten Vorschlag. Aus der Schmach einer Höllepreis-Nominierung führt stets ein Weg hinaus, es ist das Gespräch mit uns. Über angemessene Vergütungsregeln, die ihren Namen verdienen.

Badische Zeitung

Die Badische Zeitung hat einen freien Journalisten “abgesägt”. Das kann passieren, wenn der Mann unzuverlässig ist oder in seinen Texten schwerwiegende Fehler gemacht hat. Beides kann man Bernd Serger nicht vorwerfen.

2018 schreibt Serger einen Text über die Geschichte eines traditionsreichen Freiburger Bettenhauses, das bis 1937 „Marx“ hieß und im Zuge der Arisierung der Nazis zum „Bettenhaus Striebel“ wurde. 1980 kauften die heutigen Besitzer das Unternehmen, der Name blieb. In einer Jubiläumsbroschüre („80 Jahre Betten Striebel“) wird der nationalsozialistische Teil der Firmengeschichte ausgespart. Bernd Serger berichtet über die ganze Geschichte, betont aber auch, dass die heutigen Besitzer mit der Arisierung nichts zu tun haben, sie allerdings schamhaft verschweigen.

Die Chefredaktion scheint nicht erfreut über die historische Reportage, die prominent im Wochenend-Magazin erscheint. Betten Striebel ist ein wichtiger Anzeigenkunde. Chefredakteur Thomas Fricker wird erst nach dem Erscheinen auf den Text aufmerksam und verhindert, dass er in der Online-Ausgabe erscheint. Die Redaktion druckt bis heute keine Leserbriefe zum Thema. Die Begründung: Sergers Text habe journalistische Mängel, die die Redaktion leider nicht vor der Drucklegung erkannt habe. Welche das sein sollen, bleibt offen.

Als Bernd Serger im Frühjahr 2019 der Lokalredaktion einen weiteren Text anbietet, sagen die Kolleg*innen zuerst zu. Wenig später aber wird der Auftrag auf Geheiß der Chefredaktion zurückgezogen. Serger, der bis zu seiner Pensionierung 2011 selbst Mitglied der Chefredaktion war, darf nun nicht mehr für das Blatt arbeiten, für das er 20 Jahre tätig war.

Wir fragen uns: Welche Mängel hatte Sergers Text? Warum wurden die angeblich nicht von der Redaktion erkannt? Welche Konsequenzen hatte das für den abnehmenden Redakteur? Oder gab es nur für den freien Autor Konsequenzen? Geht es am Ende darum, auf dem Rücken eines freien Journalisten einem wichtigen Anzeigenkunden einen Gefallen zu tun –  was der Chefredakteur Thomas Fricker bestreitet? Der vermisst übrigens „Sinn für Maß, Gewichtung und Differenzierung sowie Fairness gegenüber den Betroffenen“, meint als Leidtragende aber die Inhaber des Bettenhauses. Mehr Sinn für Maß und Differenzierung wünschen die Freischreiber der Redaktionsleitung und dem Verlag der Badischen Zeitung.

Das betrifft auch das Thema „innere Pressefreiheit“. Kollege Serger wollte einen anderen Schwerpunkt setzen. Die Chefredaktion war damit nicht einverstanden. Sie hätte den Konflikt aushalten können um der Pluralität willen. So hätte eine Debatte entstehen können, geführt in der Badischen Zeitung und auf anderen Kanälen. Rede und Widerrede, das wünschen wir uns doch. In einer Zeit, wo unser Berufsstand unter Rechtfertigungsdruck steht, können wir Journalist*innen – Redakteur*innen, Redaktionsleiter*innen, Freie – es uns nicht leisten, so miteinander umzugehen.

Dornbusch Medien AG

„Das Medienhaus für guten Journalismus“: So stellt sich die Dornbusch Medien AG auf ihrer Website dar, die mehrere Wochen- und Monatsmagazine in der Schweiz herausgibt. Sie selbst verhält sich gegenüber freien Journalist*innen aber alles andere als gut.

Mindestens 20.000 Franken schuldet der Verlag seinen Freien, schätzt die Schweizer Journalistengewerkschaft Syndicom. Die Dunkelziffer wird noch höher eingeschätzt. Manche warten seit Wochen, einige seit Monaten auf ihr Geld.

Die Masche ist offenbar immer gleich: Erst läuft der Kontakt mit der Redaktion gut. Haben die Freien ihre Texte aber abgegeben, passiert – nichts. „Die Redaktion hat nicht auf meine Rechnungen reagiert, auch nicht auf eine per Einschreiben versandte Mahnung“, schreibt uns ein betroffenes Freischreiber-Mitglied.

Die Situation ist so ernst, dass sich einige Betroffene zu etwas entschlossen haben, das in unserer Branche äußerst selten passiert: Sie protestierten Ende Juni vor dem Verlagssitz in Dättwil. In Anspielung auf die spirituellen Titel des Verlags riefen sie Parolen wie: „Du sollst deinen Nächsten bezahlen wie dich selbst!“ oder „11. Gebot: Zahle deine Schulden!“

Das Verhalten ist ein besonders krasser Fall. Aber ein Einzelfall ist es nicht. Auch hierzulande hören wir immer öfter von Medienhäusern, die Rechnungen verschleppen. Wir fragen uns: Ist es den Redaktionen und den Verlagen schlicht egal, dass sie freie Journalist*innen mit ihrer Zahlungs-Unmoral in existenzielle Nöte bringen? Steckt Gleichgültigkeit dahinter oder ein System? Wo verläuft die Grenze zwischen Wurstigkeit und krimineller Energie?

Zum Schluss noch eine Frage an uns Freie: Warum finden sich immer wieder Autorinnen und Autoren, die sich das antun? Warum arbeiten wir für Häuser, die in der Vergangenheit beim Bezahlen geschlampt haben? Leute, lasst es! Ihr habt etwas Besseres verdient.

Hamburg, 23.10.2019