Wer Journalismus fördern will, muss Journalistinnen und Journalisten fördern.

In der vergangenen Woche ist etwas Erstaunliches geschehen: Aus heiterem Himmel hat der Haushaltsausschuss des Bundestages im Entwurf für einen Nachtragshaushalt 220 Millionen Euro für „die Förderung der digitalen Transformation des Verlagswesens, zur Förderung des Absatzes und der Verbreitung von Abonnentenzeitungen, -zeitschriften und Anzeigenblättern“ vorgesehen. So unerwartet kam der Geldsegen für die Presseverlage, dass selbst deren Verbände davon überrascht wurden.

Und wir Freischreiber auch.

Zu Beginn der Corona-Krise hatten wir die Verlage gebeten: „Seid solidarisch!“. Bekommen haben wir stattdessen „gestraffte Honorare“. Vor einigen Wochen haben wir dann unseren Honorarreport 2020 veröffentlicht; der Inhalt: ein Horror, für alle, die glauben, dass Kompetenz und Leistung Geld wert sind. Vor allem für Lokalberichterstattung erhalten freie Journalist*innen nicht mehr als ein Taschengeld. Auf das tarifliche Gehalt von Redakteur*innen kommen die meisten nur dann, wenn sie deutlich mehr arbeiten als gesund ist oder fachfremd unterwegs sind. Natürlich könnte man jetzt sagen: Dann macht eben was anderes. Aber wer macht dann den nächsten Termin, erzählt den Menschen, was in ihrem Umfeld passiert? Aus Pflichtgefühl den Menschen, der Demokratie gegenüber machen viele freie Journalist*innen trotzdem weiter, oft weit über die Grenze der Selbstausbeutung hinaus – ein Verantwortungsbewusstsein, dass die Ippens, die Funkes, die Madsacks dieses Landes ganz offensichtlich nicht teilen. Die Krise hatte gerade erst begonnen, als Verlage schon Kurzarbeit anmeldeten, Aufträge stornierten, den Umfang von Zeitungen und Zeitschriften zurückfuhren. Journalismus, so scheint es, ist wie Schweinefleisch: Er muss möglichst billig produziert werden, möglichst hohe Renditen erzielen – auch wenn dies auf Kosten der Menschen und der Allgemeinheit geschieht.

Wir werden oft von Ministerien gebeten, Stellung in Gesetzgebungsverfahren zu beziehen. Dieses Mal, wo wir ein paar wirklich deutliche Worte zu sagen gehabt hätten, wurden wir nicht gefragt.

Deswegen richten wir uns auf diesem Wege an die Politik:

– Denken Sie zuerst an die Journalist*innen, wenn Sie sich um den Erhalt der Informationsvielfalt bemühen. Denn ohne Journalist*innen werden Zeitungen, Zeitschriften und Online-Plattformen leer bleiben.

– Schauen Sie sich an, was außerhalb der Verlage passiert: Journalismus braucht Innovation – jenseits der klassischen Medien ist sie längst im Gange. Fördern Sie nicht nur die großen Verlagshäuser, sondern auch die kleinen, verlagsunabhängigen journalistischen Projekte wie Medwatch, Riffreporter, Krautreporter und andere.

– Sorgen Sie dafür, dass Verlage dazu verpflichtet werden, Honorare zu zahlen, von denen freie Journalist*innen leben können; schaffen Sie ein Urheber*innenvertragsrecht, das für Augenhöhe zwischen Journalist*innen und Verlagen sorgt.

– Schließen Sie Verlage von der Zuteilung der nun bewilligten Gelder aus, deren Geschäftsmodell auf niedrigen Honoraren und restriktiven Vertragsbedingungen aufgebaut ist.

– Sprechen Sie mit uns. Wir Freischreiber vertreten einen großen Teil derjenigen, die journalistische Inhalte produzieren, nicht die Verlage und auch nicht die Gewerkschaften.

Hamburg 6. Juli 2020