Mit uns zieht die neue ZEIT?

Im April hatten wir an dieser Stelle über einen Versuch des ZEIT-Verlags berichtet, freien Autoren einen neuen Rahmenvertrag überzustülpen. Als zahlreiche Autoren dagegen protestierten, zog die ZEIT den Vertrag zurück und legte eine überarbeitete Fassung vor. Für Freischreiber war dies ein erster Schritt in die richtige Richtung. Hier unser Antwortbrief an den Chefredakteur der ZEIT: „Sehr geehrter Herr di Lorenzo, kürzlich haben Sie uns eine überarbeitete Version des Autorenvertrags der ZEIT übersandt. Damit haben Sie auf den Unmut von mehr als 50 freien Autorinnen und Autoren der ZEIT reagiert, die sich mit unserer Hilfe vernetzt und in einem Brief deutlich gemacht haben, dass die erste Version des Autorenvertrags für sie nicht hinnehmbar ist. Auch der neue Vertragsentwurf wurde auf unserer Mailingliste wieder kontrovers diskutiert. Dass die ZEIT überhaupt auf den Einspruch ihrer Autorinnen und Autoren reagiert und einen unzumutbaren Vertragsentwurf überarbeitet, ist bei vielen der bei uns engagierten ZEIT-Autoren auf Anerkennung gestoßen. Auch der Vorstand von Freischreiber hält die Überarbeitung des Vertrags für eine wichtige Geste, mit der die ZEIT deutlich macht, dass sie als Autorenblatt die Rechte ihrer Autoren achtet. Wir Freischreiber freuen uns sehr darüber, dass ein Verlag Abstand davon nimmt, freie Autoren mit Total Buy Out-Klauseln zu enteignen, und sich statt dessen im neuen Vorschlag dazu bekennt, dass jede Nutzung eines Textes vergütet werden muss. Wir halten das brachiale Vorgehen vieler anderer Häuser für nicht zukunftsfähig, weil es dem Journalismus substantiell schadet. Es ist deshalb auch für die Zukunft der gesamten Branche ein wichtiges Zeichen, dass die ZEIT nun deutlich macht, dass es auch anders geht. Durch Ausbeutung kann keine Qualität zustande kommen. Deshalb ist die Überarbeitung des Vertrags das richtige Signal. Wir erkennen an, dass der Verlag bereit ist, diejenigen, die Artikel recherchieren und schreiben, an den Erlösen der Mehrfachverwertung zu beteiligen. Das ist ein Ansatz, der sich wohltuend von dem unterscheidet, was heute Usus ist, und das würdigen wir. Perfekt ist aber auch der neue Vertrag nicht. Und zwar nicht, weil Kompromisse immer wehtun und sich beide Seiten für sie bewegen müssen. Auch nicht, weil es vielleicht fair wäre, die Autoren mit mehr als 40 Prozent aus den Erlösen der Mehrfachverwertung ihrer Texte zu beteiligen. Perfekt ist der Vertrag deshalb nicht, weil selbst unter den neuen Bedingungen noch viele Szenarien denkbar sind, die freien Journalisten schaden. Dazu gehört zum Beispiel, dass Texte an Dritte zu Ramschpreisen weitergegeben werden – dann sind 40 Prozent von ein paar Euro kein Trost. Schlimmer noch: Wenn Verlage im Zuge von Content-Partnerschaften Texte hin und her schieben, scheinen auch hier die Autorinnen und Autoren leer auszugehen. Zudem fehlt die Verpflichtung, den Autoren gegenüber transparent darzulegen, was mit ihren Texten jeweils geschieht und wo diese erscheinen. Zugleich fehlt die Möglichkeit, zu widersprechen, wenn das eigene Werk verramscht oder an Publikationen weiter verkauft wird, mit denen man seinen Namen eigentlich nicht in Verbindung bringen möchte. Erst wenn gegenüber den Autoren volle Transparenz darüber hergestellt wird, in welchem Kontext und zu welchen Bedingungen ihr Werk weiter verwertet werden soll, würden wir ein Vertragswerk als wirklich fair bezeichnen. Trotzdem wollen wir nicht zu viel Wasser in den Wein gießen und erneut „Niemals“ oder „Boykott“ rufen. Wie sich die neuen Verträge in der Praxis bewähren, muss sich erst noch zeigen. Es spricht auch nichts dagegen, dass neu verhandelt wird, wenn eine Seite das Gefühl hat, mit einem Ergebnis gar nicht leben zu können. Wir hoffen, dass auch andere Verlage sich von den Zeichen der ZEIT inspirieren lassen und gehen davon aus, dass diese Entwicklung der Beginn eines Prozesses ist, dem sich viele anschließen. Wir sind gerne bereit, diesen Prozess konstruktiv mitzugestalten, mit der ZEIT ebenso wie mit anderen Verlagen. Dass dies ein Stück weit gelungen ist, freut uns. Mit freundlichem Gruß Kai Schächtele” P.S. Inzwischen gibt es Meldungen von Freien, die aufgrund des neuen Vertrages nur marginale Verbesserungen erkennen können – so gibt es z.B. statt null Euro Nachdruckhonorar 50 Euro (!) für einen 10.000-Zeichen-Text. Deshalb sollten die Autoren weiter ihre Erfahrungen über unsere Mailingliste austauschen. Wir kommen dann zu gegebener ZEIT auf die Angelegenheit zurück.