[Der :Freischreiber-Newsletter]



[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 23.05.2014

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

okay, Sie haben gerade keine Zeit diesen Newsletter zu lesen. Sie klicken ihn weg, arbeiten fleißig weiter, zwischendurch gehen Sie einen Kaffee trinken, Pausen sind ja gut und sinnvoll. Sie arbeiten hernach weiter und löschen abends all diese verflixten eMail, die so eingetrudelt sind. Auch diesen Newsletter!
Das macht jetzt nix mehr. Denn künftig kann man ihn bequem auf unserer Seite nachlesen. Hat dort ein eigenes Fenster. Das ist Service, oder?

Und rein ins Vergnügen und das trägt diese Woche einen Namen: „Krautreporter“. Viel wird debattiert: ist das Projekt, ein tägliches Online-Magazin zu starten und dafür nun in den kommenden Tagen 15.000 Unterstützer zu suchen, einfach nur klasse, schlicht gut, irgendwie notwendig, so lala oder die ganz falsche Kiste?

Beginnen wir mit Lorenz Matzat, der sehr freimütig bekennt: „Gleich heute morgen habe ich das Abo für 60 Euro bei Krautreporter abgeschlossen; ehrlich gesagt auch deswegen mit leichtem Herzen, weil ich es für nicht unwahrscheinlich halte, dass das Crowdfunding scheitert.“
Aha! Denn es gäbe seiner Meinung nach fünf Gründe für das Gelingen, aber auch das Scheitern dieses Projektes: die Präsentation, das Team und die Themen, die Webtechnologie, das Bezahlverfahren und nicht zuletzt die Informationspolitik. Ja, es gibt immer vieles zu bemerken und zu bemängeln. Doch am Ende siegt mal wieder die Hoffnung: „Ich habe es aber unterstützt, weil ich mir wünschen würde, dass so eine Art Vorhaben gelingt, auch wenn mich das konkrete Beispiel wenig begeistert.“
„Wünschen würde“ – das ist also der neue Medienkonjunktiv!

Krautreporter Stefan Niggemeier verteidigt derweilen, dass – sollte das Projekt gelingen – die Texte auch von Nicht-Mitglieder gelesen werden können: „Was das Netz ausmacht und zusammenhält, ist der Link; die Möglichkeit, auf einen Inhalt zu verweisen und den Leser mit einem Klick dorthin zu führen. Das war schon vor dem Siegeszug von Facebook und Twitter so. Viele Verlage bereuen heute, dass sie ihre Inhalte kostenlos ins Netz gestellt haben. Ich glaube, dass das nicht nur aus irgendeiner Verblendung geschah, sondern weil es die natürliche Form ist im Internet, oder wenigstens eine sehr naheliegende, seinem Wesen entsprechende.“ Und er erteilt auch irgendwelchen 'Ungerechtigkeitsgefühlen' eine klare Absage: „Ich bin einer der zahlenden Abonnenten von „The Dish“ und komischerweise habe ich beim Lesen auf der Seite nie das Gefühl eines Nachteils, dass das meiste dort ja auch Leute lesen können, die gar nicht bezahlt haben. Ich habe, im Gegenteil, das gute Gefühl, mit dazu beigetragen zu haben, dass es diese Seite gibt. Das ist ein schöner und nicht zu vernachlässigender Bonus-Wert, außer den Inhalten selbst natürlich. Ich bin Teil einer Gemeinschaft.“

Der künftige Krautreporter-Chefredakteur Alexander von Streit plädiert im Gespräch mit Jörg Hunke wiederum für eine neue Kultur der Langsamkeit und der Behutsamkeit: „Wir versprechen, eine andere Spielart des digitalen Journalismus in die Medienlandschaft zu bringen. Wir werden von unseren Mitgliedern finanziert, sind also unabhängig von Werbekunden. Das bedeutet, dass wir uns an der Jagd nach Reichweite nicht beteiligen und auch nicht ständig die Klickzahlen verfolgen werden. Wir können es deshalb vermeiden, beim News-Wettrennen mitzumachen. Wir werden ganz bewusst nicht den Gesetzmäßigkeiten im Internet gehorchen wie andere Online-Medien. Bei Krautreporter wird keiner Schnappatmung bekommen, sobald etwas in der Welt passiert.“

Daniel Bouhs hat für Deutschlandradio Kultur diverse Krautreporter getroffen. Seine eigene Einschätzung fällt am Ende etwas verhalten aus: „Keine Frage: Das Projekt hat etwas für sich. Die Reaktionen aber schwanken zwischen Euphorie und Ablehnung – auch, weil im Projektteam 6 Frauen 22 Männern gegenüberstehen. Häufig fragen interessierte Nutzer im Netz auch, welche Geschichten die „Krautreporter“ am Ende denn genau liefern wollen, wie die Seite konkret aussehen soll. Die „Krautreporter“ halten sich bedeckt. Eine Nullnummer gibt es nicht. Und dann fragt sich manch einer, warum er denn zahlen soll, wenn die Inhalte ohnehin für jedermann frei im Netz stehen sollen – anders als bei einem ganz ähnlichen und sehr erfolgreichen Projekt in den Niederlanden.“

Da wir gerade anbieten die Ohren offen zu halten, hier der Beitrag in der immer hörenswerten Sendung „Breitband“ bei Deutschlandradio Kultur.
Und wer die Krautreporter auch mal außerhalb ihrer eigenen Videofilme sehen will, dem empfehlen wir einen Klick auf eine entsprechende Folge beim Medienmagazin „Zapp“.

Noch mal ganz anders haut Wolfgang Michal von „carta.info“ in die Tasten und spannt mal einen neuen Bogen: „Eigentlich ist das Projekt Krautreporter gar kein journalistisches Vorzeigemodell, denn journalistisch vorgezeigt wird ja noch nichts. Der Wert der Unternehmung liegt vor allem darin, dass es ein verlegerisches Pilotprojekt ist: dass sich 25 oder 28 freie Journalisten zusammentun, um der Verlagswelt zu zeigen, wie ein ‚schlankes Geschäftsmodell’ für ein seriöses Online-Magazin aussehen könnte. Sich das aus der Hand nehmen zu lassen, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt für die bestehenden Verlage. Schon deshalb haben die Krautreporter Applaus verdient.“

Am 13. Juni wird klar sein, ob das Projekt geklappt oder – oder auch nicht. In jedem Fall diskutiert an dem Tag Michal mit Sebastian Esser im Rahmen eines Workshops auf dem „Reporter-Forum“ über das, was dann geschehen ist. Ort: Ort: Spiegel-Verlag Hamburg, Ericusspitze 1. Uhrzeit: 13.15 Uhr.

Aufruf

Liebe Menschen aus dem Ruhrgebiet und benachbarten Gebieten,
wer hat Lust gemeinsam mit mir einen Stammtisch für Freischreiber, Freischreiber-Freunde und –Interessenten aufzubauen? Ich bin Freischreiber-Gründer und –Mitglied der 1. Stunde und übernehme gerne die organisatorische Arbeit, wenn ich etwas Unterstützung erhalte. Als Tagungsort schlage ich das Kolpinghaus am Bahnhof in Gelsenkirchen vor, weil es leicht zu erreichen ist und weil man hier (kleiner Gruß an den Oberbürgermeister Dirk Elbers) besonders gemütlich „tot über dem Zaun“ hängen kann. Also bitte mailen an nikofecht-at-erzfreunde.de oder an nikofecht-at-icloud.com.

Dies und Das

„FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher hat Jörg Scharrer vom Medienmagazin „Horizont.net“ ein recht langes Interview gegeben, das viel bedenkenswertes enthält. Etwa zur Frage des Paid Content: "Bei der „FAZ“ arbeiten wir daran. Aber letztlich ist das die Aufgabe des Verlagsmanagements: Preisbildung in traditionellen Märkten ist nicht die Aufgabe von Journalisten. Was wir Journalisten tun können, ist Relevanz schaffen, wenn sie wollen: Preisbildung in sozialen, kulturellen und politischen Märkten. Wir sagen, was uns was wert ist, egal, wie sich der Algorithmus dazu stellt. Das will jeder, auch jeder Anzeigenkunde. Und Relevanz heißt eben nicht nur Klicks! Relevanz heißt zum Beispiel, eine solche Debatte anzuregen, wissend, dass sie nur wirksam wird, wenn sie den Stream der eigenen Zeitung verlässt. Wenn es uns gelingt, relevante Inhalte zu produzieren, muss es auch eine Möglichkeit geben, diese Leistung zu monetarisieren.“
Was uns Freischreiber am Ende dieses Interviews aber wundert, ist das, worüber sich Schirrmacher wundert: „Wenn ich mir ansehe, unter welchen Bedingungen viele Online-Redakteure inzwischen arbeiten und wie sie bezahlt werden, wundere ich mich schon, wie wenig das thematisiert wird. Der Journalismus, der seit den 20er Jahren unendlich viel über die Lage der Fließbandarbeiter und des Industrieproletariats geschrieben hat, hat noch nicht begriffen, dass er nun selbst von dieser Entwicklung betroffen ist. Bisher hielt man es für undenkbar, dass auch geistige Arbeit auf diese Weise entwertet werden könnte. Genau an diesem Punkt sind wir aber jetzt.“
Und wie geht es den freien Online-Textern bei der „Faz“? An welche Punkt sind die? Ob der Meister weiß, was bei „Faz-online“ so naja gezahlt wird? Also haben wir bei ihm mal höflich nachgefragt, ob er überhaupt weiß, welche Honorare in seinem Haus Standard sind. Aber Schirrmacher antwortet nicht …

„Wenn ich in den letzten Jahren an schlechten Tagen darüber nachgedacht habe, mir einen anderen Job zu suchen, dann dauerte das meistens einen Abend“, schreibt Ralf Heimann und widmet sich den Krisen, die man erleben und erleiden kann, wenn man sich dem Lokaljournalismus verpflichtet fühlt: „Einmal wollte ich Lehrer werden. So etwas beginnt ja immer mit einer Google-Recherche. Kann sein, dass ich mich dumm angestellt habe, jedenfalls landete ich in Foren, wo ich Sätze las wie: 'Ich bin seit zehn Jahren Lehrer, und ich brauche dringend eure Hilfe'.“ Also ist er besser beim Journalismus geblieben und sein Fazit nach weiteren zehn Jahren lautet: Es gibt wunderbaren Lokaljournalismus und es gibt grauenhaften Lokaljournalismus. Und nun sind Sie dran!

Die Bloggerin Stefanie Bamburg dagegen ist ziemlich auf Zinne: „Die Sache, über die ich heute blogge, regt mich so dermaßen auf, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.“ Aber das Feld lichtet sich schnell: Es geht um Bilderklau. Um dem Umstand, dass Medienhäuser sich lustig für ihre Webseite und ihre Facebookseite im Netz an Bildern bedienen, die ihnen nicht gehören, während sie einem umgekehrt sofort auf die Finger hauen, wenn man das auch täte, und in diesem Fall spielt eine Zeitung namens „Wohnidee“ eine gewisse Rolle. Am Ende ihres Zornausbruchs stellt die Autorin fest: „Wir stecken alle viel Hirnschmalz, Zeit, Geld und Herzblut in das, was wir tun. Und die Respektlosigkeit, mit der im Netz damit umgegangen wird, hat oft genug sowieso schon den Effekt, dass man am liebsten alles hinschmeißen würde. Wenn dann auch noch solche Firmen bzw. große Verlage den Umstand schamlos ausnutzen, dass man mit der rechten Maustaste Bilder einfach speichern kann, um sie anderswo als eigenen Content zu nutzen, geht das in meinen Augen viel zu weit! Denn abgesehen von der Rechtslage ist es extrem respektlos und man tritt die mit Füßen, von deren Kreativität man auf der anderen Seite lebt.“

Auf die immer wieder interessante Sendung „Breitband“ hatten wir vorhin schon hingewiesen. Die hat in ihrer aktuellen Ausgabe auch ein Interview mit dem Jura-Blogger Udo Vetter zum BGH-Urteil gegen Google. Von wegen „vergessen“ und so. Vetter sieht das Urteil durchaus skeptisch: Was ist, wenn jetzt der eine oder andere Politiker seine – sagen wir mal – Schandtaten, bei denen man ihn erwischt hat, löschen lässt?

Und was das neue „Missy-Magazin“ so bietet, erfahren Sie im Mediengespräch auf DeutschlandradioKultur.

Kongress

„Building Blocks for the New News – Business Models in Formation.“ Und von daher: „Let’s talk about business models for the future. Paywalls & mobile sales, entrepreneurial journalism, crowdfunding, new investors, new ideas: There are business models that work – beyond traditional ads and circulation. Discuss top trends and best practices with global media leaders and find out how to grow successfully“ – so kündigt sich der internationale Medienkongress „MID_14“ an, der am 13. Juni in Wien stattfindet und Referenten von New York über Oxford, St. Gallen und Berlin eingeladen hat, um das Beste vom Neuesten zu erkunden.

So. Das war's schon wieder. Wir gehen jetzt raus in die Sonne, lass uns den Pelz bräunen und drücken der Krautreporter-Crew zum Abschluss ganz kräftig alle Daumen. So viel Parteinahme muss mal sein!

In diesem Sinne
Ihre Freischreiber

Himmel-und_Hölle-Preis 2013

FREISCHREIBER TERMINE

Hamburg

Beim Stammtisch der Hamburger Freischreiber am 26. Mai dreht sich alles um das Thema Buch. Zum einen ist die Literaturagentin Heike Wilhelmi zu Gast, die seit 30 Jahren in der Branche unterwegs ist und eine Reihe erfolgreicher Sachbuchautoren vertritt. Zum anderen kommt Christof Blome, früher Lektor und inzwischen Programmleiter Sachbuch beim Rowohlt Verlag. Beide sollen uns die entscheidenden Tipps geben: Wie mache ich Verlage auf mich aufmerksam? Was für Themen sind gefragt? Welche Fehler lassen sich leicht vermeiden? Was gilt es, bei Verträgen zu beachten?
Dazu gibt es ein besonderes Angebot: Bringt eure Buchideen mit! Erfahrungsgemäß schlummert so was ja bei jedem Journalisten in irgendeiner Schublade. Einfach das Herzensthema in ein oder zwei Absätzen aufschreiben, dazu eure Kontaktdaten auf das Papier – und wer weiß, vielleicht ist das ja der Startschuss für die nächste Bestsellerkarriere.
Treffen ist am 26. Mai um 19.30 Uhr, wie immer mit Elbblick im Oberstübchen, Fischmarkt 27 (überm Golden Pudel Club, am Ende der Hafenstraße, nicht am Fischmarkt selbst). Bitte kurze Anmeldung an: bjoern.erichsen-at-gmail.com.

Berlin

Zum Thema „Daten und Datenjournalismus“ veranstaltet der Freie Marvin Oppong das Recherche-Lab IV am 20. Juni 2014 in Berlin. Neben Recherchen mit Excel und OpenRefine geht es auch um die School of Data und Textmining. Tame-Mitgründer Torsten Müller wird das Lab mit seinem Wissen zu Media Verification & Curation bereichern. Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Nähere Informationen zum Programm und zur Anmeldung sowie die Dokumentation der bisherigen Recherche-Labs auf der Homepage des Recherche-Labs.