Zehn Jahre Freischreiber: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei!

Freischreiber verleiht zum siebten Mal den Himmel- und Höllepreis. Impulse (Himmel) und Süddeutsche Zeitung (Hölle) ausgezeichnet. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Freischreiber e. V. hat heute in Berlin sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. „Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei“, resümierte die Vorsitzende Dr. Carola Dorner. „Die Zeit der Kämpfe ist es aber noch lange nicht.“

Zum Geburtstag gab es Kekse von Lisa Altmeier und Steffi Fetz (Crowdspondent), Glückwünsche von Tabea Rößner (früher freie Journalistin, jetzt Netzpolitik-Sprecherin, Bündnis 90/Die Grünen), einen grandiosen Freischreiber-Blues von “Bommi” Jo Schneider zu festlichen Ukulelenklängen und schließlich eine leckere Geburtstagstorte.

17.11.2018, 10 Jahre Freischreiber. Foto: Sabine Gudath

Freischreiber setzt sich seit seiner Gründung am 15. November 2008 für ein faires Miteinander zwischen freien Journalist*Innen und Redaktionen ein. „Honorare waren ein großes Thema der letzten Jahre“, so Dorner. „Und es wird auch in Zukunft ein großes Thema bleiben.“ Sie erwähnte das neue Online-Tool des Verbandes, mit dem sich Honorare erstmals nach Medium sortiert und anonym vergleichen lassen. In den vergangenen zehn Jahren hat Freischreiber viel erreicht – unter anderem die Ernennung von Freien-Ombudsleuten bei mehreren Medien (u. a. DIE ZEIT, Spiegel online, P.M.-Gruppe) sowie die Ausarbeitung eines Code of Fairness, den DIE ZEIT, Der Freitag, Krautreporter, Eltern, National Geographic sowie die P.M.-Gruppe unterzeichnet haben. Freischreiber hat sich auch und gegen viele Widerstände dafür engagiert, dass bei der VG Wort der Verlegeranteil bei den Ausschüttungen abgeschafft und die Gelder stattdessen an die eigentlichen Urheber ausgezahlt wurde: die Autor*innen.

Traditionell verlieh Freischreiber den jährlichen Himmel- und Höllepreis. Er zeichnet Redaktionen und/oder Einzelpersonen aus, die sich in besonderer Weise um den freien Journalismus verdient machen – oder diesen schädigen.

Der Himmelpreis ging an das Wirtschaftsmagazin Impulse. „Die Zusammenarbeit ist immer sehr professionell und freundlich, die Redaktion immer ansprechbar, die Honorare fair“, berichtete Freischreiber-Vorstandsmitglied Katharina Jakob. Und ergänzte: „Es mag manchmal nicht einfach sein, faire Honorare zu zahlen, weil die Zeiten rau sind. Aber ihre Freien als Partner zu betrachten und wertzuschätzen, das kann wirklich jede Redaktion.“

Der Höllepreis ging – erneut – an die Süddeutsche Zeitung. Diese hatte Freischreiber schon im vergangenen Jahr mit dem Negativpreis ausgezeichnet, weil sie Texte von Freien ohne jede Vergütung an den Schweizer Tamedia-Konzern (u. a. Tagesanzeiger, Der Bund, Berner Zeitung) weitergibt. „Als erneut preiswürdig hat sich die Süddeutsche Zeitung aber auch durch ihren Kommunikationsstil erwiesen”“, erklärte Freischreiber-Vorstandsmitglied Frank Keil. „Keines unserer Gesprächsangebote nach der Preisvergabe im vergangenen Jahr wurde angenommen. Wenn Zeitungen nicht mehr mit Journalisten reden, dann ist etwas faul an den Arbeitsbedingungen.“

Nominiert für den Himmelpreis waren außerdem das die P.M.-Gruppe sowie das anonyme Autorenkollektiv VG-Info, das die Arbeit der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) seit Langem kritisch begleitet.

Nominiert für den Höllepreis waren zudem die Neue Zürcher Zeitung (wegen Total-Buyout-Verträgen) sowie der WDR (wegen kaum vergüteter Mehrarbeit).

 

17. November 2018

Über Freischreiber:
Freischreiber wurde 2008 von freien Journalist*Innen gegründet. Heute hat der Verband rund 800 Mitglieder. Zu den Service-Leistungen gehören eine Steuer-, Versicherungs- und Rechtsberatung, ein Crashkurs für „Neuschreiber“, ein Tandem-Programm sowie regelmäßige Workshops und Veranstaltungen in den einzelnen Regionalgruppen.

Dem Vorstand gehören an: Dr. Carola Dorner (Berlin), Katharina Jakob (Hamburg), Frank Keil (Hamburg), Gabriele Meister (Mainz), Dr. Jakob Vicari (Lüneburg), Vanessa Köneke (Würzburg), Andreas Unger (München) und Steve Przybilla (Freiburg).

 

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: Freischreiber e. V.
Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten
Kontakt: Heidi Schmidt und Yvonne Pöppelbaum,
Telefon: 040 / 22 86 71 52, kontakt@freischreiber.de

Informationen zum Himmel- und Höllepreis unter:

Himmel-Hölle-Preis

Allgemeine Infos unter:
www.freischreiber.de

 

 

Freischreiber e.V. vergibt einmal im Jahr den Himmel- und Hölle-Preis. Er geht an Redaktionen, Personen, Verlage oder andere Unternehmungen, die sich im vergangenen Jahr für die Belange des freien Journalismus eingesetzt bzw. zum Schaden des Berufsstandes beigetragen haben. Hier geht es zu den Statuten.

Die Preisverleihung fand am 17. November in Berlin zusammen mit der Gala “10 Jahre Freischreiber” statt.

Die Pressemitteilung als PDF.

Bildmaterial zum Download:
Himmel-Preis 2018: impulse (.jpg)
Hölle-Preis 2018: Süddeutsche Zeitung (.jpg)
Himmel-und-Höllepreis 2018 (.jpg)

Freischreiberlogo in der Druck– und digitale Version
Logo des Himmel- und Hölle-Preises.

Hamburg, 17.11.2018


Laudatio Himmel-Preis 2018
Preisträger: Impulse

von Katharina Jakob

Liebe Gäste, liebe Freischreiberinnen, liebe Freunde von Freischreiber!

Zunächst sollen Sie wissen, dass alle unsere Nominierten dem Himmel sehr nahe gekommen sind. Die Entscheidung ist uns also wirklich nicht leicht gefallen. Anständige Redaktionen, solidarische Freie und unermüdliche Streiter fürs Urheberrecht verdienen alle einen Platz an der Sonne.

Warum hat Impulse den Himmelpreis gewonnen?

Es gibt einige objektive Gründe und einen subjektiven Grund. Mit dem fange ich an, er liegt in unserer Wesensverwandtschaft, dem Unternehmertum. Freie sind Ich-Unternehmer, manchmal sogar Gründer von Start-ups. Impulse hat sich 2013 aus dem Verlag Gruner+Jahr gelöst und ist ein eigenes Unternehmen geworden, das sich seither in einem harten Markt behaupten muss. Und so wie manche Freie schlecht schlafen, wenn die Honorare mal wieder auf sich warten lassen, so hat auch der Impulse-Chef Nikolaus Förster manche Nacht durchwacht, solange sein Betrieb noch in den roten Zahlen war. Aber er und sein Team haben sich durchgebissen. So was kennen wir! Und es ringt uns Respekt ab.

Die objektiven Gründe: Wir haben unter den freien Autoren herumgefragt, die für Impulse arbeiten. Deren Antworten waren ungewöhnlich, das kannten wir so noch nicht. Bei manchen Wortmeldungen las sich sogar das Kritisierte wie anderswo das Positive: Zum Beispiel, dass das Feedback auf Texte schon mal zwei Wochen auf sich warten lasse. Stimmt, das geht besser, liebe Impulse-Redaktion. Aber wie viele Redaktionen gibt es, die ihren Freien überhaupt kein Feedback geben? Immer noch zu viele.

Die Pluspunkte, die Impulse bei seinen freien Autoren gesammelt hat, sprechen für sich. Ich zitiere:

– ein behutsamer, respektvoller Umgang mit Texten. Jeder Text gewinnt, wenn er redigiert wird

– sehr netter persönlicher Umgang der Redakteure mit freien Autoren auf Augenhöhe

– Man wird als freier Mitarbeiter respektvoll behandelt

– Die Zusammenarbeit ist immer sehr professionell und freundlich, die Redaktion immer ansprechbar, die Honorare fair

– weil sie richtig gute Leute sowohl auf der Layout- als auch auf der Textseite haben, bin ich mit dem Endergebnis fast immer sehr zufrieden. So macht Wirtschaftsjournalismus Spaß

– Kritik habe ich keine. Höchstens, dass man auch als freier Autor mal zur Weihnachtsfeier eingeladen wird

Liebe Frau Götsch, das mit der Weihnachtsfeier müsste sich doch einrichten lassen. Sie sind doch jetzt in der Gewinnzone.

Ansonsten scheint Impulse ein Magazin zu sein, dass etwas ganz Entscheidendes begriffen hat: Es kann nur überleben, wenn es seine Partner auf Augenhöhe behandelt.

Es fällt ja auf, dass die freien Autoren vor allem von Respekt und Augenhöhe sprechen. Mehr als von fairen Honoraren, die wir dringend brauchen. Was wir aber ebenfalls brauchen, ist Wertschätzung. Ohne sie gibt es keine langlebige Geschäftsbeziehung, von der beide Seiten profitieren. Ohne Wertschätzung verzeiht man keine Fehler, und jeder von uns macht Fehler. Wer sich wertgeschätzt fühlt, der leistet mehr und bringt sich stärker ein.

Es mag manchmal nicht einfach sein, faire Honorare zu zahlen, weil die Zeiten rau sind. Aber ihre Freien als Partner zu betrachten und sie wertzuschätzen, das kann wirklich jede Redaktion. Das gehört zu den kleinen Dingen, die ganz leicht sind und gar nichts kosten, die uns aber sehr viel bedeuten: Oder, um es mit den Marx-Brothers zu sagen:

»Das Glück besteht aus den kleinen Dingen: eine kleine Yacht, ein kleines Landhaus, ein kleines Vermögen.«

Wie wichtig das vermeintlich Kleine ist, das verstehen Unternehmer. Und sie wissen um seine langfristige Wirkung. Als Nikolaus Förster vor fast sechs Jahren sein Magazin aus dem Großverlag herausgekauft hatte, versprachen ihm seine Mitarbeiter noch am selben Abend: Wir bringen das Ding zum Fliegen!

So soll es sein, liebe Redaktion von Impulse. Ab in den Himmel!


Laudatio Hölle-Preis 2018
Preisträger: Süddeutsche Zeitung

von Frank Keil

Glückwunsch! Die Rede zum Hölle-Preis 2018

Ich könnte es mir ganz einfach machen und schlicht die Rede vom vergangenen Jahr halten.
Denn was wir damals angeprangert haben, gilt bis heute: Wer als freier Journalist oder als freie Journalistin für die Süddeutsche Zeitung schreibt, muss einen Vertrag unterschreiben, in dem er oder sie der SZ die Möglichkeit einräumt, die Texte an Medien des eigenen Verlagshauses, aber auch an Medien der Tamedia weiterzugegeben, ohne – und das ist das Entscheidende –, ohne dass man dafür erneut entlohnt wird.

Also: Ein Text, zwei, drei, vier Nutzungen – und nur das Honorar für eine Veröffentlichung zu dem normalen Satz der SZ wird gezahlt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nichts gegen die Weitergabe von Rechten, wenn dies ordentlich und mit beiderseitiger Zustimmung honoriert wird. Wobei der derzeitige Stundensatz bei der Süddeutschen Zeitung ohnehin – nun ja – überarbeitungsbedürftig ist. Denn er liegt – schauen Sie bitte in unser Honorartool www.wasjournalistenverdienen.de – bei derzeit 15,05 Euro. Brutto.

Wenn wir den Hölle-Preis nun erneut an die SZ verleihen, dann liegt das gewissermaßen an der Schwere der Tat. Und am Umfang der Tat. Und daran, dass diese Tat andauert.

Also – ganz grundsätzlich und unmissverständlich und zum Mitschreiben: Texte auf diese Art und Weise weiterzureichen und zu verkaufen, mehr Missachtung und Gegnerschaft dem freien Journalismus gegenüber geht eigentlich nicht.

Und das ist keine Prinzipienreiterei, sondern das Vorgehen der SZ hat ganz praktisch weitreichende Folgen: etwa für freie Journalisten der SZ, die sich auf dem durchaus attraktiven Schweizer Zeitungsmarkt umschauen, dort tummeln oder sich etablieren wollen.

Denn die Tamedia mit Sitz in Zürich kann SZ-Texte an folgende Schweizer Medien weitergeben: an den Tagesanzeiger, an die Annabelle und die beiden Tageszeitungen der Hauptstadt Bern: Der Bund und die Berner Zeitung. An den Landboten, die Sonntagszeitung, an das Tagblatt und das Thuner Tagblatt sowie an das Magazin „Das Magazin“, das am Wochenende allen wichtigen Schweizer Tageszeitungen beiliegt. Plus noch an mehr als drei Dutzend weiterer Medien, erzielt die Tamedia doch einen Jahresumsatz von einer Milliarde Franken und wirbt mit dem Slogan: „Erreichen Sie 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung.“

Und noch etwas soll erwähnt werden, was uns wichtig ist: Erscheint ein Text eines freien SZ-Autors irgendwo unbezahlt in einem Schweizer Medium, wird er darüber nicht einmal informiert. Was Folgen hat, denn anders als bei der deutschen VG Wort muss bei der Schweizer Verwertungsgesellschaft jeder Artikel einzeln detailliert angegeben werden. Und wenn man nicht weiß, ob und wo ein Artikel erschienen ist, kann man seinen Verwertungsanspruch nicht anmelden und geht erneut leer aus.

Als erneut preiswürdig hat sich die Süddeutsche Zeitung aber auch durch ihren Kommunikationsstil erwiesen. Denn die SZ, die so gerne und völlig zu Recht in ihren Artikeln die Kultur des Miteinander-Redens und umsichtigen Aushandelns beschwört, diese SZ ist, wenn es um ihren Umgang mit ihren freien Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geht, betonhart.

Das gilt, wie wir erfahren haben, für die einzelnen Freien; das gilt auch für uns als Verband. Keines unserer Gesprächsangebote nach der Preisvergabe im vergangenen Jahr wurde angenommen.
Und wenn Zeitungen nicht mehr mit Journalisten reden, dann ist etwas faul an den Arbeitsbedingungen.

Wir sind gespannt, ob sich das tiefe Schweigen der SZ auch in diesem Jahr fortsetzt oder ob die Süddeutsche Zeitung auftaut und auftaucht und sich für etwas erwärmen, vielleicht auch begeistern lässt, was derzeit allüberall en vogue ist: miteinander zu reden.

Und nun will ich doch zum Abschluss eins zu eins einen Abschnitt aus der Hölle-Preis-Rede vom vergangenen Jahr zitieren, weil er einfach bestens passt:
„Der Hölle-Preis ist auch als Förderpreis zu betrachten. Wir wollen die Preisträger ermutigen, sich endlich auf ihr eigentliches Kapital zu besinnen: ihre Autoren, in unserem Fall die Freien.“