Springer? 1,70 Euro pro Zeile! Äh … Anteilsschein!

Die Stimmung in der Vorstandsetage des Axel Springer-Verlags stellen wir uns ziemlich spritzig vor. Schließlich kommt man da gar nicht heraus aus dem Champagnertrinken: Auch für dieses Jahr rechnet das Unternehmen wieder mit einer Steigerung des Gewinns gegenüber dem Vorjahr, der da 289 Millionen Euro betrug. Gewiss – es könnte noch etwas mehr sein. Aber mit so einem Sümmchen lässt sich schon einiges anfangen. Zum Beispiel den Aktionären pro Anteilsschein die Rekorddividende von 1,70 Euro auszuzahlen. So ist es geplant. Die freien Mitarbeiter im Print-Sektor werden dagegen weiterhin mit ihrem ausgespülten Senfglas zum Wasserhahn schlappen müssen. In Hamburg etwa – so sickerte gerade durch – wurde passenderweise genau am Tag der Verkündung der Gewinnprognose den Freien der dortigen Regionalausgaben von WELT und WELT AM SONNTAG die Kürzung ihrer Honorare bekannt gegeben. Gab es vor einigen Monaten für sie eine moderate Erhöhung des Zeilengeldes auf etwa 1,10 €, sollen sie jetzt wieder für 82 Cent die Zeile schreiben dürfen. So viel wie übrigens auch die freien Kollegen beim HAMBURGER ABENDBLATT seit langem bekommen. Dass vor inzwischen auch schon wieder zweieinhalb Jahren unter Beteiligung auch des Springer-Verlags die gemeinsamen Vergütungsregeln für Tageszeitungen verabschiedet wurden, die für alle drei Blätter Sätze deutlich über den von Springer gezahlten Honoraren vorsehen, ignoriert man einfach. Das wundert nicht nur ob der durchaus ansehnlichen Gewinne des Verlags. Noch verwunderlicher wird es, bedenkt man das große Geschrei von Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer „Public Affairs“ bei Springer. Der lobbyiert seit nun ziemlich genau drei Jahren vehement für ein Leistungsschutzrecht der Verlage – und begründet das damit, dass die Leistung der Kreativen auch im Internet bezahlt werden müsse (hier sein Blog mit jeder Menge Einträgen dazu). Mit „den Kreativen“ allerdings meint er nicht die eigentlichen Urheber – die Journalisten -, sondern die Verlage, die über das Leistungsschutzrecht gerne ein bisschen mehr Geld verdienen würden. Und während man in Berlin noch kräftig für diese praktische neue Einnahmequelle wirbt, kürzt man den Freien die Honorare. Bigotter geht‘s nimmer. Aber natürlich wollen wir wissen, ob der Verlag wirklich so schlimm ist. Schließlich haftet dem Imperium ein schlechter Ruf an wie sonst nur Bayern München oder der FDP. Vielleicht sind die Redaktionen in Wahrheit ja ganz nett zu ihren Freien? Zahlen Ausfallhonorare, zahlen für die Zeilen so wie bestellt und nicht nur wie sie abgedruckt wurden? Beteiligen ihre Autoren an der Online-Version ihrer Texte und lassen sich auch nicht lumpen, wenn Texte aus der WELT zu WELT KOMPAKT hinüber wandern? Übernehmen selbstverständlich Fahrtkosten und sind spendabel, wenn der freie Sportreporter nach 90 Minuten noch in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschießen muss und der Arbeitstag nicht enden will? Weiß man‘s? Deshalb wollen wir jetzt Fakten und Erfahrungsberichte sammeln über Zeilenhonorare und Vergütungen. Dafür haben wir eine Mailingliste eingerichtet, unter der Springer-Autoren (auch Nicht-Mitglieder von Freischreiber) diskutieren und sich auf den Stand der Dinge bringen können. Hier kann man sich auf der Liste eintragen. Natürlich haben wir ein Auge darauf, wer sich darauf versammelt, damit alle Autoren sicher sein können, sich in enem geschützten Rahmen austauschen zu können. Denn wie hat der Verlagsgründer Axel Cäsar Springer, der am 2. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, einst gesagt: „Ich weiß, dass zum Erfolg der Mitwirkende, der Mitdenkende und Mitfühlende nötig ist, dem ich nie aufhöre zu danken – übers Grab hinaus.