Zur Hölle mit der Westfälischen Rundschau

Manche Redaktionen zahlen nur winzige Honorare, andere denken erst gar nicht daran, überhaupt Geld zu bezahlen. Und dann gibt es Zeitungen, die verdienen Geld damit, dass sie einfach ohne Journalisten arbeiten. Es gibt einen Ort, an dem sie das gern versuchen dürfen – die Hölle. Als weiteren Spitzen-Kandidat dafür ist nominiert:
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Die Westfälische Rundschau

Die Westfälische Rundschau (WR) war mal ein stolzes Blatt. Als eine der ersten Tageszeitungen der Nachkriegszeit gegründet, strotzt das langjährige SPD-nahe Blatt vor Arbeiterstolz und wurde vom östlichen Ruhrgebiet bis ins südliche Westfalen zu noch bis tief in die siebziger Jahre hinein weit mehr als 200 000 Mal täglich verkauft. Auch nach der Übernahme durch die WAZ-Mediengruppe 1975 führte die WR ein solides Leben rings um Dortmund – bis die Zeitungskrise ihr Anfang des Jahrhunderts zu schaffen machte, was die Muttergesellschaft im Sommer 2009 mit der Zusammenlegung von vier Vollredaktionen zu einer zentralen beantwortete. Schon damals war die Konsequenz ein Zusammenbruch der ohnehin geschrumpften Auflage binnen eines Monats um 3,6 Prozent auf gut 122 600 Exemplare.  Das hätte ein negatives Signal für weitere Sparmaßnahmen auf Kosten der redaktionellen Unabhängigkeit seit können.

Wie ein Autobauer, der seine Autos  ohne Airbags und 5. Gang ausliefert

Doch im Frühjahr dieses Jahres beraubte der frühere WAZ-Konzern unter dem neuen Namen Funke Gruppe ihr linkes Flaggschiff nicht nur weiterer Eigenständigkeit, sondern zerschlug es förmlich: Seit dem 2. Februar werden sämtliche Inhalte von der Zentrale in Essen zugeliefert. Eine Maßnahme, die Die Zeit mit einem Autohersteller verglich, der seine Autos im Zuge sinkender Verkaufszahlen ohne Airbags und 5. Gang ausliefert. Die Folge waren allerdings nicht nur weitere Verkaufseinbrüche. Durch die Schließung des Haupthauses samt aller 24 Lokalredaktionen wurden neben 120 Redakteuren auch 180 freie Mitarbeiter “freigestellt”, wie der branchenübliche Euphemismus für “fristlos entlassen” lautet – und das ganze zwei Wochen nach der Verkündigung. Mittlerweile vegetiert die erste Zeitung ohne Journalisten nicht nur mit halbierter Auflage vor sich hin; im strukturschwachen Westen mit seinen schlingernden Verlagen finden insbesondere die früheren Honorarkräfte kaum neue Beschäftigung. Schlimmer noch: während für Festangestellte um Übergangsregelungen und Abfindungen verhandelt wird, habe sich der Verlag nie um seine Freelancer gekümmert, wie es heißt.  Mittlerweile wurde verkündet, dass weitere Lokalredaktionen geschlossen werden sollen.

All dies klingt allerdings noch rabiater, wenn man sich den jüngsten Deal der Funke Gruppe vor Augen hält. Kurz nach dem faktischen Ende der WR kaufte er trotz des rigiden Sparkurses zum 1. Januar 2014 für 920 Millionen Euro mehrere Zeitungen und Magazine des Springerkonzerns. Für deren freie Mitarbeiter dürfte das nichts Gutes bedeuten.