Wie wär's mit einer Vision, Frau Jäkel?

Bei Gruner+Jahr gab es mal einen Vorstand, der die ersten Sparmaßnahmen im Haus in eine hübsche Metapher kleidete. Wenn auf das Schiff eine Riesenwelle zurolle, sagte er, müsse man den Leuten auf dem Sonnendeck mitteilen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseite stellen müssen. Mit seiner Nachfolgerin Julia Jäkel hat die Riesenwelle das Haus am Baumwall längst  erreicht. Es ist ein ehemaliges Flaggschiff des Deutschen Journalismus, dem man da Stück für Stück beim Havarieren zusieht.

Bei allen Schreckensmeldungen. Wir bleiben dabei: Um den Journalismus ist uns nicht bang – was wir erleben, ist eine Krise der Verlagskaufleute (nicht gerade selten als Flanellmännchen tituliert), denen seit Jahren nicht mehr eingefallen ist, als Kostenlosexemplare und Aboprämien. Schlimm genug für Journalisten, die ihre Leidenschaft und ihr Können in den Dienst einst so stolzer Häuser gestellt und darauf vertraut haben, dass es dort Leute gibt, die ihr Geschäft verstehen.

Liebe Frau Jäkel, liebe Herren von Bertelsmann, Sie wollen jetzt auf freie Autoren setzen, frei gesetzte und freiwillig freie. So ein Konzept – wenn man wie Sie „weiterhin für hohes journalistisches Niveau, genaue Recherche, hervorragende Texte“ stehen will, ist kein Sparmodell! Wir erinnern, was Freie zu hören bekamen, als die erste Kündigungswelle übers Sonnendeck fegte. Man könne unmöglich weiter die gleichen Honorare  zahlen – wo doch soeben die  Redakteure gefeuert worden waren. Damit werden Sie jetzt nicht mehr durchkommen. Um so weniger als die Flaggschiffe von G+J immer noch Gewinne machen, die sich prima einsetzen lassen, um guten Journalismus zu machen.

Liebe Frau Jäkel, liebe Herren von Bertelsmann. Wie wäre es also mit einer Vision?

  • Sie machen aus Brigitte (und wahrscheinlich bald auch den anderen Heften) ein Autorenblatt, das diesen Namen verdient. Autorinnen und Autoren, stehen im engen Austausch mit den Redaktionen. Nur so entsteht das Unverwechselbare eines Magazins. Ohne diesen “Unique Selling Point”, das müssten Sie eigentlich viel besser wissen als wir, sieht sich kein Mensch veranlasst ein Produkt zu kaufen.
  • Sie sind das “House of Content”. Sie bezahlen Autoren also ihrer Leistung entsprechend. Das kann bei Premium-Produkten nur Premium-Honorare bedeuten. Eine Entlohnung also, die beim alten Gruner-Tagessatz von 350 Euro anfängt.
  • Der Verlag macht seine Hausaufgaben auf der Erlösseite. Warum sind es die kleinen Medienprojekte, die mit neuen Erlösmodellen experimentieren? Warum sind es die anderen Verlagshäuser wie Springer, die in Start-ups investieren?

Warum aber sollten Sie schnellstens anfangen zu experimentieren und zu investieren? Weil der alte Kutter sich sonst kaum mehr lange halten wird.  Weil die Konkurrenz da draußen im Netz immer vielfältiger wird. Sie, liebe Frau Jäkel und Sie liebe Herren von Bertelsmann, nicht wir – konkurrieren im Internet mit Portalen, die vor allem auf inhaltliche Konzepte setzen, Redaktionen wie VICE oder Krautreporter. Für Sie ist das Konkurrenz, für uns sind das potenziell neue Auftraggeber.

Wir sind ja nur Journalisten und keine Manager. Aber wenn Sie es ernst meinen und dauerhaft mit guten freien Autoren zusammenarbeiten wollen, dann empfehlen wir Ihnen dringend die Lektüre unseres  „Code of Fairness“. Die Konkurrenz hat ihn nicht nur gelesen – sondern auch unterzeichnet.  Wenn Sie das auch tun, könnte das für Leute des Worts, wie uns, ein erstes Signal sein, dass es Ihnen bei allen Sparprogrammen womöglich ernst ist, mit den Inhalten.

P.S. Noch ein Hinweis an die Kollegen von den Gewerkschaften: „Betriebsbedingt“ kann bei einem Gewinn bringenden Objekt nur eine ganze Abteilung geschlossen werden. Dafür haben die Kaufleute vermutlich den Begriff der „schreibenden Redakteure“ ersonnen. Was so ausschließlich fast keiner bei der Brigitte tut – die meisten produzierten und redigierten auch und waren keine reinen Autoren. Sobald eine aus der übrig gebliebenen Leitungsteam eine Zeile schreibt, sollte man mal eine Klage prüfen.

15.12.2014