Wolf Lotter. Foto: Sarah Esther Paulus

Wolf Lotter: Welche Freiheit wollen wir?

“Ihr seid keine Mitglieder, keine Mitarbeiter und keine Mitläufer. Ihr seid Selbstbestimmer”, sagt Wolf Lotter in seiner Keynote zur Verleihung des Himmel- und Höllepreises. Zum Nachlesen hier die Rede in voller Länge.

Liebe Freischreiber,

Es ist mir eine große Freude und Ehre, dass ich heute hier bei Ihnen, bei Euch sein darf.

Ich will heute über die Freiheit reden, den entscheidenden Namensbestandteil der Freischreiber. Und über die Befreiung, die wir in unserer Kultur so gerne mit der Freiheit verwechseln. Das führt zu Problemen und Fehleinschätzung und viel Ärger, wie ich glaube. Vor allen Dingen zu Stillstand.

Für diese genaue Unterscheidung zwischen Befreiung und Freiheit gab es immer gute Gründe, heute wieder, in Zeiten, in denen beides, wie mir scheint, von allen Seiten bedroht wird. Das gilt nicht nur für die Weltpolitik, sondern auch das Innere dieses Landes und seiner Kultur.

Warum muss man das eigentlich machen?

In Freiheitsfragen waren die Deutschen von jeher ein sehr genügsames Völkchen, und das sind sie auch geblieben.

Das war natürlich immer wieder ein Problem, aber eines, das sich ignorieren ließ. Die Deutschen waren gerne Untertanen, die taten, was man ihnen sagte, dafür waren sie weltberühmt. Revolutionen empfahlen sie stets nur den anderen. Veränderungen beobachtete man. Selbst hielt man sich lieber an die Vorschriften. Daran hat sich nichts Wesentliches geändert – außer den Rahmenbedingungen natürlich. In der Wissensgesellschaft sind Mitläufer aber nicht mehr zu gebrauchen. Wir brauchen Selbermacher.

Damit sind wir schon beim zweiten Grund, warum wir über die Freiheit reden sollten.

Ganz profan liegt der darin, dass die  Freischreiber den wesentlichen Sinnbestandteil von Befreiung und Freiheit im Namen tragen.

Ich sehe die Freischreiber als wichtigen Gegenpol zum redaktionellen Establishment, zu jener überholten Organisationsform von Medien, die einen wesentlichen Teil dessen ausmacht, was man Medienkrise nennt.

Es ist eben nicht nur, wie das Management behauptet, die Anzeigenkrise und die Krise des Lesen und die Krise der geteilten Aufmerksamkeit. Es ist eine Krise einer überholten Organisation, eines korporatistischen Selbstverständnisses der sogenannten „Medienmacher“, jedenfalls vieler.

Wolf Lotter. Foto: Andreas Hornoff.

Wolf Lotter. Foto: Andreas Hornoff.

Was dabei herauskommt, ist die Medienkrise: Aus einem freien und einst freiheitsliebenden  Beruf ist vielfach eine Verwaltungstätigkeit geworden, bei der die kreative Arbeit von der Bürokratie überwacht – und auch beurteilt wird. Es sind naturgemäß nicht die kreativsten Kollegen, die dafür in Betracht kommen, sondern die, die sich für bürokratische Tätigkeiten am besten eignen.

Billy Bragg hat einmal ein Album mit einem genialen Titel gemacht: Talking with the taxman about poetry. Das ist sinnlos, aber genau das, was passiert, wenn Kreative mit Verwaltungsfachkräften zusammenstoßen.  Dagegen sollte man zunächst eine Befreiungsbewegung etablieren, die solcher Anmaßung entgegentritt. Die könntet ihr sein und damit zum Fundament dessen werden, was nach der Medienbürokratiekrise zum neuen Fundament guten Journalismus wird, Kreativität statt Kontrollismus. Vorher müsst ihr euch aber mit der Macht anlegen, auch wenn die blass geworden ist.

Was Macht ausmacht, ist ja immer auch der Zugriff auf Ressourcen, in diesem Fall Medien und Honorare, und vor allen Dingen das Privileg, die Regeln zu bestimmen – und damit auch über die Arbeit- und Lebenszeit anderer Leute. Macht ist eine Maschine, hat Lewis Mumford richtigerweise erkannt, also ein Mechanismus, innerhalb dessen ganz automatisch Prozesse ablaufen.

Mumford lehrt weiter: Der Treibstoff für diese Maschine, die die einen unfrei macht und den anderen Privilegien und Verwaltungsjobs ermöglicht, war immer der gleiche in der Menschheitsgeschichte: Religionen oder und die sogenannte Kultur. In Deutschland ist es unsere Untertanenkultur, das Sicherheitsdenken, das Mitläufertum, der neurotische Zwang, sich organisieren zu lassen, aber an der Selbstorganisation, an der Selbstermächtigung zu scheitern.

Das geschieht in allen politischen Lagern so selbstverständlich, dass manche es für ganz normal halten. Sich selbst organisieren ist aber etwas anderes als sich von Mechanismen organisieren zu lassen, wofür es in der deutschen Sprache das schöne Wort Sachzwang gibt. Ein Bürokrat hat immer einen Sachzwang.

Graphic Recording: Clara Roethe.

Graphic Recording: Clara Roethe.

Ein Befreiungskampf wird also zuerst diese Kultur, diese angelernte Mentalität, zur Seite schieben müssen. Dass bedeutet aber auch den Abschied von liebgewordenen Klischees, vor allen Dingen den eigenen.

Eine Befreiungsbewegung hat natürlich ihre guten Gründe: Viele treibt der Ärger über die Ungerechtigkeit, dass die, die das mediale Kernprodukt, den Inhalt, liefern, in der Nahrungskette weit unterhalb derer angesiedelt sind, die diese Inhalte verwalten.

Das aber ist nun in unserer Gesellschaft nichts Außergewöhnliches. Kreativität und Wissensarbeit haben in Deutschland Nachrang. Das hier ist eine sklerotische Industriegesellschaft, die in industriellen Dimensionen denken kann, aber weiter.

Diese Dimensionen bevorzugen von jeher die Bürokratie, also jene, denen es gelingt, die Erträge der Produktivität und Kreativität anderer Leute durch Gesetze, Regeln, Vorschriften – auf neudeutsch Compliance – für sich zu beanspruchen. Das ist möglich, weil jede entwickelte Industriegesellschaft ihrer Struktur nach solche Bürokratien bevorzugt. Max Weber hat das das stahlharte Gehäuse genannt. Bohren wir’s auf, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Erstens: Warum glauben Angestellte eigentlich, was Besseres zu sein.

Der große Siegfried Kracauer hat das schon 1930 erkannt hat. Kracauer stellte fest, dass die Angestellten die Nachfolge der Beamtenschaft des alten Feudalsystems antraten, Leute, die sich auf einer Stufe mit den Herrschaften, den Gesellschaftern und Eigentümern, den Managern und Direktoren, glaubten. Butler oder Büttel des Systems, was euch lieber ist. Gegenüber den Arbeitern und anderen Klassen und Schichten grenzten sie sich immer massiv ab.

Verräterisch dafür ist das in Angestelltenkreisen beliebte Wort „Augenhöhe“, mit dem man in Deutschland beschreibt, dass man gerne gleich wäre – denn nur Gleichheit kann gerecht sein. Schon das ist Unfug. Einem Menschen werde ich nur durch Differenzierung gerecht, in Anerkennung seiner Unterschiede. Das muss niemanden benachteiligen und schlechterstellen, wie man hier immer noch glaubt. Es ist sogar wichtig für den Befreiungskampf, dass wir das endlich verstehen. Denn nur so kann das Selbstbewusstsein als Kreativer, als Wissensarbeiter, gestärkt werden.

Da gibt es dann immer Abwehrreaktionen: Soviel Freiheit wollte man gar nicht. Dahinter steckt allerdings kein emanzipatorischer Ansatz, sondern meist bloß das dumbe Motiv, haben zu wollen, was der andere hat. Der Augenhöhe Trick sorgt dafür, dass man sich mit Nebensächlichkeiten beschäftigt.

Das wird sich allerdings ändern. Die Zeiten ändern sich sogar hier.

Der Managementkapitalismus, der Angestelltenkapitalismus, ist ein massives gesellschaftliches, ökonomisches und politisches Problem, auf den ich versuche seit vielen Jahren in meinen Arbeiten bei brand eins hinzuweisen. Er ist die entscheidende Barriere beim Sprung in die offene Gesellschaft, und er ist das große Hindernis auf dem Sprung zu einer Wissensökonomie, die Selbstständigkeit und Emanzipation fördert.

Der Angestelltenkapitalismus kann es nicht leiden, wenn nicht in Abteilungen, Gruppen, Kohorten und Massen gedacht wird. Er ist eine Gesellschaftsform, in dessen Mittelpunkt der Kontrollwahn steht. Es genügt nicht, sich selbst zum Untertanen zu machen. Man will auch selber welche. Das ist, kurz, aber offen gesagt, die Persönlichkeitsstörung, mit der wir es zu tun haben.

Die Frage ist: Wollen wir so werden wie die?

Wollen wir Angestellte werden?

Nicht wenige würden das mit dem Augenhöhe Argument dieser Bürokratenschicht beantworten: natürlich, klar, gerne. Wir wollen, was die haben. Mindest- oder Standardhonorare, eine Art Tarifvertrag, Gleichheit!

Wer das fordert, glaubt, etwas Gutes zu tun – macht sich aber gleich zum Totengräber der Idee. Es kann nicht die Aufgabe eine Befreiungsorganisation sein, sich nach getaner Arbeit – und es ist viel zu tun – damit zufrieden zu geben, nun seinen Platz im alten Regime gefunden zu haben.

Es genügt auch nicht, dass man nach alter Manier immer ein wenig Druck aufbaut, und dass man dann Schritt für Schritt kleine oder auch mal größere Reformen im vorherrschenden System erzielt.

Sigfried Kracauer hat, in Bezug auf die Strukturen der Angestelltengesellschaft, geschrieben, dass es „nicht darauf ankommt, dass die Institutionen geändert werden, sondern dass Menschen die Institutionen ändern.“

Insofern geht es, bei allem Ärger über die Bürokratie, nicht darum, gegen das Establishment und seine Träger zu kämpfen, sondern bessere Alternativen zu entwickeln.

Selbstermächtigung ist kein Mitarbeitergespräch.

Der Schlüssel der Befreiung ist die technische, organisatorische, menschliche Überlegenheit des Modells selbständiger, kreativer, individueller und origineller Wissensarbeit.

Wir sind die Zukunft, und die Vergangenheit wehrt sich dagegen natürlich. Vergeuden wir aber so wenig Kräfte wie möglich damit, dass die alten Institutionen geändert werden, konzentrieren wir uns lieber darauf, neue Modelle zu entwickeln, die wirklich in die Wissensgesellschaft passen. Denn das Neue muss beweisen, dass es besser ist als das Alte. Das gilt auf allen Ebenen. Solange Freie sich benehmen wie Leute, die auf eine Festanstellung warten, wird das nicht funktionieren. Wir sind Unternehmer, Selbermacher, keine „unselbständig Erwerbstätigen“ oder, ein verräterisches deutsches Wort, „Beschäftige“, also Leute, denen man sagen muss, was sie zu tun haben, damit der Tag nicht zu lang wird.

Freiheit aber ist ein konstruktiver Akt. Freiheit wird nicht gewährt. Man nimmt sie sich. Und sie passt zu einem. Freiheit ist keine Kopie, sondern immer unser Original.

Nochmals, weil es so fern ist von unserer Kultur:

Emanzipation im deutschen Sinne bedeutete immer, dass man das kriegt, was die anderen haben, und nicht das, was für einen selbst das beste wäre.

Dieses schlichte Bild von Gleichheit, das in unserer Kultur eingebrannt ist, ist eine der wichtigsten Ursachen für den Stillstand der Entwicklung.

Schauen wir uns das mal ruhig ein wenig näher an. Die Frage, was geschieht, wenn man sich erst mal von fremden Zwängen und Regeln befreit ist, ist uralt. Sie beschäftige Menschen eigentlich immer schon: Jetzt, wo der König tot ist, der Tyrann besiegt, was jetzt? Die Geschichte der Revolutionen ist auch die Geschichte dieser bangen Frage. Befreiung, das ist der Unterschied, ist noch nicht mal die halbe Miete, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.

Wenn man daran nicht rechtzeitig denkt, wird aus der Befreiungsbewegung schnell die Kopie des Establishments, gegen das man angetreten ist – die Geschichte der Revolutionen ist auch hier klar und deutlich.

Die Frage ist also essentiell? Welche Freiheit wollen wir?

Deutschland ist nach wie vor ein Industrieland, im Kopf, auch wenn die Industrie eine immer geringere Rolle in der Ökonomie spielt. Das liegt daran, dass die Einigung Deutschlands im 19 Jahrhundert unter preußischer Führung ganz eng verbunden ist mit dem Ehrgeiz Preußens, die führende Industriemacht auf dem Kontinent zu werden. Das gelang schließlich ja auch, und Wohlstand und Staatsverständnis haben eine Menge dabei abgekriegt.

Genauso wichtig ist die zentrale Rolle der Industrie im Werk von Karl Marx. Für ihn waren die Maschinen und Automaten, die entstanden, ja nicht nur die Ursache neuen Elends, sondern vor allen Dingen auch eine ungeheure Chance. Der Mehrwert, der durch sie entsteht, würde zu einer „Betätigung der Freiheit“ führen, geradezu zu einer Selbstverwirklichung, die zu einer „Realen Freiheit“ führen würde.

Man kann das kurz sagen: Irgendwann arbeiten Automaten für uns, wir sind dann die lesenden Ex-Arbeiter, von denen Marx träumte.

Am Ende der Fahnenstange stand für Marx eine Freiheit, die eine Gesellschaft von Menschen möglich mache, die „ohne Arbeit, ohne Zwang, ohne äußere Zweckmäßigkeit ein Reich der Freiheit errichten können“, so Marx, das, wie er schrieb „jenseits der Sphäre der eigentlichen Produktion liegt“.

Ich habe in brand eins darauf hingewiesen, wie nahe diese Marxsche Vision dem Paradiesbild der Weltreligionen entspricht, es ist also ein echter Freiheits-Archetyp. Und das ist ja nicht nur im Ergebnis so, sondern auch, und das ist spielentscheidend, auf dem Weg dorthin: Denn um das marxsche Reich der Freiheit oder das Paradies zu erreichen, muss man erst mal das „Reich der Notwendigkeiten“ durchschreiten, wie Marx es nannte. In der Praxis ist der Unterschied zwischen „Sozialismus aufbauen“ und durchs „irdische Jammertal gehen“ also ziemlich unerheblich oder, wenn man so will, nichts weiter als  eine Glaubensfrage, also kein Gegenstand für ein aufgeklärtes Gespräch, wie wir es führen sollten.

Was mir aber noch wichtiger erscheint ist der Umstand, dass es bei dieser Form von Freiheit eben immer nur um die Abwesenheit von Zwängen geht – vom Arbeitszwang, dem Zwang des Erwerbslebens, und auch das alles nur, wenn es ganz optimal läuft.

Persönliche Freiheit, echte Selbstverwirklichung, also das Umsetzen der eigenen Fähigkeiten und Talente so optimal und so unabhängig wie es geht, das ist damit keineswegs gemeint.

Marx war – wie der deutschen Gesellschaft bis heute – das Individuum immer suspekt. Die deutsche Verwechslung von Individuell und Egoistisch ist Legion – sie begegnet mir auf Schritt und Tritt. Diese Kultur hat eine schwere Persönlichkeitsstörung.

Und sie lernt nicht dazu.

Beim Versuch, materielle Freiheit für alle zu organisieren, ganz gleich, wie man die dazugehörige Ideologie auch immer nennen mag, sind wir bislang immer wieder in der Tyrannei gelandet, in der Diktatur, in der Sackgasse, bestenfalls bei jenen Verhältnissen, die wir zu überwinden suchten.

Diese eindeutige historische Erfahrung kann man immer wieder verdrängen, so wie heute, oder man kann die Freiheitsphilosophen auf die Füsse stellen, in dem man sich selbst verantwortlich macht für diesen Weg. Trotzdem glaubt man in Deutschland nicht an die persönliche Freiheit, an die Selbstbestimmung, die Selbstermächtigung des Individuums, also an die Voraussetzungen einer aufgeklärten, offenen Gesellschaft, den Gesetzen der Vielfalt und Differenz folgend, sondern immer lieben an Standards, Normen, Gleichheit.

Befreiungsbewegungen sind nicht genug. Wir brauchen Freiheitsbewegungen.

Befreiung ist das Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist die persönliche Freiheit.

Hannah Arendt  hat geschrieben, es sei eine „Binsenweisheit (…) dass die Sehnsucht nach Befreiung keineswegs identisch ist mit dem Willen zur Freiheit“ – aber „wenn solche Selbstverständlichkeiten so leicht übersehen werden, so deshalb, weil es in der Geschichte viele Befreiungskämpfe gibt, über die wir sehr gut unterrichtet sind, und sehr wenig wirkliche Versuche, die Freiheit zu gründen, von denen wir zudem meist nur in Form von Legenden überhaupt etwas wissen.“

In ihrem großen Buch „on Revolution“ macht Hannah Arendt klar, was das bedeutet: Sie vergleicht darin die Französische Revolution mit dem kurz zuvor stattgefundenen amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Man solle nur dann von einer Revolution reden, wenn ein wirklicher Neuanfang gemacht wird. Wer sich nur von Zwang und Herrschaft befreit, der hat noch keine Revolution gemacht.

Und deshalb, so darf man schlussfolgern, ist die Französische Revolution, die die Europäer so sentimental verehren, gar keine gewesen.

Zum Vergleich, der auch für uns heute, denke ich, wichtig ist:

Die amerikanischen Revolutionäre begehren nicht aus Existenznot gegen die Briten. Es geht den Kolonialisten relativ gut, weit besser als den meisten Europäern damals. Aber die Amerikaner wollen ihre Unabhängigkeit.

Sie wollen auf eigene Rechnung arbeiten. Ihr Kriegsziel ist die persönliche Freiheit und das Recht darauf, dass, was sie erarbeiten, auch weitgehend für sich selbst zu beanspruchen.

Die Französische Revolution hingegen ist idealistisch, moralisierend, sie wird von Kindern der Oberschicht getragen, die sich um die Armen und Entrechteten sorgen. Der echte Revolutionär muss sich aufopfern, denn hier wird ein Befreiungskampf geführt.

Die eigene Freiheit spielt keine Rolle. Und so endet diese Revolution nicht nur im Terror, der völligen Selbstverleugnung, sondern auch im Wiederaufbau einer totalitären Macht.

Darin erkennt Hannah Arendt ein Grundmuster, das sich seither in Europa immer wiederholt, eine Denkart, die sich breit in unserer Kultur verankert hat: Das Ich wird zum Gegensatz des Gemeinwohls: Arendt schreibt: „Alle Terrortheorien von Robespierre bis Lenin und Stalin gehen davon aus, dass das Gesamtinteresse automatisch und ständig in Feindschaft liegt mit dem Eigeninteresse jedes einzelnen Bürgers.“ Zitat Ende.

Das ist die gängige Augenauswischerei falscher Freiheitsbewegungen.

Sie lügt uns vor: Wer sich die Freiheit nimmt, der kann das nur auf Kosten Anderer tun. Das ist das, was man Selbstverleugnung nennt. Und damit kann man keinen Staat machen, in dem die Person wichtiger ist als das System, in dem es lebt.

Diese Selbstverleugnung ist in Zeiten der Wissensgesellschaft geradezu absurd. Denn sie widerspricht nicht nur jeder praktischen Vorstellung einer vielfältigen, unterscheidbaren, differenzierten offenen Gesellschaft, sie ist auch ökonomischer Wahnsinn.

Wissensgesellschaft und Wissensökonomie, deren Teil die Digitalisierung ist,  besteht darin, dass sich Talente, Kreative, Ideen entfalten können. Das sind die Ressourcen dieser Zeit, so wie es in der Industriegesellschaft mal Kohle und Stahl waren. Diese Ressourcen sind an Personen gebunden.

Das ist die erste Lektion, die Befreiungsbewegungen lernen müssen, oder besser gesagt: zur Kenntnis nehmen müssen, um dem ewigen Kreislauf aus Befreiung und Zurückfallen in alte Grundmuster zu entgehen.

Eine freie Gesellschaft baut auf selbstbewussten, selbständigen Menschen auf. Wir aber sind darauf abgerichtet, das Wort Selbst nur in der Kombination selbstsüchtig, selbstgerecht und selbstherrlich zu hören.

Ein Befreiungskampf, bei dem diese falschen Vorstellungen im Kopf sind, endet im Fiasko – also der Wiederholung alter Fehler.

Es braucht also eine echte Revolution.

Die Voraussetzung dafür, dass die Freischreiber sich tatsächlich gegen eine Mehrklassengesellschaft in den Medien – und anderswo – wenden können, die Bedingungen für den Befreiungskampf sind also anders als gedacht nicht der Kampf IM System, sondern der Umstieg auf ein anderes System.

Das ist Neuland. Und das wird schwer. Und es wird dauern. Denn wo das Selbst diskreditiert wird, haben es Freie und Freiheitsliebende  nie leicht gehabt, aus guten, mächtigen Gründen.

Persönliche Freiheit, dass ist nicht nur bei Hannah Arendt das Ziel eines erfüllten, tätigen Lebens.

Persönliche Freiheit erfordert die Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen, die bisher aber immer von anderen definiert wurden – von Schulen, Parteien, Interessensgruppen, Verlagen.

Wie sagte Niklas Luhmann so schön: Zwischen uns und der Veränderung steht unsere Kultur. Verändern wir die, verändern wir auch die Bedingungen der Freiheit.

Freiheit heißt, selbstbewusst zu sein. Das ist die wichtigste und einzig wirksame Waffe jedes Befreiungskampfes.

Das ist euer Job, zumal als Journalisten, die für eine offene Gesellschaft eintreten.

Duckt euch nicht in der Masse weg, seid selbstbewusst, seid selbstbestimmt und seid selbstständig. Und organisiert euch, aber im Bewusstsein, dass ihr aus Persönlichkeiten besteht. Ihr seid keine Mitglieder, keine Mitarbeiter und keine Mitläufer. Ihr seid Selbstbestimmer.

George Orwell verdanken wir – mit der Animal Farm – die beste Beschreibung dessen, was eintritt, wenn man auf halbem Wege schlapp macht – wenn nach der Befreiung nicht der Freiheitskampf für sich selbst folgt, auf dem erst ein besseres Wir nachkommt.

Im Nachwort zu diesem großen Buch, in dem eine große Wahrheit steckt,  hat er geschrieben: Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

Vielleicht habe ich davon Gebrauch gemacht heute. Macht es auch so. Es ist nötig.

Im Freiheitskampf für einen selbständigen Journalismus, der zu einer offenen Gesellschaft passt, müsst ihr das auch tun, immer wieder.

Dafür alles Glück und allen Mut der Welt.

Danke für Ihre, für Eure Aufmerksamkeit.

(c) April 2016 Wolf Lotter