[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 29.10.2014

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
 

war das ein Sommer? Ist das ein Herbst? Zwei Gründe gute Laune zu haben – eigentlich. Aber diese muss sich immer wieder bewähren, muss ich immer wieder darum kämpfen, die Oberhand zu behalten. „Sie verdienen wenig, arbeiten viel und lieben ihren Job“, hat gerade der Bayrische Journalistenverband ein Dossier überschrieben. Und hat dafür auch eine neue Studie des Deutschen Journalistenverbandes ausgewertet: Demnach ist der freie Journalist immer weniger der Anfänger, der eines Tages doch in die Festanstellung rutscht, sondern findet sich immer öfter unter den älteren Kollegen – und ist immer besser ausgebildet und bildet sich immer öfter fort. Interessant auch: Wer als Freier bei Tageszeitungen arbeitet, kann im Schnitt mit einem Monatseinkommen von 1.395 Euro rechnen. Wer sich dagegen direkt einer PR-Agentur andient, für den werden es im Durchschnitt 2.940 Euro. Das gibt einem doch zu denken, oder?

Dazu passt ein Einwurf des Medienmagazins „Zapp“ neulich: „Wenn das zweite Standbein zwickt“, so der Titel eines Beitrages über die zum teil obskure Lage von freien Journalisten und Journalistinnen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen überschrieben: Einerseits sollen und dürfen diese nicht nur einen Auftraggeber haben, andererseits sollen sie sich um Himmelswillen nicht etwa auf dem Feld von PR oder CP tummeln – wo man mal ein bisschen mehr Geld verdienen kann: „Das durchschnittliche Einkommen eines freien Journalisten in Hamburg liegt bei etwas über 2.100 Euro – vor Steuern und Sozialabgaben. Wer sich da auf nur einen Arbeitgeber verlässt, ist mehr als wagemutig. Die lukrativsten Jobs für freie Journalisten bieten allerdings in der Regel nicht mehr Medienhäuser an, sondern Wirtschaftsunternehmen. Egal ob es um Corporate Publishing geht oder um Medientrainings: Journalisten verdienen auf diesem Weg häufig ein Vielfaches von dem, was ihnen ein einzelner Beitrag oder ein Artikel einbringt. Da beginnt häufig das Dilemma: "Jeder Journalist hat ja die Sphäre, in der er Experte ist, ob’s jetzt ein Auslandsjournalist ist oder ein Medizinjournalist. Und natürlich werden die freien Kollegen genau in den Bereichen angefragt, in denen sie Experten sind. Ein Interessenskonflikt besteht eigentlich immer““, so kommt etwa der Auslandsreporter Moritz Gathmann zu Wort.

 

Hardy Prothmann von „Carta.info“ hat derzeit auch nicht gerade die beste Laune:„Journalismus ist ein sehr verkommener Beruf geworden“, donnert er uns entgegen ). Und weiter: „Ständige Existenzängste sind keine gute Grundlage, um sich vernünftig mit einer harten Arbeit zu beschäftigen – nämlich über Menschen zu berichten. Denn was tatsächlich fehlt, ist eine grundlegende Wertschätzung von guter journalistischer Arbeit – die grundlegende Nicht-Wertschätzung hängt am Fehlen von gutem Journalismus. Das letzte, was der Journalismus mit Blick auf die Zukunft braucht, sind Midia Öndreprenörschips, die nur Darsteller-Journalismus sind. Wenn die Branche sich erhalten und retten will, dann in der Rückbesinnung auf ein ordentliches Handwerk mit Qualitätssiegeln, die man aber dringend entwickeln und fördern muss.“

Midia Öndreprenörschips? Es ist die Idee des Media Entrepreneurship, die Freischreiber Julian Heck unlängst in die Debatte geworfen hat und sein Plädoyer für ein neues Verständnis gerade der freien Journalisten weg vom Künstlertyp (arm, aber glücklich, irgendwie) zum Journalisten als Unternehmer – wie immer das auch im Einzelnen aussehen mag.

Bleiben wir noch kurz auf „Carta.info“, denn auch Stefan Aigner formuliert dort ein interessantes Statement: „Wer vom „Wandel des Journalismus“ redet, sollte sich darüber Gedanken machen, wie man diesen verlorenen Boden wieder gutmachen und Glaubwürdigkeit zurückerlangen kann. Er sollte sich darüber Gedanken machen, wie man Leser, Hörer oder Zuschauer wieder dazu bringt, die journalistische Arbeit wertzuschätzen. Nur so kann es nämlich gelingen, sie auch davon zu überzeugen, dass diese Arbeit finanziert werden muss und dass sie es wert ist, dafür zu bezahlen. Dafür braucht es keine Media Entrepreneure, die unternehmerisch denken oder zwanghaft mit der eigenen Selbstvermarktung beschäftigt sind, sondern Journalisten, die ihren Job mit Leidenschaft machen, unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen, Marketingstrategien und durchkapitalisiertem Denken. Dafür wäre Journalismus genug.“

Und auf den Einspruch folgt der Widerspruch – von Freischreiberin Ulrike Langer: „Ohne überheblich klingen zu wollen: Ich finde es zwar schade, wenn wieder mal eine Zeitschrift eingestellt wird, für die ich bisher gearbeitet habe, oder wieder mal ein Webportal kein Budget mehr für Beiträge von freien Journalisten hat. Aber ich mache mir keine Sorgen um meine eigene Zukunft, da immer wieder neue gute Auftraggeber auf mich aufmerksam werden. Und zwar bestimmt nicht deshalb, weil ich als Journalistin so viel besser wäre als andere. Sondern deshalb, weil ich meine Themenfelder konsequent nach der Schnittmenge ausrichte, zwischen dem, was mich leidenschaftlich interessiert und dem, was auf dem Markt nachgefragt und gut bezahlt wird. (…) Als Unternehmerjournalistin muss ich weder eine Firma gründen noch Angestellte beschäftigen. Es reicht schon, unternehmerisch zu denken. Das ist alles, aber in Deutschland auch im Jahr 2014 noch Anlass für die immer gleichen Grundsatzdiskussionen. Nennt es “Media Entrepreneurship”, journalistische Selbstvermarktung oder sonst irgendwie. Hauptsache ist doch, dass es funktioniert.“ 

Dies und Das

 

Sorgen ganz anderer Art beschäftigen derweilen Jürgen Vielmeier: Wenn er seinen PC hochfährt, stößt er im Netz jeden Tag auf so viele interessante und spannende Texte und Beiträge und Berichte, dass es einfach nicht zu schaffen ist, sie alle zu lesen: „Ich freue mich auf mehr Qualität, auch von den Krautreportern und anderen, damit ich noch mehr Auswahl habe. Aber ich habe schon jetzt dauerhaft mehr Newsbeiträge und Hintergrundgeschichten, als ich lesen kann, und dank guter Empfehlungen einen konstanten Strom interessanter Beiträge, der niemals abreist. Und viel mehr als das brauche ich eigentlich nicht. Vielleicht müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir, wie vielleicht früher, eine Qualitätszeitung kaufen, und damit abgedeckt sind. Das Äquivalent für die Online-Welt gleicht einem Flickenteppich, der sich aus einer fast unüberschaubaren Menge an Quellen zusammensetzt.“

 

Umgekehrt macht uns der Journalismusprofessor Stephan Weichert mal direkt, mal indirekt in einem Interview mit „Newsroom“ Hoffnung, das trotz der Newsflut, egal, wie rasant der technische Wandel auch zuschlagen möge und wie sehr der Leser auch Teil unserer Jobs werde, der langsam und genau arbeitende Rechercheur immer gebraucht werde: „Ganz ähnlich wie bei Tripadvisor, Airbnb oder Yelp wird das Empfehlungsprinzip auch im Journalismus immer wichtiger, soviel steht fest. Denn es ist klar, dass 1000 User mehr sehen und empfinden als ein einzelner Journalist, und deshalb liegen darin viele Vorteile. Es steht aber für mich außer Frage, dass wir auch den klassischen Reporter weiterhin brauchen werden, wenn es um die ausgewogene, sauber recherchierte und spannend aufgeschriebene Story geht. Ich lese ja auch eine differenzierte Restaurantkritik von einem Profi-Kritiker anders als die eines Hobby-Restaurantgängers, der lediglich schreibt "essen war scheiße, nie wieder!".“

 

Wo wir gerade bei den „Usern“ waren – wissen Sie was genau ein „Social Web Ranger“ ist? Als eine solche stellt sich Wibke Ladwig im Interview mit dem „lex-Blog“ vor und sinniert dabei auch über die Höhen und Tiefen des Freien-seins: „Es gab und gibt in der Tat Momente, in denen ich mich in ein Angestellten-Dasein wünsche. Meist hängen diese mit bürokratischen Herausforderungen zusammen. Unwürdiges Verhandeln über Honorare oder die Dauerurlaube anderer können die Moral auch beschädigen. Aber alles in allem bin ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung und ich schätze es, selbstbestimmt und kreativ arbeiten zu können. Ich weiß nicht, wie ich reagierte, wenn ein feines Unternehmen oder eine fabelhafte Institution mit einem unmoralischen Angebot auf mich zu käme. Es wäre auf jeden Fall keine leichte Entscheidung.

 

Und erneut wollen wir auf das schöne Themenheft „Reporter“ von „NZZ Folio“ verweisen, in dem sich etwa eine Geschichte findet, warum es sich auf Dauer doch nicht lohnt, eine Geschichte einfach zu erfinden …

 

Freischreibers Webinare

 

Diese Woche ist es so weit: Das erste aus einer Reihe von zehn Webinaren startet. Gemeinsam veranstaltet mit dem Wiener Institut für Journalismus und Medien geht es um folgendes: „Einmal pro Monat nehmen wir uns etwa eine Stunde Zeit, um ein Thema zu behandeln, das uns freien Journalistinnen und Journalisten unter den Nägeln brennt, was uns interessiert oder wovon wir vielleicht schon gehört haben, aber noch nicht so richtig wissen, was sich dahinter verbirgt. Wir greifen Kapitel aus der Freienbibel auf, wie zum Beispiel die Honorarverhandlungen oder Recherche und nehmen uns weitere Themen vor, für die ihr besonders häufig abgestimmt habt.“

Und so geht es los: am 29. Oktober um 16 Uhr mit dem Coach Christian Sauer zum Thema „Honorare verhandeln“.

 

Freischreiberiges

 

Freischreiber Andreas Unger aus München ist einer der Referenten auf der Tagung „Einsatz in Katastrophen – Chancen und Risiken der Berichterstattung aus Krisengebieten“ am 14. und 15. November in der Deutschen Journalistenschule München. Sein Thema: „Sensibler und sachkundiger Umgang von Journalisten mit traumatisierten Menschen in Katastrophen“ zum Besseren einer guten Geschichte“. Mehr über die Tagung insgesamt erfährt man hier.

 

Neues unsererseits zur VG Wort

 

Eigentlich ist sie ja ein Grund zur Freude: die VG Wort. Freude, weil viele von uns jährlich einen Scheck von dieser Einrichtung bekommen. Unerfreulich ist das Thema aber trotzdem, weil der Tantiemenscheck der VG Wort eigentlich höher ausfallen müsste. Warum das so ist, haben wir hier mal erklärt.
Der ehemalige Patentanwalt Martin Vogel ist mit seinen Klagen gegen die VG Wort jetzt bei der höchsten Instanz angelangt, dem Bundesgerichtshof. Am 18. Dezember entscheidet der über die Frage, ob es rechtens ist, dass die VG Wort 30 Prozent ihrer Einnahmen den Urhebern vorenthält und den Verlagen zukommen lässt. Derweil ist das Justizministerium dabei eine EU-Richtlinie umzusetzen, die größere Transparenz bei der Verwertungsgesellschaften sicherstellen soll.
Freischreiber hat Klagen Martin Vogels – anders als andere Verbände – immer unterstützt, weil wir der Meinung sind, dass es keinen Grund gibt, den Verlagen, die uns in sehr vielen Fällen faire Honorare vorenthalten, in den Verwertungsgesellschaften Zugeständnisse zu machen. Deshalb sollten sich alle Urheber den 18. Dezember rot im Kalender anstreichen und nach Karlsruhe schauen.

 

Preise und Stipendien

 

Lust auf Tapetenwechsel? Mal wo ganz anderes sitzen und auf eine andere Welt schauen? Vielleicht in der bestimmt schönen Stadt Pilsen mit ihrem Bier?

Denn darum geht es: „Deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die bereits schriftstellerische oder journalistische Veröffentlichungen vorzuweisen haben, sind eingeladen, sich um den Posten des Stadtschreibers/der Stadtschreiberin in Pilsen zu bewerben und während des dortigen Aufenthalts im Kulturhauptstadtjahr in einem Internetblog zu berichten. Insbesondere werden solche Autorinnen und Autoren angesprochen, die sich auf die Wechselseitigkeiten von Literatur und historischem Kulturerbe der Stadt und der Region einlassen wollen. Bewerbungsschluss ist der 31.10.2014. Über die Vergabe der Stadtschreiberstelle, verbunden mit einem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien dotierten monatlichen Stipendium von 1.300 Euro für fünf Monate (März bis Juli 2015), einer kostenlosen Wohnmöglichkeit in Pilsen und Reisemitteln, entscheidet bis Ende Januar 2015 eine qualifizierte Jury.“

 

Wer sich wiederum für das deutsch-polnische Verhältnis in Gegenwart und Geschichte interessiert und dazu journalistisch arbeitet oder arbeiten möchte, der sollte jetzt hellhörig werden: Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit schreibt sowohl für deutsche wie für polnische Journalisten ein Recherchestipendium in Höhe von bis zu 3.000 Euro aus. „Die Einladung richtet sich an deutsche und polnische Journalisten, die Artikel oder Reportagen (in Presse, Radio oder Fernsehen), Fotoreportagen, Internetpublikationen (z.B. in journalistischen Blogs) oder Bücher vorbereiten.“

 

So. Das war's schon wieder. Jedenfalls fast. Denn es fehlt ja noch der Rausschmeißer! Und der beginnt diesmal so: „Mittwoch ist ein guter Tag. Am Mittwoch kommen die bunten Blätter. Und mit den bunten Blättern kommen die Stammkunden. Also schließt Herr Allenstein den Laden auf, der im Nochdunkel des gerade beginnenden Tages lottogelb, kleeblattrot in die Ackerstraße leuchtet. Berlin Mitte, Aufwachphase. Sechs Uhr 30.“ Und so lernen wir Herrn Allenstein kennen und dann auch bald auch Frau Allenstein, die zusammen einen Kiosk betreiben, in dem man das kauft, was viele von uns vorher so geschrieben haben. Was offenbar aber immer weniger funktioniert: „Wir hatten mal einen Kunden, sagt Herr Allenstein, der ist über Jahre gekommen. Und Frau Allenstein nickt. Der hat immer die „Berliner“ gekauft. Bis die „Berliner“ zehn Cent teurer geworden ist, da kam er nicht mehr. Sagte, zum Abschied, das kann ich auch im Internet lesen. Weg war er, so schnell konsste janich kieken.“ „Es ist ein Kampf. Sagt Herr Allenstein“ heißt eine wunderbare Reportage im „Tagesspiegel“, mit der wir Sie jetzt entlassen. Nicht ohne eines zu wünschen: Viel Spaß beim Lesen!

In diesem Sinne
Ihre Freischreiber

 

Himmel-und_Hölle-Preis 2013

FREISCHREIBER TERMINE
 

Hamburg

Am Donnerstag, den 30. Oktober veranstaltet Freischreiber-Hamburg einen illustren, einen unterhaltsamen, einen spannenden Krimi-Abend: Autorin Simone Buchholz wird aus ihrem letzten Roman "Bullenpeitsche" lesen, in dem es um einen Mord in den Elbvororten geht. Es ermittelt Staatsanwältin Chastity Riley, deren Lebensmittelpunkt der Kiez ist.). Buchholz zur Seite steht der Krimiautor Robert Brack, der aus dem Roman "Die drei Leben des Feng Yun-Fat" lesen wird, der erst im Februar 2015 erscheinen wird.
Ort: das traumhafte Oberstübchen in St. Pauli-Süd, dass die Adresse St. Pauli Fischmarkt 27 hat.
Achtung: Navis führen da gern mal in die Irre, Passanten schicken einen beherzt an den falschen Ort: Denn das Oberstübchen liegt nicht am Fischmarkt selbst, sondern ein Stück in Richtung Hafenstraße – obendrauf auf dem Pudel Club und nebenan von Park Fiction. Über eine kurze Anmeldung freut sich bjoern.erichsen-at-gmail.com Einlass: um 19.30 Uhr. Eintritt: acht Euro