Süddeutsche Zeitung: Enteignung freier Journalistinnen und Journalisten durch Knebelverträge

Die Süddeutsche Zeitung verschickt derzeit neue Knebelverträge an ihre freien Autorinnen und Autoren. Die unterzeichnenden Kolleginnen und Kollegen erklären sich bereit, sämtliche Verwertungsrechte exklusiv an den Verlag abzugeben.

„Damit wird die Mehrfachverwertung von Texten, welche die einzige wirtschaftliche noch tragfähige Grundlage für die Arbeit für Tageszeitungen darstellt, zunichtegemacht”, sagt Dr. Carola Dorner, Vorsitzende des Berufsverbands Freischreiber. „Wer nicht unterschreibt, bekommt keine Aufträge mehr.”

Daher fragt Freischreiber den Süddeutschen Verlag:
Wo landen unsere Texte?

Das Verbreitungssystem der Süddeutschen Zeitung ist in etwa so transparent, wie das verschicken von Artikeln per Ballon- oder Flaschenpost. Darum hat Freischreiber heute gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der dju (ver.di) vor dem SZ-Verlagsgebäude grüne Ballons steigen gelassen und bittet die Öffentlichkeit um Hilfe. Auf den daran befestigten Postkarten fragen die freien Autorinnen und Autoren:

„Wo landen unsere Texte?“

Freie Journalisten brauchen Ihre Hilfe! Da unsere Texte vom Süddeutschen Verlag in immer mehr Himmelsrichtungen verteilt werden, ohne dass wir Autoren finanziell beteiligt oder informiert werden, brauchen wir jetzt Ihre Hilfe! Am _______ haben wir diesen Text vor dem Haus der Süddeutschen Zeitung losgelassen. Wo ist er gelandet? Schicken Sie uns diese Karte zurück, mit der Angabe, wo Sie diesen Text von _______________ entdeckt haben. Schreiben Sie uns:

Freischreiber e.V., Hoheluftchaussee 53a, 20253 Hamburg

Weiterer Kritikpunkt: Wie die Süddeutsche Zeitung die Texte weitervermarktet und welche Gewinne dabei erwirtschaftet werden, bleibt für den Autor selbst intransparent. Eine Gewinnbeteiligung ist nicht vorgesehen.

Besonders trifft es die Kollegen und Kolleginnen, die für Schweizer Zeitungen schreiben: Denn ein Kooperationspartner der SZ ist der Schweizer Tagesanzeiger. Damit wird es für SZ-Autoren, sehr schwierig bis unmöglich, für den Schweizer Markt zu arbeiten.

Früher war es ein Qualitätsmerkmal, SZ-Autor zu sein, das einem so manche Tür geöffnet hat. Heute ist das Gegenteil der Fall. Große Schweizer Medienhäuser stellen ihre Autoren inzwischen vor die Wahl. Wer für die SZ schreibt, bekommt keine Aufträge mehr. Logisch. Der SZ-Text des Autors ist ja im Zweifel in der Schweiz längst mehrfach erschienen. Kostenlos.

Im April haben wir der Süddeutschen Zeitung den Höllepreis 2017 verliehen. Die Antwort der Chefredaktion: Wir haben keinen Gesprächsbedarf, aber Sie können uns den Preis gerne schicken.

Heute haben wir den Höllepreis 2017 zur Süddeutschen Zeitung gebracht. Die Chefredaktion hatte wie immer keine Zeit für ihre freien Autorinnen und Autoren. Man sieht nach wie vor keinen Gesprächsbedarf…

     

15. September 2017