[Der :Freischreiber-Newsletter]



[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 04.07.2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Fehler!
 
 
wir lästern lieber nicht über prominente Stolperer, korrigieren lieber unsere eigenen: wer also gestern Profilagentin Kixka Nebraska im freimittag#7 verpasst hat, unserem Mittags-Webtalk mit Yvonne Pöppelbaum, kann hier nachhören: Es geht darum, wie man den Social-Media-Auftritt optimiert, verschiedene Profile vernetzt, optimal im Netz gefunden wird – und wozu das neue Online-Tool “Google Authorship” gut ist.  Soll natürlich alles den feinen und auskömmlich honorierten Aufträgen den Weg zu uns zeigen. Wer gute Honorare haben will, sollte allerdings genau wissen: „Wie bemisst sich der Preis für kluge Gedanken?“ Diese Frage stellt Christian Sywottek in brand eins Kollegen und Coaches und bekam aufschlussreiche Antworten etwa die: „Ich habe alles ausprobiert“, sagt Alexander Meneikis, „und am Ende bin ich bei der Frage gelandet: Wie will ich leben? Dann habe ich die Kostenrechnung rückwärts gemacht und meine gewünschte Privatliquidität festgelegt. Dazu noch ein zehnprozentiger Risikoaufschlag – so kam ich auf einen Monatsumsatz von 5500 Euro. Macht einen Tagessatz von rund 500 Euro, denn ich kann nicht jeden Tag abrechnen. Klar interessiert es keinen Auftraggeber, wie ich leben will, aber siehe da, es passte zum Markt. Da war ich heilfroh.“ Nicht alle aber haben diesen Markt vor den Füßen, deshalb finden sich als Kalkulationshilfe im Beitrag noch drei Grundfragen aus dem Gespräch mit Coach Mirko Düssel: Was gibt der Markt her? Was brauche ich? Was habe ich zu bieten?
 
Das Gejammer über schlechte Honorare und Bedingungen bringt uns nicht weiter, es schade nur der gesamten Branche – das schreibt Bettina Blass auf ihrem Blog wirtschaft-verstehen.de – ja, hatten wir im vorletzten Newsletter, aber weils perfekt passt und der Link nicht klappte, hier nochmal.
 
Also jammern nervt, finden wir schon lange, aber was nervt Sie an Ihrem Beruf? Das Reporter Forum hat bei seinem aktuellen Treffen herumgefragt. Und? Freischreiberin Silke Burmester schüttet Wasser in den Bessere-Kalkulation-mehr-Inhalte-dann-klappts-schon-Wein: sie ist vor allem von Perspektivlosigkeit genervt, denn es sei nicht klar, wo das Geld für den Journalismus herkommen soll. Susanne Schneider vom SZ-Mag von der Selbstgefälligkeit vieler Kollegen, etliche wünschen sich einen kreativeren Umgang mit Print und Online. Andere wie Rocco Cashoro von VICE dagegen nervt die permanente Nabelschau. Er sagt, Medienleuten reden zu viel über Medienleute (ist grad unser Job hier, sorry). Wir sollten besser unserem Beruf nachgehen und Geschichten erzählen…. hier via Meedia das Kurzvideo.
 
Ach, vor uns die Welt – und ihre Geschichten. Unser Traum? unser Beruf? Wer darüber bisschen nachdenken möchte, dem sei dieses rbb-Kulturradio-Feature von Phillip Meinhold empfohlen: „der Traum vom Journalistenleben“ Darin inszeniert er ein besonderes Klassentreffen von ehemaligen Journalistenschülern, 20 Jahre nach dem Abschluss. Fast alle sind im Journalismus gelandet, die Hälfte von ihnen sogar noch dort, wo sie mal angefangen haben. Meinhold gewährt interessante Einblicke und fragt eine, die gerade ein Sabbatjahr braucht, ob die Bereitschaft sich aufzureiben, die Grundvoraussetzung für Journalismus sei? Ja, findet sagt sie. Und das sei okay, solange man den Ausknopf noch findet. Allerdings nervt es die Befragten gewaltig, wenn es nicht um Inhalte, echte wichtige Geschichten also, sondern um Aufreger geht. Hören! Hier.

Und noch ein schönes, langes Interview: Amadeus Ulrich hat für die taz den Gründer einer Website für die Geschichten hinter preiswürdigen Geschichten befragt: Johannes Ludwig, der seit 14 Jahren Professor für Medien und journalistische Fächer in Hamburg ist. Oder eher war, er geht in den Ruhestand, aber die Site anstageslicht.de  gibt es natürlich weiter. Hier das lenenswerte Interview, wo er eine Lanze für die Recherche bricht:  „Es ist eine Entscheidung, die jede Redaktion, jeder Verlag treffen muss: Ist uns das wichtig oder nicht? Wenn man sich die Absatzzahlen anschaut, sieht man: Spannende Geschichten finden ihr Publikum. Sie müssen auch nicht zwangsläufig investigativ sein. Journalisten sollen zeigen, welche Auswirkungen bestimmte Begebenheiten auf unser Leben haben. Wenn's um die Bankenrettung in der EU geht, schaffen es wenige, vorzurechnen: Was heißt das für die Bürger? Das gelingt nur durch Recherche, dem Grundpfeiler des Journalismus. Investigativ wird er dann, wenn mehr Aufwand betrieben werden muss. Es gibt vieles, das verborgen bleibt. Daran zu kommen, ist schwierig. Man muss sich überlegen, wie trickse ich als Journalist, der wenig Zeit, Geld und Ressourcen hat, diejenigen mit mehr Macht, Geld und Zeit aus?“

Dies und Das
 
Recherche
Kurzentschlossene können noch schnell in Hamburg zum Jahrestreffen des Netzwerks Recherche fahren (heute war der Start, es läuft dort noch bis morgen – Fußballfans welcome, hieß es in deren Einladung) mehr hier
 
Das journalistische „Correctiv"
Die FAZ schreibt:„David Schraven, bis Ende Mai noch Recherche-Chef der "WAZ", recherchiert nun ohne Verlag im Rücken. In Essen geht "Correctiv" an den Start, das nach eigenen Angaben "erste gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum". Finanzielle Unterstützung bekomme "Correctiv" von der Brost-Stiftung, die für zunächst drei Jahre insgesamt drei Mio Euro zur Verfügung stellt. Hier ein dazu.
 
VG Wort
gewinnt vor dem BGH gegen die PC- und Druckerindustrie. Auf Geräte, die zwischen 2001 und 2007 in Deutschland verkauft wurden, wird eine Urheberrechtsabgabe für Privatkopien fällig, die Höhe wird noch verhandelt. Am Ende würden die Urheber jedenfalls finanziell von dem Urteil profitieren, sagte VG-Wort-Vorstand Robert Staats. Mehr hier im Handelsblatt.

Paywall
Das Medienhaus DuMont macht die Webseite und das mobile Angebot des "Kölner Stadt-Anzeigers" kostenpflichtig. Es ist die 79. Zeitung, die online kassieren will, auch die "Berliner Zeitung" soll nachziehen. Nach dem Metered Model dürfen Leser sieben Artikel pro Monat auf ksta.de gratis lesen, danach fällt die Bezahlschranke für ein Online-Abo von 9,90 Euro im Monat, berichtet Peter Turi in seinem Dienst turi2.

Nicht zuletzt: Pro Quote
Die Journalistinnen-Initiative ProQuote zieht eine positive Bilanz, schreibt Melanie Melzer bei kress (hier): Mindestens 87 Medienfrauen seien seit März 2012 aufgestiegen. Melzer zitiert ProQuote-Vorsitzende Annette Bruhns "Die 'Zeit' erfüllt mit 36% Frauenmachtanteil bereits unsere Minimalforderung", andere Medien, sagt sie, sollten dringend nachziehen. Denn: „Der positive Zusammenhang zwischen mehr Entscheiderinnen und mehr Leserinnen liegt auf der Hand." Weil die Süddeutsche zwar über Frauenpower berichtet, aber selbst auf entscheidenden Stellen keine zu bieten hat, bekommt Chefredakteuer Kurt Kister, die Auszeichnung und Skulptur "Ungeküsster Frosch". Warum, beantwortet Melzer so: "Dass ausgerechnet bei der liberalen 'SZ' gerade mal jede sechste Führungskraft eine Frau ist, macht ProQuote fassungslos." Ausgerechnet Kister,der immerhin ein Herz für Hoodies hat. Immerhin bekommt er Kister den Frosch nicht als roten Aufreger, sondern in grün.
 
 
Und jetzt – ab zum Fußball!
Eure Freischreiber
 
 

Himmel-und_Hölle-Preis 2013

FREISCHREIBER TERMINE

Freischreiber trifft Krautreporter – reloaded!
Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass die Krautreporter an den Start gehen werden. Doch nun haben die Kollegen in wenigen Wochen die erforderliche Startsumme von 900.000 Euro eingesammelt und ihr Crowdfunding erfolgreich abgeschlossen.
Beim nächsten Berliner Regionaltreffen am Dienstag, 22. Juli um 19.30 Uhr kommt der Krautreporter Frederik Fischer an Gemmas Wohnzimmertafel. Er wird uns berichten, wie er selbst den Endspurt erlebt hat, welche „Geschichten hinter den Nachrichten“ nun erzählt werden sollen und wie es weiter geht mit dem Online-Journalismus á la Krautreporter.
Frederik Fischer ist freier Journalist und Gründer von „Tame“, einem Berliner Unternehmen, das versucht, die Informationsflut in den sozialen Medien zu bändigen. Vorstandsmitglied Carola Dorner ist auch da und bringt uns auf den neuesten Stand der Freischreiber-Aktivitäten.
Anmeldungen bitte an: gemma.poerzgen-at-gmx.net

Umfrage
 
Leidet die Qualität des Journalismus unter den Angriffen auf die im Pressekodex festgeschriebene Trennungsnorm? Gibt es solche Angriffe wirklich oder ist diese Behauptung eine reine Spekulation?
Um dieses heikle Thema näher erfassen zu können, bitten Alexandra Helscher, Laura Schena und Laura Walter um Mithilfe:
In einer kurzen, anonymen Online-Umfrage Auskunft fragen sie nach unseren Einschätzungen.
Das Ganze im Rahmen eines Forschungsprojektes innerhalb ihres Medienwissenschaftsstudiums an der Universität Tübingen .
Hier der Link zur Befragung.