Maren Urner: „Perspective Daily“ baut auf einen steten Austausch zwischen Autoren und Mitgliedern

„Perspective Daily“ nennt sich ein neues, ambitioniertes Projekt aus Münster. Das Konzept sieht vor, „mit konstruktivem Journalismus nicht nur Probleme zu beschreiben, sondern auch Lösungen zu diskutieren, Hintergründe und Zusammenhänge zu vermitteln“. Noch bis zum 28. März läuft eine Crowdfunding-Kampagne, um 12.000 Mitglieder zu gewinnen. Wie die Redaktion mit Autoren arbeiten und Mitglieder einbeziehen will, erläutert Mitgründerin Maren Urner im Interview.

Freischreiber: Perspective Daily will konstruktiven Journalismus, also lösungsorientierte Berichterstattung bieten. Liefern vorhandene Medien wirklich zu wenig davon?

Maren Urner: Es gibt auch jetzt schon konstruktive Beiträge in den Medien – sie gehen jedoch oft im Rauschen der übrigen Artikel unter und kommen nicht mit einem Sticker „Dies ist ein konstruktiver Beitrag“ daher. Kaum jemand hat Zeit sich jeden Tag stundenlang auf die Suche nach diesen Beiträgen zu begeben.

Wäre es dann nicht hinreichend, diese Beiträge zu kuratieren?

Sehr hilfreich, ja, aber nicht hinreichend. Wir sind der festen Überzeugung, dass konstruktiver Journalismus eine wichtige Rolle in der Medienlandschaft spielen sollte. Erfolgreiche Projekte im Ausland zeigen, dass Menschen eine fundierte und lösungsorientierte Berichterstattung wollen – und auch bereit sind, dafür zu zahlen. Hinzu kommt, dass die Arbeitsweise von Perspective Daily auch in anderen Bereichen „anders“ ist: Zum Beispiel spielt interdisziplinäre Teamarbeit von Fachmenschen und Laien eine wichtige Rolle.

Sie planen, Leser zu Mitgliedern zu machen – wieviel Mitbestimmung und Mitwirkung wünschen Sie sich von ihnen?

Sehr viel. Wir bauen auf einen steten Austausch zwischen Autoren und Mitgliedern, nicht nur bezüglich der Themenwahl, sondern auch der Recherche. Unter 12.000 Mitgliedern gibt es immer jemanden, der sich mit einem Thema bereits intensiv auseinander gesetzt hat, darin arbeitet oder forscht. Warum auf diesen Wissensschatz verzichten? Und wir regen die Diskussion unter den Mitgliedern an.

Was bedeutet das denn für den Aufbau der Redaktion und die Arbeit Ihrer Autoren und freien Mitarbeitern?

Perspective Daily besteht aus einer Kernredaktion von Autoren, die sich jeweils einem Thema widmen und mit Wissenschaftlern und Fachmenschen im Austausch stehen. Wichtig ist dabei, dass die Autoren Fachkenntnisse und Leidenschaft für ihr Thema mitbringen. Ein Teil der Arbeitszeit jedes Autors ist für den Austausch mit den Mitgliedern eingeplant, die Kommentare werden also nicht vom Praktikanten oder nach Feierabend beantwortet.

Müssen Journalisten, die für Perspective Daily arbeiten, zur Umsetzung des konstruktiven Journalismus neu geschult werden?

Konstruktiver Journalismus definiert sich über die generelle Haltung, undogmatisch und offen an Fragestellungen heranzugehen. Es geht bei der Arbeit von Perspective Daily nicht in erster Linie um das Aufdecken von Skandalen – vieles ist bereits bekannt – sondern um mögliche Wirkungen und damit um die Frage: Leiste ich mit meiner Arbeit einen konstruktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion zum Thema? 
Eine „Neuschulung“ von Journalisten für Konstruktiven Journalismus ist nicht nötig. In unseren ersten Redaktionssitzungen saßen auch einige erfahrene Journalisten, die sehr angetan von der Diskussionskultur und dem konstruktiven Austausch waren. Die Dänin Cathrine Gyldensted, eine der Pionierinnen auf dem Gebiet, beschreibt die Methoden des konstruktiven Journalismus gern als zusätzliche Werkzeuge, die jeder Journalist nutzen kann. Wichtig ist vor allem, die richtigen Fragestellungen zu entwickeln.

Welche Qualitätsmerkmale muss konstruktiver Journalismus (vor allem) haben – und wie wollen Sie diese Qualitäten sichern?

Es gelten die gleichen qualitativen Anforderungen wie an den „klassischen“ Journalismus. Er muss gut recherchiert und kritisch sein. Gerade auch, wenn es um die Diskussion von Lösungen gibt, sodass er nicht als PR für Einzellösungen daher kommt. Darüber hinaus ist eine ausgewogene Berichterstattung wichtig, die negatives und positives zeigt und dabei auch Grautöne wahrnimmt. Bei uns wird dies insbesondere durch eine ausführliche Recherche gesichert, in der unsere Autoren offen an eine Fragestellung herangehen – ohne Scheuklappen und Wunschergebnis im Kopf.

Wie sehr ist konstruktiver Journalismus auf wirtschaftliche Unabhängigkeit angewiesen?

Ich bin mir nicht sicher, was Sie mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit meinen. Perspective Daily möchte von seinen Mitgliedern abhängig sein, nicht aber von Werbekunden oder großen Investoren. Schon allein die Einbindung von Werbung hat nachweislich einen Effekt auf die redaktionellen Inhalte. Daher bevorzugen wir die Finanzierung durch die Mitglieder.

Das Interview führte Henry Steinhau