Tanz in die Zukunft

Sie schauten schon etwas ratlos, die Mieter und Nutzer im Berliner Betahaus, als sie neulich Samstags spät in der Nacht beladen mit letzten Bits und Bytes ihren Arbeitsplatz verließen und nach Hause strebten: Was waren das bloß für Leute, die da in ihrem plötzlich grün ausgeleuchteten Cafe tanzten und scherzten? Erkennbar nette Menschen, gut angezogen und guter Stimmung, äußerst freundlich gestimmt und wie von einer Wolke aus Stolz und Entschlossenheit umhüllt. Es waren Freischreiberinnen und Freischreiber und ihre Freunde, die anlässlich der Freischreiber-Party zum fünfjährigen Jubiläum ausgelassen in die Nacht tanzten und offenbar beste Laune hatten.

Der Sparten-Jobatey

Aber von vorne, zurück an den Anfang des Abends, denn da saßen noch all die Gäste und Kollegen und Juroren und natürlich die Freischreiber selbst sehr wohlgeordnet und still auf Stühlen und lauschten zunächst der sehr pointierten und lustigen Geburtstagsrede von TV-Moderator Jan Böhmermann, selbst seit 18 Jahren freier Journalist: “Freie Journalisten haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Sie sind nicht festangestellt!” – so sein Credo. Und er fasste die Aufgabe von Freischreiber recht hübsch zusammen: “Freischreiber gibt freien Journalisten keine Stimme – die meisten haben ja eine laute, schrille, meinungsstarke. Aber Freischreiber kann dafür sorgen, dass die vielen unterbezahlten und die wenigen überbezahlten Stimmen nicht durcheinanderquasseln, wenn es um existentielle Belange und die Rechte Freier Schreiberinnen und Schreiber geht.”
Okay – wenig überraschend war’s, dass sich bei der anschließenden Verleihung des Himmel- und Hölle-Preises niemand vom “Bonner Generalanzeiger” blicken ließ, der diesmal in die Hölle geschickt wurde. Dann fahren die Freischreiber eben nach Bonn und bringen ihn hin – so viel Mühe muss sein.

Es wurde viel geküsst

Gleich mehrfach konnte dagegen beobachtet werden, wie der Textchef des “Cicero” Georg Löwisch hingebungsvoll die Preisskulptur küsste, die für den Himmel-Preis und damit für einen fairen und vorbildlichen Umgang mit freien Journalisten steht. Der Preis scheint in sehr guten Händen zu sein.
Noch dabei: Rückblicke auf die Gründung vor fünf Jahren, geschmückt mit allerlei persönlichen Anekdoten und Fotos deren, die damals den Verband gegründet haben und die zeigten: Wirklich gealtert ist niemand. Und nicht zuletzt gab es noch die Vorstellung der “Freien-Bibel”, dem Handbuch des freien Journalismus, verfasst von Freischreibern und Freischreiber-Sympathisanten, das bald auf keinem Freien-Schreibtisch mehr fehlen dürfte.
Dann aber wurden in Windeseile die Stühle beiseite geräumt, die Regler hochgezogen, die Musik aufgedreht. Hand aufs Herz: Gibt es irgendwo in diesem Lande einen Berufsverband, wo der Alterspräsident völlig zurecht weil mit allen Wassern des Pop gewaschen am DJ-Pult steht? Na also …
Und wäre es Sommer gewesen, die Sonne hätte sich gezeigt, als die letzten erschöpft, aber selbstverständlich glücklich die Party verließen.
Und was geschieht in den kommenden zwölf Monaten bis zur nächsten Party? Na, wir machen so weiter. Nur noch besser.