Zu Besuch in der Hölle

Wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Unser Hölle-Preis-Träger Sonntag Aktuell hat bis heute nicht auf den von 31 freien Autoren unterzeichneten offenen Brief geantwortet, und auch nicht auf unsere schriftliche Einladung zur Himmel-und-Höllepreisverleihung im November in München. Vielleicht hat Sonntag Aktuell ja Probleme mit der Post, dachten wir uns da. Deshalb haben sich am eiskalten Mittwoch Benno Stieber und Kathrin Hartmann vom Freischreiber-Vorstand auf den Weg nach Stuttgart gemacht, um der Redaktion den Hölle-Preis persönlich zu überreichen. Den hatte sich die Sonntagszeitung der Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, sowie über 20 Lokalzeitungen in Baden-Württemberg (Gesamtauflage 420.461). redlich verdient, weil die Zeitung Texte und Fotos ihrer Autoren ohne sie zu fragen und ohne zusätzliche Vergütung an ihr neues Reiseportal fernweh-aktuell.com und die Münchner Abendzeitung vertickt hat. Die Jury befand diesen Umgang mit freien Autoren für so kaltschnäuzig, dass Sonntag Aktuell „ein besonders warmes Plätzchen in der Hölle“ gebühre. Wider Erwarten wurden die Freischreiber, zur Dokumentation des Überfallkomandos vom Fotografen Thomas Bernhard begleitet, nicht direkt an der Pforte abgewimmelt, sondern in die Redaktion vorgelassen. Christoph Reisinger, als Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten auch verantwortlich für Sonntag Aktuell, weilte leider im Urlaub, so wurde die Delegation vom etwas zerknirschten Chef vom Dienst und schließlich vom stellvertretenden Chefredakteur Wolfgang Molitor empfangen. Von Freischreiber und dem Hölle-Preis habe er schon mal gehört – der Brief, der ihm ebenfalls nochmals überbracht wurde, war ihm nicht bekannt. Das sei wohl eine zweifelhafte Auszeichnung, fand Molitor, nahm sie aber dann doch entgegen. Die Skulptur aus Pozellanpapier werde eher keinen Ehrenplatz bekommen, meinte er. In der anschließenden kurzen Diskussion über die Vergütung und die Beteiligung freier Autoren an Mehreinnahmen, die durch den Verkauf ihrer Texte erzielt werden, wand sich Molitor mit der Begründung, Beteiligung an Gewinnen sei nicht die Philosophie des Haues, aber man zahle im Vergleich zu anderen ordentliche Sätze für Reportagen. Ein gewagte Behauptung, denn tatsächlich werden Reisreportagen bei den Stuttgarter Nachrichten wie bei Sonntag Aktuell nur nach den (geringeren) Vergütungssatz für Nachrichten und Berichte bezahlt. Am Schluss gab’s noch eine kleine Lektion in Sachen Marktwirtschaft. Bei der Frage, wie künftig Journalismus finanziert werde, säßen Redakteure und Freie doch in einem Boot, fand Molitor. Allerdings sei in dieser Situation der Redaktion das Hemd (angestellte Redakteure) näher als die Hose (freie Journalisten). So würden Reisegeschichten heute zunehmend im eigenen Haus geschrieben, sagt Molitor. Die Alternative zu den Knebelbedinungen wäre, drohte er, gar nicht mehr mit Freien zu arbeiten. Wir wagen mal zu bezweifeln, dass die Stuttgarter Nachrichten und Sonntag Aktuell personell so üppig ausgestattet sind, dass sie die Redakteure etwa wochenlang auf Pressereisen schicken können. Aber auf ernsthafte Gespräche mit der Südwestdeutschen Medienholding lassen solche Äußerungen nicht hoffen. Auf angemessenen Honorare auch nicht. Man zahle die Honorare, weil sie akzeptiert würden, sagte Molitor und empfahl Freien, ihr Angebot zu verknappen. Recht hat der Mann. Freischreiber empfiehlt deshalb: Besser keine Texte mehr für Sonntag Aktuell.