[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 20.03.2017

Liebe Freischreiberinnen und Freischreiber,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch wenn der Frühling mit Sturm, Regen und umgeknickten Krokussen daherkommt: Im Inneren der Freischreiber-Stuben wird bienenfleißig gerackert. Deshalb ereilt Sie schon wieder ein Newsletter von uns, randvoll gepackt mit Terminen (Obacht, manche sind kurzfristig!). Und auch unsere VG-Wort-Frühjahrsdiät (ein kompletter Newsletter ohne!) ist hiermit beendet:

Eine alternative Satzung für die VG Wort:
Eigentlich sollte am 18. März die Vollversammlung der VG Wort tagen, um u. a. einen neuen Verteilungsplan zu verabschieden. Wie berichtet, wurde die Versammlung auf den 20. Mai verschoben.
 
In der Zwischenzeit hat die Initiative www.vginfo.org, die sich als kritische Plattform gegenüber den Verwertungsgesellschaften versteht und in der auch Freischreiber-Mitglieder organisiert sind, einen alternativen Satzungsentwurf auf ihre Homepage gestellt.
 
Dieser Entwurf soll laut der Initiatoren ausdrücklich nicht als Antrag für die kommende Vollversammlung verstanden werden, sondern „eine Debatte darüber in Gang bringen, wo genau Autoren derzeit Veränderungsbedarf in der VG Wort sehen. Vor diesem Hintergrund freuen wir uns auf eine Debatte in den Kommentaren, die wir gern moderieren.“ Hier kann der Entwurf begutachtet und angeschaut werden (Link zum PDF).
 
Vorgeschlagen wird unter anderem, dass grundsätzlich jeder und jede Wahrnehmungsberechtigte Mitglied der VG Wort werden kann, unabhängig von der Höhe und der Dauer der bisherigen Ausschüttungen. Auch soll das bisherige Kammersystem der VG Wort mit seinen verschiedenen Berufsgruppen (von den Autoren über die Übersetzer bis zu den Verlegern) aufgelöst werden. Für alle, die an dieser Debatte Interesse haben: Hier findet sich die derzeit geltende Satzung der VG Wort (Link zum PDF).
 
Doch während wir uns hier noch Gedanken machen, wie eine neue, bessere VG Wort aussehen könnte, steuert die EU schon einen ganz anderen Kurs, warnt www.vginfo.org: Auf europäischer Ebene arbeitet man „mit Hochdruck darauf hin, dass die Urheber in Zukunft nicht mehr selbst entscheiden sollen (ob sie die Verleger an ihren Ausschüttungen beteiligen, Anm. d. Red.). Vielmehr sollen die Verleger in Zukunft einen Rechtsanspruch auf Beteiligung gegen die Autoren, auf Beteiligung an deren ,gerechtem Ausgleich‘ bekommen“, heißt es in einem Aufruf der Initiative. Sie fordert alle Urheber auf, Protestbriefe an EU-Abgeordnete zu schicken. Detaillierte Infos und Briefvorlage hier.
 
Die Entwicklung der Verwertungsgesellschaften ist auch das Thema eines dreistündigen Workshops, den Freischreiber-Vorstand Henry Steinhau auf der diesjährigen LIMA (Linke Medienakademie) hält: „Verwertungsgesellschaften und pauschale Vergütungen: Auslaufmodell oder Hoffnungsträger für (neue) Erträge im Digitalen?“
Termin: Sonntag, 2.4.2017, 10-13 Uhr, LIMA 17. Weitere Infos hier.
 
Der Folgeworkshop „Wie mache ich mich selbstständig?“ ist schon ausgebucht.
Das ganze Programm der LIMA 17 mit ihrem Freelancer-Tag findet sich hier (PDF).

„Zeit statt Zeile“ reloaded:
Das Fachgespräch zum Thema „Mindesthonorare für freie Journalisten“, das am 10. März im Bundestag bei der Fraktion DIE LINKE stattfand, hat einer alten Parole wieder frischen Wind verliehen: „Zeit statt Zeile“. Sie stammt aus den 90er-Jahren (manche sagen sogar 80er!) und ist leider aktuell wie nie (bei Zeilenhonoraren von 42 Cent und noch weit darunter). Wie das Gespräch verlaufen ist, lässt sich hier und hier nachlesen. 

„Hm, rechnen wir mal“:
Ist die Forderung nach einem Mindestlohn oder einem Mindesteinkommen für Journalisten und Journalistinnen sinnvoll? Oder wäre das schlicht Teufelszeug? Das wird immer mal wieder unter uns Freien diskutiert. Ein sehr lesenswertes Interview zum Thema „Mindesthonorare für Freischaffende“ mit Tabea Rößner, Grünen-Politikerin aus Rheinland-Pfalz, findet sich in der Wochenendausgabe der „taz“ (18./19.3.). Dabei geht es um die legendären Soloselbstständigen, die KSK und die nötige Stärkung der Berufsverbände. Und schließlich kommt man in vollendeter Klarheit auf die Kulturjournalisten zu sprechen: „Eine freie Journalistin liest den Kriminalroman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James, im Herbst 2016 in deutscher Übersetzung erschienen, 860 Seiten. Sie soll das Buch auf einer halben Zeitungsseite mit 5.000 Zeichen besprechen und dafür noch O-Töne vom Autor einholen. Ein dicht bedruckter Kriminalroman und ein eher anspruchsvolles Thema: Wie viel müsste eine soloselbstständige Journalistin als Minimum für ihren Artikel bekommen?“
Rößners Antwort: „Hm, rechnen wir mal. Zwei bis drei Tage für die Lektüre. Recherche/Interview vielleicht ein vierter Tag. Schreiben ein fünfter. Sagen wir mal fünf Tage, eine Arbeitswoche. Also fünf Tagessätze.“
Nächste Frage: „Wie hoch würden Sie den Tagessatz für eine Autorin ansetzen, die sich selbst versichern muss, ein eigenes Büro unterhält und auch einmal Urlaub machen möchte?“
Nächste Antwort: „Etwa 300 Euro als Tagessatz …? Ja, der Auftrag müsste mit 1.500 Euro honoriert werden!“
Gegenfrage: „Glauben Sie, dass irgendein privater oder öffentlich-rechtlicher Auftraggeber heute annähernd so viel dafür bezahlt?
Und die Antwort? „Nein.“
Und der Zusatz: „Und genau da liegt das Problem.“

Fleiß und Mut:
So heißt ein gemeinnütziger Berliner Verein, der Recherche-Stipendien an JournalistInnen-Teams vergibt. Das Stipendienprogramm „Kartographen“ will es „Teams erfahrener JournalistInnen ermöglichen, umfassende Recherchen zu gesellschaftsrelevanten Themen zu unternehmen“. Das Schwerpunktthema für 2017 lautet „Integration und Bildung“. Pro Team werden bis zu 28.000 Euro ausgeschüttet. Die Stipendien werden von der Stiftung Mercator finanziert. Im Beirat des Vereins sitzen u. a. die „Spiegel“-Redakteurin Özlem Gezer, Manuel J. Hartung von der „Zeit“ und Publizistik-Professor Otfried Jarren von der Uni Zürich. Zu den Stipendien schreibt der Verein: „Gefördert werden Teams sowohl von etablierten Medien also auch von Medien-Startups und aus der freien Szene. Nur recherche- oder investigativjournalistische Projekte können sich für den Zuschlag qualifizieren. Es werden nur Teams und keine Einzelpersonen gefördert.“ Anmeldeschluss ist der 3. Mai 2017. Die detaillierten Ausschreibungsunterlagen finden sich hier.

Ruhm, Ehre und ein warmer Händedruck:
Junge Journalisten und Journalistinnen bis 35 Jahre können an einem Wettbewerb teilnehmen, den das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen des G-20-Gipfels ausrichtet. Es geht um das Motto „Eine vernetzte Welt gestalten“. Gesucht werden „Beiträge über die Zukunft der Arbeit, Frauenerwerbstätigkeit, nachhaltige Lieferketten, Jugendbeschäftigung und Migration“, die „nach dem 1. Januar 2015 und vor dem Einsendeschluss am 5. April 2017 in deutschen Medien veröffentlicht worden sind“. Fünf Beiträge werden prämiert, die GewinnerInnen zum G-20-Gipfel eingeladen. Mehr unter. bmas.de.
 
 
Welt retten, Geld verdienen:
Mit diesem hehren Ziel beschäftigt sich das Jouvenir Meetup am 31. März um 18.30 Uhr im Haus 73 in Hamburg. Mit dabei sind der Digitalstratege Christoph Kappes (Schmalbart), Coach Dannie Quilitzsch (Social Impact Lab) sowie Gründerin Julia Köberlein (Der Kontext). Mehr dazu hier.
 
 
Wir können auch schön: Das fjum_forum journalismus und medien in Wien bietet einen Kurs an zum „literarischen Schreiben für JournalistInnen“. Auf ins schöne Wien und schöner schreiben lernen! Der Workshop findet an drei Tagen in zwei Modulen statt. Termine: 23.3., 24.3., 8.5.2017, jeweils 9–15 Uhr. Kostenbeitrag: 620 Euro (für freie JournalistInnen gibt es eine schöne Ermäßigung von 50 Prozent).
 
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen:
Ein Workshop über angemessene Berichterstattung zu Fluchtthemen und warum der sensible Sprachgebrauch so wichtig ist. Mit Alice Lanzke, Projektleiterin bei den Neuen deutschen Medienmachern, die auch für die Amadeu-Antonio-Stiftung Anti-Rassismus-Projekte betreut. W3, Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V. in Hamburg, Kursgebühr 15 Euro. Termin: Fr 31. März, 10–17 Uhr. Anmeldungen bitte bis zum 26. März an: info@w3-hamburg.de.

Zwei Seminare der Journalisten-Akademie der Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung:
Über eine schwierige Beziehung, die eine Geschichte platzen lassen kann:
Informieren oder Abservieren? Wie Pressesprecher_innen und Journalist_innen miteinander agieren“, am 23. März 2017 in Berlin;

und
 
Innovative Tools und Apps für Journalist_innen“: Im Webinar werden innovative und nützliche Werkzeuge vorgestellt, die entweder den journalistischen Arbeitsalltag erleichtern oder es ermöglichen, Themen multimedial und interaktiv aufzubereiten. 27.–30. März 2017, online, je von ca. 19.00–20.15 Uhr.
 
 
Ungeliebt, füllt aber die Kasse:
Viele Journalisten machen hin und wieder PR. Aber offenbar tun sie es nicht gern, wie Daniel Bouhs in der „taz“ schreibt, sondern weil sie Geld verdienen müssen. Bouhs’ Bericht liegt eine qualitative Befragung zugrunde, die der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Uni Mainz im Dezember 2016 durchgeführt hat. “Des Geldes wegen, aber nicht gern.”
 
 
Raus in den Park mit einem guten Buch! Wir hätten da ein paar Vorschläge:
 
1. „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“ von Freischreiber-Gründungsmitglied Charlotte Wiedemann ist am 10. März erschienen.

2. „Eddi Error“ heißt das Kinderbuch von Annegret Böhme über einen noch nicht ganz ausgereiften Aufräumrobotor, der in einer Familie landet.

3. „Dunkelblau – wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor“ von Dominik Schottner. Das Buch basiert auf Schottners Radioreportage „Danke. Ciao!“, für die er 2016 den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage bekommen hat.

4. „Kuddelmuddel von der Küste“. Maik Brandenburg hat ein Buch für die Lütten gemacht, mit Gedichten und Bildern zum Ausmalen.

5. Lesetermine für das Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ von Kathrin Hartmann. Die Autorin tourt durch die Lande, etwa in Würzburg oder in Dortmund.
 
6. Nicht zum Lesen, aber zum Gucken: Die Medizinjournalistin Sabine Thor-Wiedemann hat mit ihrer Koautorin Dorothee Schön (Berliner Freischreiber kennen sie als Gast bei einem der Stammtische) die Drehbücher zu einer ARD-Spielfilmserie verfasst. Sie heißt „Charité“, spielt in der Zeit um 1890 und läuft ab dem 21. März um 20.15 Uhr in der ARD.
 
7. Der Kladdebuchverlag finanziert seine Bücher über Crowdfunding. Für sein sogenanntes Crowdpublishing hat er 2014 auf der Frankfurter Buchmesse einen Preis für die beste Idee im Buchhandel bekommen. Und nun wird emsig gecrowdfunded, etwa für das Buchprojekt von Freischreiber-Regioleiter (Süd-West) Steve Przybilla: „United States of Food“ heißt die kulinarische Reportage-Rundreise durch die USA, in der es um Mondlicht-Gemüse und Zombie-Kaffee geht. Zum Funding geht’s hier lang.
 
8. Kein Buch, trotzdem zu empfehlen: Was aus so einem harmlosen Freischreiber-Stammtischbesuch entstehen kann, zeigt der Berliner Freischreiber Jens Mayer, den ein Stammtisch inspiriert hat. Nun veröffentlicht er seine erste Podcast-Reihe. Chapeau! http://serienreif-podcast.de

Das war es wieder von uns. Bevor wir uns trennen, hier noch ein luftiges Zitat eines sehr großen Dichters: „Das Schöne am Frühling ist, dass er immer gerade dann kommt, wenn man ihn braucht.“ (Jean Paul)
 
Frohe Grüße, Ihre :Freischreiber